Verzweifelte Studenten Uni Osnabrück beschäftigt Nachhilfeprofessor

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Osnabrück. Prof. Dr. Alfred Zieglers Hauptaufgabe ist es, Studenten durch ihr Studium zu bringen. Im Fachbereich Physik ist er als Nachhilfeprofessor angestellt. Seine Studenten und Kollegen sprechen in den höchsten Tönen von Ziegler. Sogar institutsfremde Mathestudenten suchen ihn auf.

Wir bringen Sie durch!“ Der Zettel an der Tür zum Büro des Professors klingt verheißungsvoll. Leicht ist der Raum im verwinkelten Physik-Gebäude auf dem Campus Westerberg nicht zu finden. Trotzdem harren hier regelmäßig Studenten auf dem engen, dunklen Flur aus, wenn die Tür ausnahmsweise einmal verschlossen ist. Sie wollen zu Alfred Ziegler, einem kleinen, stämmigen Mann Anfang 60. An diesem Tag im Spätsommer trägt er offene Sandalen, ein blaues Hemd und eine helle Stoffhose. Er hockt an zusammengeschobenen Tischen. Darauf stehen eine große Dose Haribo und Karamellbonbons. Nervennahrung für verzweifelte Studenten. In Spitzenzeiten sind es bis zu 20 gleichzeitig, dann serviert Ziegler auch mal Brötchen. Auf der Tafel hinter den Tischen prangen komplizierte Formeln.

Alfred Ziegler ist „außerplanmäßiger“ Professor. Das bedeutet, dass er sich Professor nennen darf, aber an der Uni Osnabrück keine reguläre Professorenstelle besetzt. Außergewöhnlich ist auch der Job, für den Ziegler vom Fachbereich Physik eingestellt wurde. Er ist einer von zwei Nachhilfe-Professoren.

Das bedeutet: Die Tür seines Büros steht von morgens bis abends offen – wenn Ziegler nicht gerade eine Vorlesung hält. Die Studenten kommen ohne Termin vorbei, und der Professor hilft ihnen bei Physik- und Matheproblemen. „Wir sind hier als Notärzte tätig“, sagt Ziegler. 2008 wurde seine Stelle geschaffen, weil die Abbrecherzahlen in der Physik so hoch waren. „Selbst einfache Dinge waren in höheren Semestern nicht klar“, sagt Ziegler. Analog zu seiner Stelle gibt es einen weiteren Professor, der bei Problemen mit der experimentellen Physik hilft.

Ein Student betritt grußlos den Raum, fläzt sich auf einen der Schreibtischstühle und legt sein Portemonnaie vor sich auf den Tisch. In der Hand hält er einen Kaffeebecher. Gerade hat er eine Klausur bei Professor Ziegler geschrieben. „Wollen Sie direkt die Auflösung?“, fragt der. „Das war nichts, oder?“, fragt der Student zurück. In lockerem Ton fliegt Physik-Fachvokabular durch den Raum. Der Laie versteht nichts – unter anderem geht es offenbar um Kugeln, die von Bergspitzen rollen. Die Fehler, die der Student in der Prüfung gemacht hat, lassen sich schnell klären. Der junge Mann gestikuliert, fasst sich an den Kopf, erkennt, was er falsch gemacht hat, und ist beruhigt, dass es dann doch nicht so viel ist. „Und – wie ist ihr Gesamtkommentar zur Klausur: Fast schon zu leicht, oder?“, fragt Ziegler.

Der Nachhilfeprofessor verarztet an diesem Zufluchtsort alle, die überfordert sind. „Besonders die Begabten erleben hier den Schock fürs Leben“, sagt Alfred Ziegler. Sie seien den Lernaufwand und Frust, den ein Bachelorstudium mit sich bringen kann, nicht gewohnt. Nach sechs Jahren als Nachhilfeprof hat er außerdem festgestellt: „Professoren können sich nicht mehr in Anfänger hineinversetzen.“

Ziegler sagt, er unterscheide nicht nach gut und schlecht. Von Kollegen habe er dafür schon Kritik einstecken müssen. Es kamen Sprüche wie: „Hier werden nur die Totgeweihten am Leben erhalten.“

Einen Grund für die großen Probleme der Anfänger sieht Ziegler im Bachelor-System: Zu viel Stoff in zu kurzer Zeit. „Unis sind Ausbildungsfabriken“, sagt der 63-Jährige. Diejenigen, die nicht mithalten können, landen bei ihm. „Und nach sechs Uhr abends schleichen sich auch die Doktoranden hier rein“, sagt der Professor.

Physik-Dekan Prof. Philipp Maaß bestätigt: Auch Studenten aus dem „oberen Teil des Leistungsspektrums“ nehmen Zieglers Dienste in Anspruch, um ihr Wissen zu vertiefen. Selbst Mathestudenten, die mit der Physik eigentlich nichts zu tun haben, finden mittlerweile zielsicher das Büro im zweiten Stock. Physikprofessoren fragen bei ihm nach, wie die eigene Vorlesung bei den Studenten ankommt. Auch in den Ferien ist der Professor erreichbar und unterstützt die Studenten.

