„Littera“ mit Nino Haratischwili Monumental: „Das achte Leben (Für Brilka)“

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Schriftstellerin Nino Haratischwili.Foto: Elvira PartonSchriftstellerin Nino Haratischwili.Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zählt Nino Haratischwilis „Das achte Leben (Für Brilka)“ zu den fünf wichtigsten Romanen des Herbstes. Bei einer Littera-Lesung im Blue Note zeigte die Autorin, warum das so ist.

An Nino Haratischwilis erzählerischem Talent gibt es nach ihrer Lesung keine Zweifel mehr. Da ist die so hingebungsvoll geschriebene Liebesszene zwischen Christine und ihrem Mann Ramas, belauscht von ihrer Schwester Stasia, die kichernd verfolgt, wie die beiden sich den Freuden der Liebe ergeben. Doch dann nimmt das Geschehen eine tragische Wende. Ramas hat die ganze Zeit über ein Fläschchen Säure in der Hand gehalten, das er seiner Frau ins Gesicht kippt und damit ihre überall bewunderte Schönheit zerstört.

Der Schock sitzt. Es gehe in ihrem Roman auch mal weniger schön zu, kommentiert Haratischwili die Szene lakonisch. Dramatik fehlt ihrem Buch, das in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist, wirklich nicht. Schließlich hat die 31-Jährige sich mit „Das achte Leben (Für Brilka)“ nicht weniger vorgenommen, als die georgische Geschichte aus über 100 Jahren aufzuarbeiten. Herausgekommen ist ein monumentales Werk mit über 1200 Seiten, aus dem Haratischwili bei einer Littera-Veranstaltung im Blue Note las. Ein so langes Buch habe sie eigentlich gar nicht schreiben wollen, sagt die in Hamburg lebende Autorin und Regisseurin. Es hat sich wohl so ergeben bei der Aufarbeitung der Geschichte des Landes, aus dem Nino Haratischwili selbst kommt.

Auslöser war eine Villa in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Durch eine Fernsehreportage erfuhr Haratischwili, dass im Garten des Hauses Leichen gefunden worden waren. Die Villa hatte Lawrenti Beria gehört, dem Geheimdienstchef der Sowjetunion ab 1938. In Georgien folgte eine Diskussion, wie mit dem Gebäude umzugehen sei. Die einen seien dafür gewesen, es abzureißen, die anderen dafür, es weiterzunutzen und die Geschichte zu ignorieren, berichtet Haratischwili. Für die Autorin von 15 Theaterstücken und nun drei Romanen ein Signal, dass es noch viel aufzuarbeiten gibt.

Der Roman umfasst einen Zeitraum von 1900 bis 2007. Er beginnt mit der in Berlin lebenden Niza, die mit ihrer Familie in Georgien gebrochen hat. Als ihre Nichte Brilka nach einer Reise in den Westen nicht mehr nach Hause zurück will, spürt Niza sie auf und erzählt ihr die Geschichte ihrer Familie, angefangen bei ihrer Urgroßmutter Stasia, Tochter eines Schokoladenfabrikanten. Es geht um die Oktoberrevolution und wie die sich auf die Familie auswirkt. Christine etwa wird von einem Geheimdienstler zu einer Affäre gezwungen. Weil ihr Mann um ihr Leben fürchtet, begeht er die Säureattacke auf sie.

Gerade wird Haratischwilis erster Roman ins Georgische übersetzt. Ob das irgendwann auch mit dem aktuellen geschieht, steht in den Sternen. Wenn doch, „dann werde ich vielleicht zur Persona non grata“, sagt sie lachend. Immerhin geht sie kritisch mit ihrem Herkunftsland und seiner Geschichte um. Aber dazu müssen die Georgier Nino Haratischwili erst einmal für sich entdecken.


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