Araber und Juden musizieren mit Engeln Giora Feidman und Kinan Azmeh treffen den Osnabrücker Jugendchor

Von Tom Bullmann


Osnabrück. Zwei Meister der Klarinette und ein Chor: Im Dom St. Peter kreuzten Giora Feidman und Kinan Azmeh ihre Klarinetten, zum Teil zusammen mit dem Osnabrücker Jugendchor. Das Publikum im ausverkauften Gotteshaus blieb nicht unbeteiligt: Feidman forderte es erfolgreich auf, bei einigen Liedern mitzusingen.

Sanft und leise hallen die Klänge aus Kinan Azmehs Klarinette durch das Kirchenschiff. Als würde er mit der besonderen Akustik des Raums spielen, lässt er die Melodien einer Rezitation erklingen, bis Giora Feidman übernimmt und der Jugendchor mit einem Bordunton ein adäquates Klangfundament bereitet. Die Intensität steigert sich geradezu magisch, der Dom ist erfüllt von dieser ungewöhnlichen Konstellation. Doch es bleibt nicht mystisch. Als Feidman nach einem Intro Azmehs mitten im Kirchenschiff seine Klarinette anstimmt, bildet er langsam eine Variation des hebräischen Volkslieds „Hava Nagila“ heraus und fordert die Besucher des Konzerts auf, einen Grundton zu summen, auf dem er improvisiert.

Wie sich herausstellt, verzichtet der weltberühmte israelische Musiker auf die typischen Klezmer-Merkmale, die heiteren Juchzer und das rhythmische Gemecker. Stattdessen dominieren, vielleicht der Dom-Akustik geschuldet, die andächtigen, getragenen Töne. Im Zusammenspiel mit seinem Kollegen aus Syrien entsteht ein eindrucksvoller Dialog. Der offenbart den Unterschied zwischen den Spielweisen: hier der klare Ton des erfahrenen Klezmermusikers, dort der mitunter luftige, experimentellere, sehr lyrische Ansatz Azmehs.

Als Feidman die Bassklarinette zur Hand nimmt, um eine einfache Grundmelodie anzustimmen, ermöglicht er Azmeh eine eindringliche Improvisation. Mit dem Lied „Hear My Prayer“ von Henry Purcell und „Peace I Leave With You“ von Knut Nystedt zeigt der Jugendchor sich von seiner besten Seite – und ermöglicht den beiden Instrumentalisten, kurz Pause zu machen und durchzuatmen.

Das nachfolgende „In Monte Oliveti“ von Carlo Gesualdo, das die beiden Klarinettisten im Wechsel mit dem Chor interpretieren, ist dann so richtig nach Feidmans Geschmack: „Hier musizieren arabische und jüdische Musiker zusammen mit diesen Engeln (damit meint er die Chorsänger) in einer deutscher Kirche“, sagt der 78-Jährige, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit seiner Musik ein Statement für die friedliche Koexistenz der Völker und Religionen abzugeben. „Wir sind alle eine Familie“, ruft er aus und stimmt den Song „Shalom Chaverim“ an, um diesem Gefühl Ausdruck zu geben.

Feidman war es auch gewesen, der diese erstmalige Begegnung mit Kinan Azmeh initiiert hatte. Schon vor einigen Jahren hatte er bei seinem syrischen Kollegen angerufen, einfach nur, um ihn zu seinem fantastischen Spiel zu beglückwünschen. Grund genug für Michael Dreyer, den künstlerischen Leiter des Morgenland Festivals, beide zu dieser ungewöhnlichen und beeindruckenden Begegnung einzuladen.