Polizei Osnabrück ermittelt weiter Keine Zeugen für Übergriff auf Kind am Rosenplatz

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Der mutmaßliche Übergriff auf ein Schulkind am Rosenplatz lässt die Gerüchteküche brodeln – zum Leidwesen der Polizei. Symbolfoto: Gert WestdörpDer mutmaßliche Übergriff auf ein Schulkind am Rosenplatz lässt die Gerüchteküche brodeln – zum Leidwesen der Polizei. Symbolfoto: Gert Westdörp

Osnabrück. Die Nachricht vom Übergriff eines Fremden auf eine Neunjährige, den eine ältere Frau durch beherztes Eingreifen vereitelt haben soll, hat die Bürger aufgeschreckt. Eltern verfallen in Panik, Schulen fühlen sich zu Rundbriefen veranlasst und reden ausführlich mit den Kindern. Dabei ist nicht einmal klar, was sich am Dienstagmorgen vor einer Woche auf dem Rosenplatz in Osnabrück wirklich abgespielt hat. Die Polizei jedenfalls warnt vor voreiligen Schlüssen.

Aus redaktioneller Sicht war es die Topmeldung der Woche. Zwar reichten die Informationen damals gerade einmal für einen 41 Zeilen langen Einspalter auf der ersten Lokalseite unserer Zeitung. Auf noz.de aber wurde der Beitrag inzwischen über 19.500-mal gelesen . Und ein zugehöriger Eintrag im Facebook-Profil der Neuen OZ wurde mehr als 1000-mal geteilt – was wiederum zu fast 100.000 Einblendungen in jenen Listen führte, die den Nutzer des sozialen Netzwerks über Neuigkeiten seiner Kontakte informiert. Man darf also getrost davon ausgehen, dass der Vorfall zu den bestimmenden Gesprächsthemen in der Stadt gehört. Mit allen unangenehmen Nebenwirkungen.

Gerüchteküche brodelt

Denn seit die auf einer knappen Pressemitteilung der Polizei basierende Meldung in der Welt ist, brodelt in Osnabrück die Gerüchteküche. Sollte das Kind entführt werden? Ist der große Unbekannte, der es angeblich am Tornister festhielt und in ein Auto setzen wollte, einer von hier? Vielleicht sogar ein Triebtäter? Und wer ist die anonyme Heldin fortgeschrittenen Alters, die dem Mädchen laut Polizei zur Hilfe kam und deren Zivilcourage nun in Internetkommentaren – möglicherweise völlig zu Recht – so viel Beifall findet? Fragen, die von einer emotional stark aufgeladenen, man könnte auch sagen hysterischen Debatte zeugen, in der die Idee von einem harmlosen Hintergrund keinen Platz hat. Und es sind Fragen, deren Antworten – mit Ausnahme der Beteiligten, sofern es sie denn alle gibt – niemand kennt.

Nach Auskunft der Polizei Osnabrück hat sich bis heute kein einziger Zeuge gemeldet, dessen Beobachtungen geeignet wären, den vom mutmaßlichen Opfer geschilderten Hergang zweifelsfrei zu bestätigen. Was merkwürdig scheint. Hat an diesem belebten Platz wirklich niemand sonst etwas gesehen? Zur Stoßzeit, nahe der Kreuzung, direkt vor einer Bushaltestelle? Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Ermittler halten das Mädchen durchaus für glaubwürdig. Wie die Polizei ohnedies jeden Fall, bei dem Kinder sich von fremden Erwachsenen bedroht fühlen, „sehr ernst“ nimmt und ihm „mit gewaltigem Aufwand detailliert nachgeht“, wie Polizeisprecher Georg Linke sagt. Eine Gewähr dafür, dass alles auch so stattgefunden hat wie behauptet, gibt die Aussage der Neunjährigen allerdings nicht. „Es kann sein, dass sich am Ende alles als ganz anders herausstellt.“

Fantasie blüht

Es wäre keine Ausnahme. Sondern die Regel. „99 Prozent dieser Fälle sind nicht so passiert, wie sie geschildert werden“, sagt Linke. Weshalb die Polizei es bevorzuge, nicht jeden Verdacht an die große Glocke zu hängen. Das mache nur die Pferde scheu.

