Tagung an der Uni Osnabrück Gruppe der Muslime: Schiiten kennen und verstehen

Von Marie-Luise Braun

Najla Al-Amin, Doktorandin am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück, organisiert die zweitägige Veranstaltung zur Schia. Foto: Marie-Luise BraunNajla Al-Amin, Doktorandin am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück, organisiert die zweitägige Veranstaltung zur Schia. Foto: Marie-Luise Braun

Osnabrück. Um die zweitgrößte Gruppe der Muslime, die Schiiten, dreht sich eine offene Tagung der Universität Osnabrück am 29. und 30. September. Warum es wichtig ist, religiöse Unterschiede zu kennen und zu verstehen, erklärt im Interview die Organisatorin Najla Al-Amin vom Institut für Islamische Theologie.

Frau Al-Amin, warum veranstaltet die Universität diese Tagung?

Es gibt im Islam zahlreiche unterschiedliche Glaubensrichtungen. Eine davon, die zweitgrößte, ist die Schia, deren Anhänger sich Schiiten nennen. Uns ist es wichtig darzustellen, was genau diese Glaubensrichtung ausmacht und wie sie entstanden ist. Wir wollen Unklarheiten und Vorurteile beseitigen und zum Dialog anregen. Die Studierenden und alle Interessierten sind herzlich willkommen, die unterschiedlichen Glaubensrichtungen kennenzulernen. Denn es gibt auch unter Muslimen Gesprächsbedarf. Das zeigen die aktuellen Konflikte im Irak und in Syrien.

Kann man die Glaubensrichtungen im Islam in etwa so verstehen wie den Unterschied zwischen evangelischem und katholischem Glauben?

Ich denke ja. So ähnlich wie sich die evangelische Konfession vom Katholizismus abgespalten hat, ist es auch im Islam gewesen. Nehmen wir die Entstehung der Schiiten: Als der Prophet Mohammed gestorben ist, fragten sich seine Anhänger, wie es mit der islamischen Gemeinschaft weitergehen soll. Darüber gab es unterschiedliche Ansichten. Die einen sagten, Mohammed habe keinen Nachfolger ernannt, und die Muslime müssten selbst einen Nachfolger wählen.

Die Schiiten aber waren der Meinung, der Prophet hätte bereits zu seinen Lebzeiten seinen Vetter Ali als Nachfolger ernannt. In der Konsequenz entstand eine neue Glaubensrichtung. Die Unterschiede sind aber gar nicht so groß. Ich würde sagen, so etwa 90 oder sogar 95 Prozent sind bei beiden Glaubensrichtungen gleich.

Gehen Muslime denn in die gleiche Moschee, oder gibt es je nach Glaubensrichtung ein anderes Gotteshaus?

Zuallererst kommt es darauf an, wo man sich befindet. Wenn man sich den Iran anschaut, wo 90 Prozent der Bevölkerung schiitisch sind, wird man nur schiitisch-geprägte Moscheen finden. Geht man in den Irak, beten Sunniten und Schiiten meist gemeinsam in den Moscheen. In der Diaspora beobachtet man die Tendenz, dass sich Muslime je nach Glaubensgruppe, nationaler Zugehörigkeit und Verbänden in eigenen Räumlichkeiten organisieren. Im Endeffekt sind die Gotteshäuser jedoch alle Moscheen mit dem Zweck, religiösen Handlungen einen Ausübungsort zu bieten.

Warum ist es so wichtig, die Unterschiede zu verstehen?

Es ist wichtig, die Gruppen zu unterscheiden und ihre Unterschiede und die Gründe dafür zu kennen, da es den muslimischen Prototypen nicht gibt. Damit kann man Stereotypen entgegenwirken. Zudem gibt es auch innerhalb der Muslime Vorurteile, die zu Konflikten führen können. Die Salafisten behaupten beispielsweise, Schiiten hätten ihren eigenen Koran. Das stimmt natürlich nicht. Sowohl Schiiten als auch Sunniten haben natürlich den gleichen Koran. Ein anderes Vorurteil ist, dass Schiiten ihre zwölf Imame wie Gottheiten anbeten. Sie haben aber nur einen Gott und verehren die Imame wie Vorbilder.

Sind der Grund für den Konflikt im Irak und in Syrien auch die Unterschiede im islamischen Glauben?

Im Grunde genommen ist es ein politischer Konflikt, für den die Religion instrumentalisiert wird. Die Salafisten möchten auf dem Gebiet des Iraks und Syriens einen eigenen Staat aufbauen, der auf ihrem Glauben fußt. Sie eliminieren alle, die nicht in ihr Bild vom Islam passen. Für Salafisten sind zum Beispiel Schiiten keine Muslime. Das Gleiche denken sie über Jesiden und zum Teil auch sunnitische Muslime. Sie töten die aus ihrer Sicht Ungläubigen auf brutalste Art und Weise.

Sie haben eben Salafisten gesagt. In den Medien wird zumeist von radikalen Sunniten gesprochen, wenn es um den Terror der IS geht. Können Sie das erklären?

Man neigt dazu, Menschen in Gruppen einzuordnen, um sie besser verstehen zu können. Die IS wird zwar der sunnitischen Richtung zugeordnet, ist aber noch mal eine ganz eigene Untergruppierung und hat mit den „normalen“ Sunniten wenig gemeinsam. Es ist eine ziemlich extreme und radikale Form von Muslimen, die einen eigenen Gottesstaat errichten wollen.

Es gab doch auch andere Zeiten im Irak, wie beispielsweise der Schriftsteller Navid Kermani schreibt. So gab es ein friedliches Nebeneinander der Kulturen und Glaubensrichtungen. Wie ist es denn zu den Veränderungen gekommen?

Durch extreme Gruppen, die versuchen, ihre Vorstellung vom Glauben mit aller Macht durchzusetzen. Aber es gibt eben nicht nur die. Es gibt auch andere Muslime. Für die gibt es keinen Grund, Menschen anderer Glaubensrichtungen nicht zu mögen. Auch darauf möchten wir mit der Tagung aufmerksam machen.


Das Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück lädt am 29. und 30. September zu einer Fachtagung über die Schiiten ein. Im Bohnenkamp-Haus im Botanischen Garten, Albrechtstraße 29, wird die Glaubensrichtung in 18 Vorträgen vorgestellt. Es werden Themen diskutiert, die für das Verständnis des schiitischen Glaubens wichtig sind. Zudem wird die gegenwärtige Situation der schiitischen Muslime in Deutschland thematisiert. Um Anmeldung wird gebeten per E-Mail an najla.alamin@uni-osnabrueck.de .