Oberbürgermeister-Wahl im Rückblick Kalla Wefel: Kandidatur im Namen des Kabaretts

Von Sebastian Stricker

Von Gott geliked: Sein kirchenkritischer Oberbürgermeister-Wahlkampf hat dem Facebook-Jünger Kalla Wefel besonders viel Spaß bereitet. Erst recht, als bibeltreue Christen anfingen, ihm E-Mails drohenden Inhalts zu schreiben. Foto: Gert WestdörpVon Gott geliked: Sein kirchenkritischer Oberbürgermeister-Wahlkampf hat dem Facebook-Jünger Kalla Wefel besonders viel Spaß bereitet. Erst recht, als bibeltreue Christen anfingen, ihm E-Mails drohenden Inhalts zu schreiben. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Am heutigen Montag jährt sich die Wahl des Oberbürgermeisters. Mit den fünf damaligen Kontrahenten von Sieger Wolfgang Griesert blicken wir zurück auf den Wahlkampf 2013 und die Zeit danach. Zum Auftakt unserer Serie erinnert sich Kabarettist Kalla Wefel, der damals als unabhängiger Einzelbewerber 2,5 Prozent der Wählerstimmen holte, an nickelige Debatten, bedrohliche E-Mails und irreführende Parteibücher.

Herr Wefel, welche Erinnerungen haben Sie an den OB-Wahlkampf 2013?

Spontan denke ich da an die äußerst unterhaltsame Wahlparty im Grünen Jäger mit den vielen netten Gästen und der tollen Band „Northern Star“. Unvergesslich ist auch der große Heimatabend in der Lagerhalle zum Thema OB-Wahl , auf dem alle Kandidaten 20 Minuten moderieren durften. Das Konzept ging voll auf und hat allen Beteiligten viel Spaß gemacht.

Woran denken Sie gern zurück? Was hat Ihnen nicht gefallen?

Mit Genugtuung denke ich daran zurück, dass ich trotz meines Null-Cent-Wahlkampfs den FDP-Kandidaten hinter mir lassen konnte. Weniger gefallen hat mir, dass ich andere nicht hinter mir lassen konnte. Aber ich hatte ja keine Partei oder sonstige Großkonzerne im Rücken.

Aus logischer Sicht hätte ich allerdings ohnehin nicht mehr als die erlangten 2153 Stimmen erhalten können, denn diese 2,57 Prozent entsprechen nach der Gauß‘schen Normalverteilung exakt dem Anteil hochbegabter Menschen in unserer Stadt. Die Zukunft lässt allerdings hoffen, denn auf Elternabenden steigt der Anteil hochbegabter Kinder mittlerweile auf weit über 90 Prozent.

Und so ganz losgelöst von mir selbst betrachtet, haben mir hin und wieder bei öffentlichen Diskussionen die Giftpfeile von Thomas Klein in Richtung CDU gefallen, aber auch der recht souveräne Umgang damit von Wolfgang Griesert. Sollte ich jemals eine Straftat begehen, wünsche ich mir Thomas Klein als Verteidiger.

Wie hat Kandidatur Ihr Leben beeinflusst?

Gering, denn ich habe die Kandidatur und das ganze Drumherum immer als reine Recherche und Szenenlieferant für mein Kabarett betrachtet , indem ich kurzfristig die Seite gewechselt habe. Erschütternd daran war allerdings für mich, dass alle ausgesprochen fair und höflich miteinander umgegangen sind und ich mich diesen seltsamen Gepflogenheiten ohne große Widerworte rasch angepasst habe.

So hat mir nach der Wahl eine befreundete Psychologin mit histrionisch gestörter Persönlichkeit attestiert, dass sich meine Osnabrücker Stadtneurose bei gleichzeitiger Verstärkung meiner Therapieresistenz stabilisiert habe und nun meine hysterischen Anteile von den zwanghaften deutlich dominiert würden, wodurch sich mir ein besserer Zugang zu meinem rebellisch angepassten Kind-Ich eröffne.

Glauben Sie, dass Sie durch die Bewerbung in Osnabrück bekannter geworden sind?

Bei aller unangebrachten Bescheidenheit, aber ich wurde schon vor der Bewerbung genauso häufig mit „Hallo, Kalla!“, „Na, du Arschloch, wie geht’s?“ oder „Guten Tag, Herr Wefel!“ begrüßt. Für mich hat sich diesbezüglich rein gar nichts geändert.

Was hat Ihnen die Kandidatur insgesamt gebracht?

Vor allem neue Ideen fürs Kabarett, aber auch die Einsicht, dass die Parteizugehörigkeit längst nicht alles über einen Menschen aussagt.

