Osnabrücker Zeitreise Die Traditionsgaststätte Lührmann in Schinkel-Ost

Von Joachim Dierks


Osnabrück. Startklar für die Radtour – noch ohne Schutzhelm und Biker-Sportbrille. Wir schreiben das Jahr 1930. Elf Freunde einer Jugendmannschaft des Schinkeler Fußballvereins „DJK Blau-Weiß Born“ machen sich auf den Weg zum Auswärtsspiel gegen Bissendorf. Mama-Taxis stehen nicht zur Verfügung. Also muss unter Aufsicht von Lehrer Beckmann und Heinrich Köster, links im Bild, selbst in die Pedale getreten werden.

Der Vorsitzende des Bürgervereins Schinkel-Ost, Walter Leineweber, hat einige Namen der abgebildeten jungen Fußballhelden in Erfahrung bringen können: Teckelmeyer, Haßheider, Hermann und Werner Heermeyer, Heini Daumeyer, Bernhard Broxtermann, Heini Kamphus, Willi Warner und Hermann Schäfer wurden ihm genannt. Seines Wissens lebt von ihnen keiner mehr. „Die müssten heute ja alle zwischen 90 und 100 sein“, stellt er nüchtern fest.

Das „Dritte Reich“ ist noch nicht angebrochen, der Nationalsozialismus hat die Jugend noch nicht uniformiert – schon gar nicht die katholische. Die Abkürzung DJK im Vereinsnamen steht für „Deutsche Jugendkraft“ und verweist auf den Dachverband katholischer Sportvereine, 1920 gegründet und 1935 verboten. Daneben gab es auch schon vor 1933 die Hitlerjugend. Etwa in der Bildmitte ist am Fahrrad eines Mitspielers ein Hakenkreuz-Dreieckswimpel befestigt. „Der hat schwer Ärger dafür gekriegt, von den Eltern und von den Mannschaftskameraden“, weiß Franz-Josef Lührmann, der jetzt in Recke lebende Enkel des Gastwirts Wilhelm Lührmann.

Denn man war, wie gesagt, katholisch verwurzelt. Sammelpunkt für die Fahrt zum Auswärtsspiel war gegenüber der Rosenkranzkirche, vor dem Vereinslokal Lührmann an der Windthorststraße 56. Das Gebäude steht noch, ist allerdings vielfach umgebaut und mit rotem Zierklinker verblendet worden und trägt heute den Namen „Zu den Linden“. „Straßenlinden standen auch schon zu Zeiten meines Großvaters dort“, weiß Lührmann, „allerdings wohl nicht dieselben wie heute, denn die wurden beim Straßenausbau nach dem Krieg neu gepflanzt.“ Den Namen „Zu den Linden“ habe der Familienrat in den 1950er-Jahren ausgewählt, um Verwechslungen mit der Gaststätte Lührmann an der Natruper Straße zu vermeiden.

Großvater Wilhelm Lührmann stammte vom alten Schinkeler Vollerben-Hof Lührmann-Vincke. Er blieb nicht auf dem Hof, sondern machte sich als Schmiedemeister an der Windthorststraße selbstständig, war zeitweise Innungsobermeister und betrieb auch die Stellmacherei (Kutschenbau). Zum Gasthaus ein paar Häuser weiter, das später seinen Namen tragen sollte, kam er durch den Ehebund mit der Witwe des Bäckermeisters Burmeister. Dieser hatte das Haus um 1900 errichtet. Die Bruchsteine stammten aus dem Lührmann’schen Steinbruch am Schinkelberg. Den gibt es nicht mehr, er wurde beim Bau der Gesamtschule mit dem anfallenden Bodenaushub verfüllt. Die ganz alte Ansicht aus der Zeit um 1914 zeigt den mit einem Schimmel bespannten Bäckerwagen vor dem Haus.

Der Gaststättenbetrieb und Kolonialwarenhandel ging von Wilhelm Lührmann auf Sohn Franz (1912 – 1946) und dessen Frau Maria, geborene Daumeyer, über. „Mein Vater war auch Stellmacher, den Gaststättenbetrieb erledigten mehr die Frauen“, weiß Franz-Josef Lührmann aus Erzählungen.

Im letzten Krieg schlug bei dem Bombenangriff vom 16. Februar 1945, der die Rosenkranzkirche und die Marienschule zerstörte, ein Blindgänger in das Gasthaus Lührmann ein, und zwar genau in die Wohnung der Familie. Zum Glück kam niemand zu Schaden. Strafgefangene mussten noch während des Krieges die Bombe entschärfen. „Das passierte ganz beiläufig und unbemerkt, ohne dass 10000 Menschen evakuiert werden wie heutzutage“, so Lührmann, der seit seiner Geburt 1943 bis 1964 im Gasthaus wohnte. Das Dach war schnell wieder repariert und das ansonsten unversehrt durch den Krieg gekommene Haus stand 1945 als Notbehelf für Rosenkranz-Gottesdienste und Marienschul-Unterricht zur Verfügung. 1953 fand hier die Gründungsversammlung des Bürgervereins Schinkel-Ost statt.

Vater Franz Lührmann kam in russischer Kriegsgefangenschaft um. Mutter Maria heiratete ein zweites Mal, und zwar den Gymnasiallehrer Friedrich Brockmeyer (1914 – 1979). Bis etwa 1950 stand sie noch selbst am Zapfhahn, danach ging die Gastronomie durch die Hände verschiedener Pächter: Emil Schlater, Hackmann, Inge Kraume, Jochen Hagen und Peter Witte sind die Namen, die Lührmann dazu einfallen. Nach dem Tod des Stiefvaters verkaufte die Mutter das Haus an den Bauunternehmer Johannes Trienen. Dessen Sohn Christoph führte „Zu den Linden“ in die Reihe der Osnabrücker Gourmetrestaurants, bevor er im vergangenen September das Restaurant „Zum Storchen“ in Waldkirch bei Freiburg übernahm.

Seit gut einem Jahr heißt der neue Pächter Mariusz Tarapacki. Der verfolge mit seinem Speisenangebot jetzt wieder ein etwas mehr auf die Schinkeler Nachbarschaft zugeschnittenes Konzept, meint Walter Leineweber. Deshalb ist er mit seinem Bürgerverein auch wieder dorthin zum jährlichen Grünkohlessen zurückgekehrt: „Wir freuen uns natürlich, wenn die Traditionsgaststätte in unserem Stadtteil weiterlebt.“