Erstes unordentliches Zimmertheater Eindringlich: „Die Frau vom Meer“ in Osnabrück auf der Bühne

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Anette Wolff als Ellida. Foto: Swaantje HehmannAnette Wolff als Ellida. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. „Robben sind eigentlich Menschen, die aus freiem Willen ins Meer gesprungen und ertrunken sind ...“ Auf einer Schaukel sitzend, erzählt Ellida (Anette Wolff) die Legende von der Robbenfrau, die erst zurück ins Meer findet, nachdem sie ihr Fell wiedergefunden hat. Wie in einem Zirkus sitzen die Zuschauer um die dreiteilige Podestbühne, derweil ein weiß gekleideter Akkordeonist die Szene musikalisch beherrscht.

Mit Volker Hunsches psychologisch-eindringlicher Inszenierung geht „Die Frau vom Meer“ im Ersten unordentlichen Zimmertheater über die Bühne. Basierend auf Henrik Ibsens 1888 entstandenem gleichnamigen Stück, konzentriert sich die 1998 erstellte Kurzfassung von US-Autorin Susan Sontag auf das Beziehungs- und Seelenleben der Ellida Wangel.

Als verwaiste Tochter eines Leuchtturmwärters zur zweiten Frau des Arztes Hartwig (Jörg Artmann) geworden, gleicht das maritime Naturkind einer gefangenen Robbe, die von ihrem Mann als „kalt wie das Meer“ empfunden wird. Auch zu Hartwigs Töchtern Boulette (Mareike Coordes) und Hilde (Janina Schröder) findet Ellida keinen Zugang, wird von ihnen als Stiefmutter nicht akzeptiert. Requisiten, die diese brisante Mischung aus Unfreiheit, Ausbruch und Isolation symbolisieren, sind Schaukel, ein offenes Fenster und eine vielseitig verwendbare Glasscheibe.

Anette Wolffs eindringliches Spiel machte Ellidas Unfähigkeit zum „freien Willen“ zwischen frei schaukelnder Meerfrau und biederem Hausmütterchen zur Existenzfrage. Statt den Locktönen des ihr wesensverwandten Akkordeonisten (Phillip Hodgson) zu folgen, kneift sie im letzten Moment.

Auch die auf Ausbruch erpichte Boulette „wählt“ die (Zweck-)Ehe mit Lehrer Arnholm (Marc-Philipp Nikolay). Nur Trotzköpfchen Hilde behält mit Eigensinn und schrillen Möwenschreien ihre Identität. Während es bei Ibsen zu einem vordergründig einvernehmlichen Ende kommt, wird Ellidas „freier Wille“ bei Susan Sontag zur Resignation: Sich anpassend, endet sie als gebrochene Frau. Die Robbenfrau hat ihr Fell endgültig verloren.


Weitere Aufführungen: Freitag, 17. Oktober, Samstag, 18. Oktober, Freitag, 14. November, Samstag, 15. November, Freitag, 5. Dezember, Samstag, 6. Dezember, und Sonntag, 28. Dezember. Jeweils 20 Uhr im Ersten unordentlichen Zimmertheater.

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