Viel Spaß bereitet hat mir aufgrund meines antiklerikalen Wahlkampfes im Internet die Beantwortung diverser Drohmails empörter bibeltreuer Christen. Die daraus entstandene Szene heißt nun im Facebook-Deutsch „Gott hat mich geliked, weil ich ihn zu spät blockiert habe“ und erheitert mittlerweile bundesweit mein Publikum. Am 18. Oktober übrigens auch mal wieder in der Lagerhalle zu sehen und zu hören.

Vergleichen Sie Osnabrück im Herbst 2013 und heute.

Soll ich über all die Baustellen in der Stadt meckern? Nein, das werde ich nicht, denn danach werden die betroffenen Grundstücke, Gebäude und Straßen vermutlich schöner oder eben nur besser sein als zuvor.

Das Gebäude am Jürgensort , in dem heute „Müller“ untergebracht ist, gefällt mir ausgesprochen gut. Das schrägwandige Haus am Neumarkt ist bereits ein architektonischer Leckerbissen , wenngleich ich mir die komplette Freilegung der Hase gewünscht hätte.

Den neuen Stadtbaurat Otte mag ich schon deshalb, weil er von der unseligen Zion-Gemeinde Hausverbot erteilt bekommen hat. So etwas ist für jeden aufgeklärten Menschen ein Ritterschlag.

Was mir nicht so gut gefällt wie letztes Jahr: Der Tabellenstand des VfL, aber der kann sich ja schnell wieder nach oben hin entwickeln.

Wie beurteilen Sie die Arbeit von Oberbürgermeister Wolfgang Griesert?

Ich kenne ihn in erster Linie privat und finde ihn und seine Frau Elisabeth sehr sympathisch. Die beiden sind ungekünstelt und authentisch. Ich weiß, dass ihm einige Mitarbeiter vorwerfen, er sei zu penibel. Dieser Wesenszug ist mir allerdings selbst nicht ganz fremd. Solange penibel nicht kleinlich, sondern gewissenhaft bedeutet, ist das doch völlig okay, oder?

Was hätten Sie anders gemacht als er?

Als OB hätte ich umgehend eine neue Stelle geschaffen und Wolfgang Griesert als Dezernenten für die freie Kulturszene eingestellt.

Wie beurteilen Sie Ihr persönliches kommunalpolitisches Engagement seit der OB-Wahl?

Das Interesse war schon immer da und hat sich nicht geändert. Ich denke, dass ich mit meinen regelmäßigen Heimatabenden in der Lagerhalle und sonstigen Aktivitäten wie all den Osnabrück-Büchern oder der VfL-CD nun schon seit vielen Jahren einiges zur Identitätsfindung dieser Stadt beitrage. Das Thema des Heimatabends am 12. Oktober lautet übrigens „Osnabrück im 1. Weltkrieg“.

Würden Sie wieder für ein politisches Amt kandidieren? Für welches?

Klammheimlich plane ich, zur nächsten Kommunalwahl eine Art bunte Liste zu gründen, damit mehr Farbe in den Stadtrat einzieht und ich mich mit meinen ehemaligen OB-Kontrahenten und all den anderen um Sachfragen zoffen kann. Einige Jahre danach werde ich dann erster parteiloser Bundespräsident, lasse mich kurz nach meiner Wahl von Birgit Bornemann kostenlos bewirten, campe anschließend unentgeltlich im Vorgarten von Wolfgang Griesert, trete aufgrund dieser Skandale sofort zurück, während sich mein Anwalt Thomas Klein darum kümmert, dass ich bis an mein Lebensende Ehrensold beziehe. Und wenn das alles nicht klappt, gründe ich eine Ein-Mann-Kapelle und werde Bandleader.

Lesen Sie außerdem:

  • Warum Robert Seidler (FDP) mit seinem Ergebnis hadert, was die Stadtwerke von ihm gelernt haben und was er von seiner Partei wirklich hält.

  • Wie SPD-Kandidatin Birgit Bornemann den CDU-Wahlkampf erlebt hat, woran es aus ihrer Sicht in der Stadt hapert und warum sie als OB beim Thema Neumarkt anders entschieden hätte.

  • Warum Thomas Kleins Ehefrau erleichtert ist, was den grünen Ratsherrn am neuen OB stört und welche politischen Ambitionen der Anwalt noch hat.

  • Welche Schlüsse Entertainer Christian Steiffen aus seiner Kandidatur zieht, was er für seinen größten politischen Erfolg hält und was ihn von OB Griesert unterscheidet.