Zum Fachmann für Didaktik wurde Ziegler eher zufällig. Der Wissenschaftler hatte sich habilitiert, fand dann aber keine feste Professorenstelle. Schließlich holte er innerhalb eines Jahres ein Lehramtsstudium nach und unterrichtete an einem Abendgymnasium. Dort war er unterfordert. Als die Osnabrücker Physik einen Mitarbeiter suchte, der Studenten unterstützen sollte, bewarb sich Ziegler und bekam den Job. „Die Stelle ist mir wie auf den Leib geschrieben“, sagt er.

„Wir bringen Sie durch!“ Der Zettel an seiner Tür verspricht nicht zu viel. Seine Studenten und auch andere Physikdozenten loben die Arbeit des 63-Jährigen in den höchsten Tönen. Anhand von Statistiken lässt sich der Ziegler-Effekt nicht belegen. Fest steht: Bis zum dritten Semester bricht etwa ein Drittel der Physikstudenten ihr Studium ab. Darunter wohl auch viele, die nur ein Semesterticket schnorren und die Vorteile des Studentendaseins nutzen wollen. Aber: „Die Betreuung bewirkt ohne Zweifel eine qualitative Verbesserung des Studiums, was naturgemäß von keiner Statistik erfasst wird“, sagt Physik-Dekan Maaß. „Für mich ist eine ganz wichtige Frage, wie viele Studierende erfolgreich ihr Studium abschließen und in welcher Zeit sie das hinbekommen. Ich habe Studierende in Prüfungen gehabt, die gesagt haben, dass sie ohne Ziegler das Studium geschmissen hätten.“

Ebenfalls nicht nachweisen lässt sich, wie viele institutsfremde Mathestudenten ihr Studium ohne den Nachhilfeprof aufgegeben hätten. Mit Erstsemestern, die von ihrer Mathe-Einführungsvorlesung überfordert sind, bereitet Ziegler regelmäßig den schwierigen Stoff nach. Bis zu 20 Hilfesuchende waren es im vergangenen Semester, in Vorjahren auch schon bis zu 100.

Einer dieser Mathestudenten ist Daniel Böß. Der 25-Jährige studiert Informatik und Mathe auf Bachelor. Dass reihenweise Mathestudenten bei einem Physikprofessor Nachhilfe nehmen, bezeichnet er als „peinlich“. „Das ist genauso, als ob ich für Informatik zu einem Biologen gehen würde.“ Mit dem Informatikstudium ist er durch. In Mathe hakt es nun an der Einführungsvorlesung. Weitere Matheklausuren hat er bereits bestanden. Zwar gibt es zur Vorlesung zwei Übungsveranstaltungen, in denen der Stoff mit älteren Mathestudenten nachbereitet werden soll. Viele Anfänger ziehen aber Zieglers Nachhilfe vor.

Auch Inka Lohmeier. Sie studiert Mathe und Physik auf Lehramt, ist 19 Jahre alt und kommt ins dritte Semester. „Er hilft zu begreifen“, sagt sie über Professor Ziegler. Von über 100 Studenten, die mit ihr in Mathe anfingen, seien im dritten Semester etwa 40 übrig geblieben. „Die Mathevorlesung ist eben auch viel trockener. Das darf man nicht unterschätzen.“ Aber: Wer sich ernsthaft bemühe, könne es schaffen, sagt die 19-Jährige, die die Klausur gerade im dritten Anlauf bestanden hat – nun sogar mit einer 1,3.

Alfred Ziegler wird noch bis 2016 als Nachhilfeprofessor in Osnabrück arbeiten. Dann geht er in Rente. Der Dekan würde die Stelle gerne neu besetzen.


Weiterbildungsmöglichkeiten für Dozenten gäbe es viele. Die Uni Osnabrück bietet zusammen mit den Unis in Bremen und Oldenburg bereits seit 2005 eine umfangreiche Fortbildung an. Insgesamt 200 Stunden lang lernen Teilnehmer zum Beispiel Lehrmethoden und Prüfungsvorbereitung. Bis zu 120 Dozenten nehmen jährlich in Osnabrück teil, so Frank Wirtz, der das Projekt in Osnabrück betreut. Besonders beliebt sei die Fortbildung bei Dozenten, die einmal Professor werden wollen. Denn am Ende erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat, das sie bei einer Bewerbung vorlegen können. Bereits berufene Professoren nehmen „ganz selten“ teil, sagt Wirtz.

Außerdem gibt es das Zepros (Zentrum für Promovierende und promovierte Nachwuchswissenschaftler). Wer seinen Doktor macht oder in der Tasche hat, kann sich hier ebenfalls weiterbilden, um seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Beide Angebote sind freiwillig. Und dann ist da noch die Kopro (Koordinationsstelle Professionalisierungsbereich) mit ihrem Tutoren- und Multiplikatorenprogramm. Hier sollen Tutoren durch Schulungen zu besseren Lernbegleitern werden.

Zwingen kann die Uni allerdings keinen Professor, seine Lehre zu verbessern. Der Beamtenstatus schützt vor einer Kündigung. Das äußerste Mittel bei wiederholten Beschwerden sind Gespräche mit Instituts- und Unileitung. Ändern muss sich dadurch nichts.

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