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Diskussion um Studierendenwerk Osnabrücker Studentenwerk will Namen behalten

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Wer die Gleichstellung von Mann und Frau anstrebt, muss auf seine Wortwahl achten – die Hochschulen in Osnabrück bemühen sich bereits darum. Symbolfoto: Colourbox.deWer die Gleichstellung von Mann und Frau anstrebt, muss auf seine Wortwahl achten – die Hochschulen in Osnabrück bemühen sich bereits darum. Symbolfoto: Colourbox.de

Osnabrück. Studierendenwerk statt Studentenwerk? Das Land Baden-Württemberg lässt sich diese bundesweit beachtete Umbenennung, die auf dem Streben nach „geschlechtergerechter Sprache“ fußt, gerade 640000 Euro kosten. Als Vorbild für Osnabrück taugt sie nur bedingt.

Wer mit Menschen spricht, die an den Osnabrücker Hochschulen lehren, lernen und verwalten, hört immer wieder den Begriff „Studierende“. Dieses Wort ist ein Ausdruck von sogenannter geschlechtergerechter oder gendersensibler Sprache. Als nicht geschlechtergerecht bezeichnen deren Befürworter das „generische Maskulinum“, bei dem nur die männliche Form („Student“, „Professor“, „Dozent“) genannt wird, obwohl beide Geschlechter gemeint sind. Ein Beispiel: Wenn eine Professorin in ihrer Vorlesung mit „Liebe Studenten“ begrüßt, obwohl Frauen anwesend sind, fühlten sich die Frauen nicht angesprochen.

Nötig sei eine Änderung des Sprachgebrauchs : Die Professorin kann zum Beispiel beide Geschlechter benennen („Studenten und Studentinnen“) oder eine neutrale Formulierung wählen („Studierende“). Die Idee dahinter ist, dass sich durch Änderung des Sprachgebrauchs auch die soziale Wirklichkeit wandelt, also stereotype Rollenbilder (Ärzte sind meist männlich, Krankenschwestern immer weiblich) verschwinden.

Müsste dann nicht auch das Osnabrücker Studentenwerk umbenannt werden? Annkatrin Kalas vom Gleichstellungsbüro der Uni gibt sich zurückhaltend: „Das ist eine Entscheidung, die auf Landesebene getroffen werden wird. Unser Wirkungsbereich ist die Universität.“

Bettina Charlotte Belker, Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule, will eine sofortige Umbenennung auch nicht fordern. „Ich neige zur Entdramatisierung“, sagt Belker. Eine Zuspitzung des Themas auf einen Begriff hält sie für kontraproduktiv. „Es ist sinnvoller, strukturelle Dinge zu fördern, keine Einzelaspekte.“

Der Asta der Hochschule hält eine Namensänderung grundsätzlich für wünschenswert. Linda Meier, Gleichstellungsreferentin des Asta, gibt aber auch zu bedenken: „Leider muss man im Kopf behalten, dass diese Umbenennung mit sehr vielen Kosten verbunden ist. Das Geld könnte aus Sicht der Studierenden besser in andere Zwecke investiert werden.“

Beim Studentenwerk selbst sei ein neuer Name derzeit kein Thema, sagt dessen stellvertretender Geschäftsführer Stefan Kobilke und ergänzt: „Das Studentenwerk ist eine etablierte Marke.“

Was die Offenheit für geschlechtergerechte Sprache angeht, sind die Gleichstellungsbeauftragten dagegen optimistisch. Gleichstellungsreferentin Annkatrin Kalas sagt, an der Universität stoße sie zunehmend auf Verständnis. Aber: „Das ist ein sehr emotionales Thema, das viel von persönlicher Haltung lebt und auf ein geteiltes Echo stößt“, so Kalas. „Das ist nichts, was sich per Erlass lückenlos durchsetzen lässt.“

An beiden Hochschulen gibt es schon „Studierendensekretariate“, an der Uni außerdem den „Studierendenservice“ und die „Studierenden Information Osnabrück“. Die Uni hat zudem einen Flyer zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch herausgegeben. Der empfiehlt, statt Teilnehmer Teilnehmende zu sagen, Dozierende statt Dozenten und Studierende statt Studenten. Wenn es allerdings nur um weibliche Studierende gehe, solle man besser Studentinnen sagen. Kreativität sei dagegen gefordert bei Formulierungen wie „jedermann“. Stattdessen könne man sagen: „Alle, die mitmachen möchten“.

Kreativ ist der Sprachgebrauch auf der Internetseite des Institutes für Mathematik : Im Online-Personalverzeichnis werden gleich mehrere Varianten verwendet. Hier werden „entpflichtete Professoren“ aufgelistet, obwohl eine Frau dabei ist. Es werden „Stipendiatinnen/Stipendiaten“ genannt und es gibt den Punkt „HochschuldozentIn“ und „wissenschaftliche MitarbeiterIn“.

Analog empfiehlt die Hochschule auf der Website ihres Frauen- und Gleichstellungsbüros etwa einen Leitfaden , der eine Anleitung zum Thema „Mediengestaltung“ gibt. Darin wird etwa geraten, bei Tagungen nicht nur die meist männlichen Experten auf dem Podium abzubilden, sondern auch mal in der Pause ein Bild zu machen und dadurch mehr Frauen zu zeigen. Und: „ Bei Pressemeldungen bzw. kurzen Texten, die nur für wenige Zitate Platz haben, bietet es sich an, bewusst ausschließlich Frauen zu zitieren.“

Die Gleichstellungsbeauftragte Bettina Charlotte Belker argumentiert: „Die Sprache, die wir benutzen, prägt unser Bewusstsein.“ Sie trage auch zur Identitätsbildung bei. Wenn permanent die männliche Form benutzt wird, schlage sich das auch auf das Rollenverständnis von Frauen und Männern nieder. Und wenn es im Kindergarten heiße: „Ich brauche mal einen starken Jungen zum Tragen“, speicherten die Kinder dieses Bild als Realität ab –Jungen sind stark. Denjenigen, die das nicht nachvollziehen können, schlägt Belker ein Experiment vor: In einer Gruppe von Fünf- bis Sechsjährigen solle man einfach mal nur die weibliche Form verwenden. Zum Beispiel: „Jede bekommt jetzt ein Eis.“ Ergebnis: „Die Jungen korrigieren das. Sie merken, dass sie nicht gemeint sind“, sagt Belker. „Die Mädchen dagegen sind schon daran gewöhnt, nicht mit genannt zu werden.“

Ein weiteres Beispiel für die prägende Wirkung von Sprache: Die Aktion Mensch hieß bis zum Jahr 2000 Aktion Sorgenkind. Die Änderung des Begriffes habe eine Änderung der Wahrnehmung nach sich gezogen, so Belker. Mit diesem neuen Sprachgebrauch des bundesweit bekannten Vereins werden aus „Sorgenkindern“, um die man sich gnädigerweise kümmerte, Menschen mit Behinderung, denen man auf Augenhöhe begegnet. „So ändert man die Haltungen“, sagt Bettina Charlotte Belker.


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