Zeichen gegen Wegwerfmentalität Schüler wollen Osnabrück von Plastiktüten befreien

Wer Plastiktüten wegwirft, muss sie fürchten wie einen Bumerang. Denn der Kunststoffmüll gefährdet nicht nur die Ozeane. Über die Nahrungskette gelangt er, in kleinste Partikel zersetzt, zu uns zurück. Foto: Colourbox.deWer Plastiktüten wegwirft, muss sie fürchten wie einen Bumerang. Denn der Kunststoffmüll gefährdet nicht nur die Ozeane. Über die Nahrungskette gelangt er, in kleinste Partikel zersetzt, zu uns zurück. Foto: Colourbox.de 

Osnabrück. In Osnabrück kann die Plastiktüte bald einpacken: Binnen drei Jahren will ein wachsendes Bündnis von Umweltschützern die Stadt von Kunststoffbeuteln befreien. Angeführt wird es von Ursulaschülern. Der Startschuss fällt am Freitag im Rahmen der Jugendkulturtage.

Da haben sich die Klimabotschafter des bischöflichen Gymnasiums viel vorgenommen. Denn Plastiktüten gibt es in der Stadt an jeder Ecke. Sei es im Supermarkt, im Klamottenladen, beim Elektronikhändler, in der Drogerie oder auf dem Wochenmarkt: Kaum ein Einkauf endet nicht in der Mitnahme von neuen Tragetaschen aus Kunststoff. Zu Hause werden sie dann gehortet und manchmal tatsächlich wieder gebraucht. Aber selbst wer die Beutel mehrfach verwendet, gibt sie am Ende doch – mehr oder weniger achtlos – in den Abfall.

Diese Wegwerfmentalität, welche vor Jahresfrist schon die Europäische Union zu einem Aktionsplan veranlasste und im April in einem radikalen Entschluss des EU-Parlaments mündete, fordert nun auch die Ursulaschüler heraus. Seit 2011 werben sie unter dem Dach des Berliner Vereins „Youthinkgreen – Jugend denkt um.welt“ vor Ort für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur. Sie gaben Öko-Shoppingguides heraus, veranstalteten Kleidertausch-Partys und im Sommer erstmals das Musikfestival Green Planet. Das „Plastiktütenfreie Osnabrück“ ist ihre neueste Mission.

„Wir sagen: Stopp!“

„Plastiktüten sind überflüssig. Sie schaden der Umwelt und langfristig unserer Gesundheit“, schreiben die jungen Aktivisten auf ihrer Projekt-Homepage. Plastiktüten vereint zu riesigen, im Meer treibenden Müllteppichen, würden zur tödlichen Falle für Tiere. Auch für Menschen bliebe der Kunststoff gefährlich: Denn anstatt zu verrotten, zersetze er sich nur in mikroskopisch kleine Teile. Diese gelangten ins Wasser und landeten über die Nahrungskette schließlich auf unserem Teller. „Deswegen sagen wir: Stopp!“

Doch wie befreit man eine Stadt von Plastiktüten? Die Klimabotschafter wollen, dass keine neuen Plastiktüten mehr verkauft und herausgegeben werden. Sie sammeln alte Plastiktüten ein und schenken ihnen ein zweites Leben, zum Beispiel in Form von Taschen, Kleidung oder Kunstwerken. Aus alten Zeitungen wollen sie Papiertüten basteln und verteilen. Geschäften und Marktständen, die auf Plastiktüten verzichten, verleihen sie Plaketten aus Papier als Gütesiegel. Außerdem ist geplant, 1000 Jutebeutel auszugeben – bedruckt mit selbst entworfenen Motiven, etwa dem Spruch „Quadratisch, praktisch, jut“ oder einem Känguru und der Aufschrift „Gebeuteltes Osnabrück“. Domschüler hatten diesbezüglich im November 2013 einen Anfang gewagt: Bei der Aktion „Plastik kommt uns nicht in die Tüte“ forderten sie Passanten in der Fußgängerzone auf, ihre Plastiktüten gegen selbst bemalte Stoffbeutel einzutauschen.

Zeit bis Ende 2017

„Wir verlangen, dass für Einkäufe in Osnabrück Jutebeutel, Körbe, Rucksäcke, Papiertüten oder – zumindest vorübergehend – alte Plastiktüten verwendet werden“, lautet der Appell. Bis Ende 2015 soll so ein Großteil der Plastiktüten aus Osnabrück verschwunden sein. Doch das ist nur ein Etappenziel der Klimabotschafter. „Wir wollen, dass Osnabrück bis Ende 2017 plastiktütenfrei ist.“

Um das zu erreichen, haben die Jugendlichen mächtige Helfer um sich geschart. Universität und Hochschule sind bereits an Bord, die Osnabrücker Klimaallianz, das Kinderhilfswerk „terre des hommes“, auch die Lokale Agenda 21 und die Tanzschule Hull. Weitere Partner und Teilnehmer sind jederzeit willkommen. „Wir laden jeden Verband, jede Gruppe, jede Schule ein, im Projekt mitzumachen“, sagt Lehrer Tobias Romberg, der die Klimabotschafter betreut. „Außerdem setzen wir auf Bürger und Unternehmen.“

