„Wise Guys“ auf Tour Sänger Edzard Hüneke übers neue Album „Achterbahn“

Von Matthias Liedtke

Dienstälteste A-cappella-Formation: Wise Guys. Foto: SeilerDienstälteste A-cappella-Formation: Wise Guys. Foto: Seiler

Osnabrück. Mit ihrem neuen, mittlerweile 13. Studioalbum, das am morgigen Freitag erscheint, geht das Kölner Vokalpop-Quintett einmal mehr neue Wege. Bariton Edzard „Eddi“ Hüneke spricht vor dem Beginn der „Achterbahn“-Tour über das Gefühl, selbstbestimmt zu arbeiten, ohne viel Gepäck zu reisen und einen erneuten Meilenstein der Bandgeschichte.

Herr Hüneke, die Veröffentlichung des ersten Albums liegt nun zwanzig Jahre zurück. Wie fühlt es sich an, nicht nur Deutschlands erfolgreichste, sondern auch dienstälteste A-cappella-Formation zu sein?

Es ist ein tolles Gefühl, weil wir – ohne es vorher geplant zu haben – drangeblieben sind und immer weiter an einer Vision gearbeitet haben, die sich zunehmend entfaltet und noch längst nicht vollendet ist. Auf dem Weg dorthin fühlt sich das neue Album an wie ein erneuter Meilenstein, da wir zum ersten Mal aus unseren eigenen Reihen die Produktion in unserem gewohnten Proberaum in Köln-Hürth bestritten haben. Unser neuer Bass Andrea Figallo hat es aufgenommen und produziert. Jeder Einzelne von uns war diesmal mehr eingebunden und an den musikalischen Entscheidungen beteiligt.

Wie hat sich die uneingeschränkte Eigenregie auf den Produktionsprozess ausgewirkt?

Sehr angenehm. Entspannter und gleichzeitig fokussierter. Und von der Zeit her flexibler und gleichzeitig schneller als vorher. Außerdem hat Andrea, der uns mit seinem skurrilen Humor beflügelt und musikalisch einer der weltweit besten Bass-Perkussionisten ist, sehr viele neue Impulse eingebracht. Er verfügt über Fähigkeiten, über die wir auch bei Live-Konzerten immer wieder staunen, und bringt einen Groove rein, den wir so vorher nicht machen konnten. Für den satten Sound hat dann Grammy-Preisträger Bill Hare in den USA gesorgt, wo das Album im Dialog mit uns so abgemischt wurde, dass man fast vergisst, dass es ganz ohne Instrumente eingespielt wurde.

Auf der Vorab-Single geht es um ein „Sägewerk in Bad Segeberg“, in dem keiner mehr zehn Finger hat und deshalb niemand mehr Klavier spielt. Das Tonstudio trägt auch den Namen Sägewerk. Ist damit das Geheimnis gelüftet, warum die Wise Guys keine Instrumente spielen?

Eine schöne Variante. Wir erzählen aber immer, dass wir nach dem Abitur die Instrumente, die wir von der Schule ausgeliehen haben, zurückgeben mussten. In Wahrheit ist es aber so, dass wir früh gemerkt haben, dass wir mit der A-cappella-Musik sehr gut ankommen. Außerdem hat es auch praktische Vorteile. Man hat weniger Reisegepäck und muss nicht lange auf- und abbauen.

Besitzen die Wise Guys denn eigentlich eine Bahn-Card?

Einige. Wir haben sogar mal drüber nachgedacht, ob wir unsere Touren ohne Bus bestreiten und mit der Bahn fahren. Aber da gibt es dann doch zu viele Unwägbarkeiten. Aber grundsätzlich ist es ein sehr angenehmes Reisen. Wir sind alle große Fans der Bahn. Zumindest in der Theorie. Oft aber auch in der Praxis. Der Song, auf den Sie anspielen, wurde übrigens von der Bahn seinerzeit in ihrem Bordprogramm tatsächlich zensiert.

Das neue Album und auch die am Samstag startende Tournee heißt „Achterbahn“. Wofür steht der Titel?

Bei den Aufnahmen der Songs ist uns deren Verschiedenheit aufgefallen. Neben albernen, schwarzhumorigen Titeln wie dem „Sägewerk“ gibt es Trost spendende Balladen wie „Ein Engel“ oder mit „Dankbar für die Zeit“ auch ein Lied über den Tod. Es werden also Tiefen und Höhen durchschritten. Und das schien uns eben der Achterbahnfahrt des Lebens zu entsprechen.

Dabei fällt auf, dass diesmal viele sehr nachdenkliche, aber auch ganz schön abgeklärte Stücke dabei sind. Werden die Wise Guys jetzt altersweise? Das wäre wünschenswert. Mal abgesehen vom Alter hätte ich da nichts gegen.

Bei einem Stück übernimmt Jasmin Wagner, die früher mal Blümchen war, den Leadgesang. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Über den Verlag. Unser Hauptsongwriter Dän Dickopf hatte die Idee, den schon länger bestehenden Song „Küss mich“ aus der Sicht einer Frau zu singen. Mit ihr hat es dann gefunkt. Sie ist sehr auf dem Boden geblieben, und die Zusammenarbeit mit ihr war unkompliziert. Vielleicht wird sie auch hier und da punktuell auch mal als Überraschungsgast eingebaut.

Ein anderes Stück heißt „Antidepressivum“. Ist die Musik auch eine Art Therapie?

Das ist ganz sicher so. Nach dem Konzert geht es uns meist besser als vorher. Das hängt aber auch mit der Rückmeldung des Publikums zusammen. Wir feiern und befeuern uns da gegenseitig. Das ist ein sehr dialogischer Prozess.

Gibt es auf der neuen Platte ein Lieblingsstück? „Ans Ende der Welt“ ist ein bisschen dazu avanciert. Ich bin begeistert und überrascht, welche Klangwand wir damit auf die Bühne stellen.

In der nächsten Woche steht gleich als zweiter Tour-Termin Osnabrück auf dem Plan. Gibt es da besondere Erinnerungen oder Erwartungen? Wir haben dort ein sehr treues Publikum. Ich habe früher als Kind die Stadt oft besucht, weil meine Tante dort lebt. Außerdem haben meine Eltern eine ganze Zeit lang in Bad Iburg gewohnt. Insofern habe ich da viele persönliche Erinnerungen. Allerdings ist es diesmal das erste Mal, dass ich meine Eltern dort nicht sehen werde, weil sie inzwischen zurück nach Köln gezogen sind.

Wird es eigentlich noch einmal einen Song über den FC geben oder erst, wenn er wieder erfolglos ist?

Das hat Dän sogar vor der Sommerpause einmal auf der Bühne versprochen. Aber genau umgekehrt unter anhaltenden Erfolgsbedingungen. Und das muss nicht unbedingt die Champions League sein.

Wise Guys live am Dienstag, 30. September, 20 Uhr, in der Osnabrückhalle. Tickethotline 0541/3490-24