Abwurf vermutlich 1945 Die Fliegerbombe in Schinkel ist typisch für Osnabrück

Von Nils Stockmann

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Bis kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges bombardierten die Alliierten Osnabrück. Auch der Blindgänger im Schinkel fiel wohl in den letzten Monaten des Krieges Foto: ArchivBis kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges bombardierten die Alliierten Osnabrück. Auch der Blindgänger im Schinkel fiel wohl in den letzten Monaten des Krieges Foto: Archiv

Osnabrück. Was wirklich unter der meterdicken Erdschicht im Schinkel liegt, kann bislang keiner genau sagen. Vieles spricht aber dafür, dass es eine Bombe ist. Wie viele Blindgänger noch unter den Füßen der Osnabrücker liegen, ist fraglich – nicht aber, wo diese herkommen.

Noch im Jahr 1945, kurz vor der Kapitulation des Deutschen Reiches am 7. Mai, flogen die Alliierten Luftangriffe auf deutsche Großstädte. Dabei hatten sie nur ein Ziel: den Willen der Bevölkerung zu brechen und das NS-Regime an sein Ende zu bringen. Allein auf Osnabrück gingen in den letzten Kriegsmonaten 24 Luftangriffe nieder – der letzte am 25. März 1945 kurz vor dem Einmarsch britischer und kanadischer Truppen in die Stadt am 4. April.

Bei mehreren dieser Angriffe im Frühjahr des letzten Kriegsjahres warfen die alliierten Bomber ihre Bomben wohl auch über Schinkel ab. Während ein Großteil der Bomben den Stadtteil im Osten der Stadt in Schutt legte, versagte bei einem Teil die Zündung. In den Wirren des Kriegsendes gerieten sie in Vergessenheit und wurden so zu einer schleichenden, unüberschaubaren Gefahr unter den Füßen der Osnabrücker – zu unentdeckten Blindgängern.

„Es ist ziemlich sicher eine Bombe“

Um diese Gefahr langsam abzubauen, genießt die Suche nach den unexplodierten Sprengkörpern aus dem Zweiten Weltkrieg eine hohe Priorität. Nach Angaben der Stadt werden jedes Jahr zwischen 150 und 200 potenzielle Verdachtspunkte ermittelt und dann systematisch untersucht. Wie auch bei dem vermeintlichen Blindgänger in Schinkel, sind oft Bauarbeiten ein Anlass für eine genauere Untersuchung.

Alle Infos zu Bombenräumungen in der Region finden sie hier.

„Nach der Analyse der Luftbilder und einer Untersuchung des Bodens mit einer speziellen Metallsonde können wir uns ziemlich sicher sein, dass wir am 28. September wirklich eine Bombe vorfinden“, bestätigt Jürgen Wiethäuper, Kampfmittelexperte der Stadt Osnabrück. Er schätzt den Blindgänger auf mindestens 250 Kilo – eine typische Größe für Osnabrück, wie er sagt. „Wir haben in der Stadt bisher fast ausschließlich Fünfzentner- und Zehnzentnerbomben gefunden, das waren die typischen Sprengkörper der Alliierten.“

Die zuletzt im Güterbahnhof und in Schinkel gefunden 50-Kilo-Bomben seien hingegen eher die Ausnahme. Welchen Zweck der Sprengkörper erfüllen sollte, ließe sich hingegen nur schwer nachvollziehen. „Es gibt keine Informationen darüber, ob die amerikanische und britische Luftwaffe besonders große Bomben für bestimmte Ziele, etwa militärischer oder wirtschaftlicher Art, vorgesehen hatte“, erklärt Wiethäuper. Dass dies unwahrscheinlich ist, davon zeugt auch die enorme Masse an Sprengkörpern, die während der Kriegsjahre über deutschen Städten abgeworfen wurde.

Schätzungsweise 25.000 Sprengbomben und über 650.000 Brandbomben gingen bei 79 gezielten Angriffen auf Osnabrück nieder, töteten nach offiziellen Angaben fast 1500 Menschen und zerstörten 65 Prozent der Bebauung im Stadtgebiet. Das hatte System: Vom Organisator des anglo-amerikanischen Bomberkriegs Arthur Harris ist überliefert: „Die Zerstörung von Industrieanlagen erschien uns stets als eine Art Sonderprämie. Unser eigentliches Ziel war immer die Innenstadt.“

Größe nicht entscheidend für Gefahr

Entsprechend willkürlich war wohl auch die Auswahl der Sprengkörper. „Auch zur Zünderart können wir kaum Aussagen machen“, bedauert Jürgen Wiethäuper. In den standardmäßig gebrauchten Bomben sei nahezu jeder Zündertyp verwendet worden. Die Art und Beschaffenheit dieses Bauteiles ist jedoch entscheidend für die tatsächliche Gefahr, die von einer Bombe ausgeht – entgegen der landläufigen Meinung, dass eine größere Bombe generell gefährlicher sei. Wiethäuper erklärt, warum: „Man muss, sich vorstellen, dass ein 250 Kilo schwerer Klotz aus mehreren Kilometern Höhe mit einer enormen Geschwindigkeit fällt – da ist eine Beschädigung des Zünders fast zwangsläufig.“

Zünder erschweren Arbeit erheblich

Und der Zünder könne die Arbeit des Sprengmeisters erheblich erschweren, wenn er etwa verkeilt sei oder kaum mehr aus dem Korpus der Bombe herausrage. Bestimmte Zündertypen hätten zudem eine Ausbausperre um eine Entschärfung gerade zu behindern, so wie die problematischen Langzeitzünder. Bei diesen Bomben wird die Explosion erst nach einer bestimmten Zeit durch eine chemische Reaktion ausgelöst. Sei diese noch nicht vollständig abgelaufen oder noch gar nicht eingeleitet, werde der Blindgänger zur sprichwörtlichen Zeitbombe, sagt Wiethäuper. „Der Zustand im Inneren des Zünders ist uns aber nicht bekannt und deswegen können wir auch weder zur Dauer noch zur Gefährlichkeit der Maßnahme am Sonntag Aussagen treffen – alles klärt sich erst, wenn die Bombe am Sonntag freigelegt ist“, so Wiethäuper.


Für die Dauer der Räumung am Sonntag hat die Stadt ein Evakuierungszentrum im Schulzentrum Sonnenhügel eingerichtet. Für bettlägerige und kranke Personen bestehen Transportmöglichkeiten, die vorher angemeldet werden müssen. Während der Maßnahme informiert die Stadt über ihre Internetseite und in sozialen Netzwerken über den Fortschritt der Entschärfung. Außerdem ist ein Bürgertelefon unter der Nummer 0541/3233331 eingerichtet. Auf noz.de berichten wir in einem Liveticker direkt aus dem Evakuierungsgebiet und über alle Hintergründe der Räumung. Zum verheerenden Luftangriff auf Osnabrück am 13. September 1944, der die historische Altstadt fast vollständig zerstörte ist im Osnabrücker Rathaus zurzeit eine Sonderausstellung mit dem Titel „Nur 14 Minuten“ zu sehen. Mehr Infos dazu gibt es hier .

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