Große Unterstützung erfahren die Ursulaschüler jetzt auch von amtlicher und politischer Seite: Der Rat verabschiedete in seiner jüngsten Sitzung einstimmig einen von der rot-grünen Zählgemeinschaft eingebrachten Antrag zur „Eindämmung des Verbrauchs von Plastiktüten in Osnabrück“. Er garantiert dem Youthinkgreen-Projekt die Rückendeckung der Fraktionen und Anschub durch die Verwaltung. „Lassen Sie die Schüler voranschreiten und ihr Möglichstes versuchen“, forderte Heiko Panzer, umweltpolitischer Sprecher der SPD. Bürgermeisterin Birgit Strangmann (Grüne) als Spezialistin für Abfallwirtschaft regte eine städtische Kampagne mit dem Titel „Plastiktütenfreier Haushalt“ an. „Und wir könnten zusammen mit unseren Partnerstädten EU-weit vorangehen.“

Schirmherr im Zwiespalt

Vereinzelte Bedenken an einer behördlichen Einmischung – festgemacht an der Sorge, sie binde Personal und verursache Kosten –, schlugen sich bei der Abstimmung in drei Enthaltungen nieder. Eine davon leistete sich Oberbürgermeister Wolfgang Griesert. Was besonders bei Rot-Grün für Irritationen sorgte, denn der Rathauschef ist offizieller Schirmherr der Klimabotschafter-Aktion .


Die Stadt Osnabrück ist Mitglied im Klimabündnis Europäischer Städte und Gemeinden und setzt sich seit vielen Jahren für den Klimaschutz ein. Unter anderem erarbeitet sie mit dem Masterplan „100 Prozent Klimaschutz“ eine kommunale Strategie, um den Kohlendioxid-Ausstoß bis 2050 um 95 Prozent und den Energieverbrauch um die Hälfte zu senken.

Es ist vor allem dieser Handgriff an der Gemüsetheke: Eine dünne Plastiktüte wird abgerissen, drei Äpfel rein, nach Hause getragen, das Plastik wandert in den Abfall. Genau 25 Minuten benutzen die EU-Bürger jene 968 Milliarden Tütchen im Schnitt, ehe sie diese wegwerfen. Werden sie nicht verbrannt oder recycelt, brauchen sie zwischen 300 und 500 Jahre, um sich zu zersetzen. Als Mikropartikel gelangen sie ins Wasser: 250 Milliarden Kunststoffteilchen – Überreste auch von Tüten – mit einem Gesamtgewicht von mehr als 500 Tonnen treiben zwischen der Adria und der türkischen Riviera in der See. Umweltschützer warnen schon seit Jahren vor den Gefahren für das ökologische Gleichgewicht. Zwischen Kalifornien und Hawaii treibt nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen ein drei Millionen Tonnen schwerer Müllstrudel, dessen Fläche so groß ist wie Mitteleuropa. Hier kommen auf ein Kilo Plankton sechs Kilo Müll. Jährlich verenden eine Million Vögel, weil sie kleine Teile dieser Plastikreste gefressen haben. Einer der Gründe: Von den 380 Milliarden Plastiktüten, die die USA jedes Jahr verbrauchen, werden nur zwei Prozent wiederverwertet. Ein radikaler Entschluss des EU-Parlaments von April 2014 sieht vor, dass die EU-Länder mit eigenen strengen Regeln die Plastikflut weiter eindämmen dürfen, beispielsweise mit Abgaben, Steuern oder Verboten. Ziel des Parlaments ist es, innerhalb von fünf Jahren den Verbrauch von Einweg-Plastiktüten von 176 pro Kopf und Jahr auf 35 Tüten zu senken. In Deutschland werden pro Kopf etwa 71 Tüten pro Jahr genutzt, davon 64 Einwegtüten.

„Youthinkgreen – Jugend denkt um.welt“ ist ein unabhängiger, gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die weltweite Förderung der Umwelt- und Nachhaltigkeitsbildung. Der Verein versteht sich als internationale Austauschplattform für engagierte Jugendliche, außerdem als Triebfeder für altersgerechte Lösungen von globalen umwelt- und sozialpolitischen Herausforderungen. Im September 2011 wurde der Grundstein für Youthinkgreen an der Ursulaschule in Osnabrück gelegt: 23 Schüler im Alter von 14 bis 17 Jahren meldeten sich für die „Klimabotschafter AG“ an. Mittlerweile ist die Teilnehmerzahl auf 33 Schüler zwischen 13 bis 15 Jahren gestiegen. Auf das Konto der Klimabotschafter gehen beispielsweise die Herausgabe eines lokalen Öko-Einkaufsführers, die Veranstaltung von Umwelttagen an örtlichen Grundschulen und Kleidertausch-Partys. Im Sommer 2014 stellten sie außerdem das Musikfestival „Green Planet“ auf die Beine.

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