Rückschläge durch die Gesundheitsreform Vorsprung durch Technik beim Zahnersatz

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Neueste Technik: Evelyn Arndt zeigt ein Gebissmodell, das ein 3D-Drucker angefertigt hat. Foto: Michael GründelNeueste Technik: Evelyn Arndt zeigt ein Gebissmodell, das ein 3D-Drucker angefertigt hat. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Je länger die Menschen leben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen irgendwann die Zähne ausfallen. Daraus ließe sich folgern, dass Zahnlabore zu den Demografie-Gewinnern gehören. Tun sie im Prinzip auch.

Aber staatliche Eingriffe durch Gesundheitsreformen und Kostendämpfungsgesetze führten zu Marktverzerrungen, die viele Labore das Leben kosteten. Einige haben sich durchgebissen und sind gestärkt daraus hervorgegangen. Zu ihnen gehört das Labor für Zahntechnik „Neue Zähne“ an der Berghoffstraße in Osnabrück.

„2005 war auch für uns ein ganz hartes Jahr“, bekennt Geschäftsführer Reiner Tüpker freimütig, „wir mussten viele Mitarbeiter entlassen, um die übrigen Arbeitsplätze erhalten zu können.“ Heute ist mit rund 100 Beschäftigten am Standort Osnabrück fast wieder die alte Personalstärke erreicht, was auch auf die Übernahme von einigen kleineren Laboren in den letzten Jahren zurückzuführen ist. Daneben ist „Neue Zähne“ mit Tochterbetrieben in den neuen Bundesländern vertreten. Über Umsatz- und Gewinnhöhe reden Reiner Tüpker (53) und seine Mit-Geschäftsführer Johannes Kodde (52) und Ralf Brinkmann (49) nicht gern, sind aber mit dem bisherigen Verlauf des Geschäftsjahrs 2014 hochzufrieden.

Wobei Wachstum und Größe für sie nicht alles sind: „Wir sehen uns nicht als Marktführer in Nordwestdeutschland, das streben wir auch nicht an, wohl aber als Technologieführer“, sagt Brinkmann. Er ist der Mann im Führungs-Trio, der die Digitalisierung des Fertigungsprozesses entscheidend nach vorne gebracht hat. „Ich bin schuld daran, wenn viele unserer Handwerker heute vor dem PC sitzen anstatt am Schleifgerät“, verkündet er verschmitzt. Es sei einfach so, dass viele Arbeitsschritte heute besser digital erfasst und ausgeführt werden könnten als von der menschlichen Hand.

Doch dafür müssen die Maschinen mit Daten gefüttert werden – Brinkmanns Zuständigkeitsbereich. Wo der Zahnarzt früher aufwendig und in mehreren Sitzungen Abdrücke nehmen musste, erleichtert ihm heute eine Stiftkamera die Arbeit. Sie scannt den Patienten-Kiefer aus allen Blickwinkeln und liefert perfekte Datensätze. „Die Oralkamera steht vor einem Siegeszug“, meint Brinkmann.

Die handwerkliche Umsetzung der Aufträge fällt in das Ressort von Johannes Kodde. Denn ohne Handarbeit geht es nicht, auch wenn die Maschinen immer perfekter werden. CAD-/CAM-Fräsautomaten etwa greifen sich das jeweils benötigte Werkzeug und das zu bearbeitende Material selbstständig aus den Depots. Auch über Plotter und 3-D-Drucker werden die Prozesse optimiert. Im „Konstruktionsbüro“ sitzen Zahntechniker an zwölf Computern und entwerfen Brückengerüste und andere „tragende Bauteile“ für den Kauapparat des Patienten.

„Der fertige Zahnersatz ist heute von viel höherer Präzision als früher“, sagt Kodde. Beim Material sind Hochleistungs-Kunststoffe auf dem Vormarsch, während Gold fast passé ist. Zirkon, eine auf Kreidebasis hergestellte und in der Raumfahrt erprobte Keramik, zeichne sich durch besonders hohe Körperverträglichkeit aus – neben der Funktionalität und der Ästhetik ein entscheidender Gesichtspunkt bei der Materialwahl. Aber bei aller Mechanisierung bleibe das handwerkliche Geschick des Zahntechnikers unabdingbar. „Wir schaffen schließlich Unikate, hier gibt es nichts von der Stange“, begründet Tüpker das besondere Augenmerk, das die Firma auf Personalgewinnung und -haltung lege.

Bemühungen, die auch im Verband der Deutschen Zahntechniker-Innungen (VDZI) nicht unbemerkt geblieben sind. Jürgen Schwichtenberg, Inhaber eines Zahnlabors in Osnabrück-Haste, war viele Jahre Präsident des VDZI und kennt „Neue Zähne“ daher auch von höherer Warte aus. „Unsere Bestrebungen, das Zahntechniker-Handwerk als ein fortschrittliches mit sehr guten Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten zu positionieren, sind von den Kollegen an der Berghoffstraße immer unterstützt worden“, sagt er.

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