Morgenland Festival Konzert von Salman Gambarov und Florian Weber

Von Markus Pöhlking


Osnabrück. Streng genommen waren es gleich zweieinhalb Konzerte, zu denen sich der furiose Auftritt von Salman Gambarov und Florian Weber im Rahmen des Morgenland Festivals am Mittwoch in der Lagerhalle auswuchs.

Das fulminante Duett zweier Jazz-Pianisten mündete nach kurzer Umbaupause ins Gastspiel einer transatlantischen Dreier-Combo. Die ihrerseits entwickelte sich dann rasch zum Quintett und schlug, angereichert durch den Einsatz von Darbouka und Ney, den Bogen zurück zum Festivalthema. Am Ende blieb dem Publikum kaum mehr, als beeindruckt „Chapeau!“ zu sagen.

Der Beginn ist zunächst mal ganz ruhig: Der aus Aserbaidschan stammende Salman Gambarov startet langsam mit bedächtig schreitenden Bässen und kleinen kontrapunktischen Figuren, als wär’s ein Stück von Bach. Florian Weber streut ganz allmählich hier und da mal ein paar Töne ein, setzt erst ganz allmählich stärkere Akzente. Irgendwann kommt ein Dialog in Fluss, der sich aus Impressionismus und Stride-Piano, aus Reminiszenzen aus dem Schatz der Musikgeschichte speist. Hauptsache: Kein formaler Zwang schränkt die beiden und ihren freien, inspirierten und inspirierenden musikalischen Diskurs ein.

Zwischendurch dämmt Weber im Spiel die Saiten seines Pianos ab, erweitert dessen Klangspektrum um ein paar ruppige Basstöne. Und irgendwann reißt es Gamabrov vom Schemel: Mit dem Oberkörper vergräbt er sich in Webers Instrument, zupft und zerrt dort im Zusammenspiel mit Weber Töne hervor, die irgendwo jenseits der klassischen Konvention liegen. Wie gut das funktioniert, führt eine Episode vor Augen und Ohren, in der sich Humor und Virtuosität genial ergänzen: In einer Art pianistischem Rundlauf spielt sich Gambarov von oben in Webers Instrument, übernimmt dessen kreisendes Bassmotiv und schickt Weber ans andere Instrument – auf CD würde sich dieser Wechsel nicht erschließen, so perfekt übernimmt der eine die Musik des anderen. Nach einer Stunde findet das fulminante Konzert einen letzten Höhepunkt im komischen Duell zweier Virtuosen, ehe es, langsam leiser werdend, abebbt – und in einer vorproduzierten Einspielung über Lautsprecher endet. Genial.

Ganz anders gestaltet sich der zweite Part: Für personelle Konstanz sorgt Weber, der, erneut am Piano, zunächst auf seinen New Yorker Kollegen Dan Weiss am Schlagzeug trifft. Mal streichelnd, mal klopfend, kreiert Weiss eine komplexe und sperrige Rhythmus-Kulisse, die zunächst eher parallel zum Spiel Webers verläuft, als eine Verbindung zu suchen.

Als einigende Klammer fügt Ralph Alessi mit der Trompete beides zusammen. Die drei Musiker eröffnen sich gegenseitig Räume: Mal leitet Weber mit herrlich verträumten Klängen ein Stück ein, mal erwachsen dem unglaublich variablen und variantenreichen Spiel von Weiss ausufernde Soli.

Und immer wieder schafft Alessi mit seinem Trompetenspiel einen Ausgleich, verdichtet den Vortrag, nimmt sich Platz für eigene Akzente. Im Schlussteil schließlich verleihen Moslem Rahal an der Ney und Rony Barrak mit der Darbouka dem Jazz des vormaligen Trios ein morgenländisches Gewand: Besonders die atemberaubenden Trommeleinlagen Barraks sorgen für spontane Beifallsstürme. Der viel beschworene Begegnungscharakter des Morgenland Festivals manifestiert sich eindrucksvoll in der Zugabe: Komplettiert durch Gambarov, wird die Bühne Schauplatz einer Jam-Session, die Musiker setzen sich gegenseitig in Szene – und kommunizieren reibungslos irgendwo jenseits aller Sprachgrenzen.

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