Häufig gehe eben die Fantasie mit den Kindern durch. Es werde gelogen, erfunden und hinzugedichtet, was das Zeug hält. Sei es, weil die Erinnerung lückenhaft ist. Sei es, weil mancher Sprössling sich wichtig machen will. Wie Kinder halt so sind. Wenn dann besorgte Eltern – vermutlich in bester Absicht, andere zu warnen – anstatt zu zweifeln die Sache durch Gerede noch befeuern, nimmt das Drama seinen Lauf. Und die Mär von umhergeisternden Kidnappern und Kinderschändern zieht unaufhaltsam Kreise. „Die Leute glauben dann nicht einmal der Polizei“, stellt Sprecher Georg Linke ernüchtert fest. Dabei sei klar: „Wir haben in diesem Zusammenhang in Osnabrück kein ernsthaftes Problem.“

Er fürchtet deshalb auch, dass die ausführliche Berichterstattung unserer Zeitung, also genau dieser Artikel hier, sein Ziel verfehlen wird. Nämlich zu sensibilisieren, zu versachlichen und den Fall für die Öffentlichkeit einzuordnen. Linke glaubt vielmehr, dass es Nachahmer herausfordert. „Wir werden anschließend sicher wieder mehr solcher Anzeigen haben.“

Schule warnt

Widerspruch erntet die Polizei von der Rosenplatzschule , vor deren Tür sich der jüngste Vorfall ereignet hat. Wenn dort in der Vergangenheit Ähnliches geschah – und das sei im letzten Schuljahr „drei-, viermal“ und damit noch häufiger als früher der Fall gewesen –, „war immer irgendwie was dran“, sagt Schulsozialarbeiterin Felicitas Niermann. Folglich sei man auch jetzt „extrem beunruhigt“, erst recht, weil Gewalt im Spiel gewesen sein soll. Dass Kinder von Fremden angesprochen würden, sei ein stadtweites Phänomen. „Das hört man von allen Schulstandorten“, sagt Niermann. Eine Einschätzung, die der Stadtelternrat übrigens nicht bestätigen kann. „Bei mir kommt nichts an“, erklärt Vorsitzende Petra Knabenschuh. Zuletzt sei es „vor einigen Jahren“ ein Thema gewesen, damals habe es Gespräche mit der Polizei gegeben.

Die Rosenplatzschule reagierte am Mittwoch jedenfalls umgehend. In den Klassen wurde der Vorfall „sofort besprochen“. Mehr Eltern als sonst holten ihre Kinder mit dem Auto ab. Und noch am Donnerstag verfasste die Schulleitung einen mehrsprachigen Rundbrief, dessen Inhalt dem vom 27. Januar ähneln dürfte. Schon damals sprach die Schule Warnungen und Handlungsempfehlungen aus, nachdem ein unbekannter Mann versucht haben soll, eine Schülerin mit dem Versprechen auf ein Geschenk in seine Wohnung zu locken. „So ein Brief beruhigt die Eltern“, sagt Beraterin Niermann, „sie sehen: Die Schule kümmert sich.“ Denn in der Tat scheinen es vor allem die Erziehungsberechtigten, die im Zaum gehalten werden müssen. „Einige reagieren panisch, das darf sich nicht auf die Kinder übertragen.“


Was können Kinder tun, wenn sie sich in der Öffentlichkeit von Fremden bedroht fühlen? Kampfkunstlehrer und Selbstverteidigungsprofi Dirk Linnemeyer aus Bramsche, der in Osnabrück Kurse unter anderem speziell für Kinder gibt und sein Wissen in dem Buch „iDefend – Sei dein eigener Bodyguard“ zusammengefasst hat, empfiehlt: weglaufen! Am besten dorthin, wo andere Menschen sind und sich nicht verstecken, wo es einsamer wird.

Sollte eine Flucht unmöglich sein, sei es das oberste Gebot, ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu erregen – etwa durch lautes Schreien. „Kinder dürfen unhöflich sein, wenn sie von Fremden angesprochen werden“, sagt Linnemeyer. Es gehe darum, Unbeteiligte in das Geschehen einzubeziehen, um ihr Wegschauen zu verhindern. Noch besser als „Hilfe, lass mich in Ruhe!“ sei dabei der Ausruf: „Das ist nicht mein Vater!“ Befindet sich ein Fahrzeug in der Nähe, verfehle auch der Satz „Der Mann macht das Auto kaputt“ nur selten seine Wirkung.

Um nicht weggezerrt oder verschleppt zu werden, sollten Kinder sich an anderen Leuten festkrallen oder sich an feste Gegenstände wie Ampeln und Laternen klammern. Im Zweifel eigne sich für diese „Ankertechnik“ auch das Bein des Angreifers. „Statistiken zeigen, dass die Hälfte der Sexualtäter bei der geringsten Gegenwehr von ihren Opfern ablassen und sich ein leichteres suchen“, weiß Selbstverteidigungslehrer Linnemeyer.

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