Alte-Musik-Festivals Musica Viva Wieder einmal zu Besuch: Traversflötist Barthold Kuijken

Von Martina Binnig

Endeckt Bach neu: Barthold Kuijken. Foto: Elvira PartonEndeckt Bach neu: Barthold Kuijken. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Der belgische Traversflötist Barthold Kuijken zählt zu den treuesten und beliebtesten Musikern von Musica Viva. Diesmal waren er und der Cembalist Ewald Demeyere in der Kapelle von Gut Sutthausen mit Bachs Sonaten e-Moll und h-Moll zu Gast.

Wenn er Bach spiele, sei eigentlich jedes Mal ein erstes Mal, sagt Kuijken: „Denn in der Begegnung mit Bach und überhaupt mit großer Kunst hat man nie das Gefühl, dass man schon alles weiß und ausgelernt hat.“ Kuijken vergleicht Bachs Musik mit „einem guten Buch oder einem Gemälde, von dem man niemals den Eindruck bekommt, dass man es schon oft genug gelesen oder gesehen hätte.“ Ganz im Gegenteil: Man könne an zwei aufeinander folgenden Tagen ein und dasselbe Bild betrachten und sehe es doch mit ganz anderen Augen, da man nicht dieselbe Person sei, sondern einen Tag älter.

Dieser vielschichtige Reichtum der Kompositionen Bachs teile sich nicht nur den Interpreten, sondern genauso dem Publikum mit: „Es ist, als wäre man mit großem Vergnügen wieder einmal zu Besuch bei guten Freunden oder in schönen Städten.“ Bachs Musik spiele man immer wieder anders, ohne sie überhaupt vorsätzlich anders spielen zu wollen.

Genau umgekehrt verhält es sich mit der Sonate D-Dur von Georg Philipp Telemann, die Telemann original für Viola da Gamba komponiert hat: Sie stellt für Kuijken eine Premiere dar. „Im Allgemeinen bin ich zurückhaltend mit Bearbeitungen, da man dabei oft zu viel verliert. Denn wieso sollte man eine Bearbeitung spielen, wenn es ein besseres Original gibt?“, fragt Kuijken. Doch Telemanns Gambensonate habe sich so für Traversflöte einrichten lassen, dass das Wesentliche erhalten bleibe. Allerdings zeigt sich Kuijken im Gespräch vor dem Konzert gespannt: „Ein Konzert ist etwas anderes als eine Probe. Der echte Test ist das Essen, nicht die Zubereitung!“

Doch der Test gelingt: Das Publikum goutiert die Sonate Telemanns, die durch die unbegleitete Traversflöte und die intime Atmosphäre der Kapelle besonders zart wirkt, mit großem Beifall. Auch Demeyeres Solobeitrag, Bachs französische Suite c-Moll für Cembalo solo, wird begeistert aufgenommen.

Abgerundet wird das Programm durch die Sonate a-Moll von Carl Philipp Emanuel Bach und, als Zugabe, noch einmal etwas vom alten Bach: das Siciliano aus der Flötensonate in E-Dur. Und Kuijken kommentiert: „Das ist vielleicht der schönste Satz aus Bachs Sonaten.“