„Ich schätze die gemütlichen Teile der Wiesn“ Axel Hacke liebt das Oktoberfest und die Münchner Leichtigkeit

Von Ralf Döring

Liest, was er will: Axel Hacke. In seinen Lesungen folgt er keinem festen Programm, sondern wählt, was ihm gefällt. Foto: Sorin MorarLiest, was er will: Axel Hacke. In seinen Lesungen folgt er keinem festen Programm, sondern wählt, was ihm gefällt. Foto: Sorin Morar

Osnabrück. Seit fast einem Vierteljahrhundert spießt Axel Hacke Absurditäten des Alltags auf – als Kolumnist des „SZ-Magazins“ und als Buchautor. Vor seiner Lesung im Haus der Jugend spricht er über seinen Abschied vom Journalismus, über das Oktoberfest und seine Heimatstadt Braunschweig.

Herr Hacke, in Ihren Kolumnen für das SZ-Magazin gab es lange Zeit feste Figuren: Ihre Frau Paola, Ihren Sohn Luis, Bosch, den sprechenden Kühlschrank. Warum sind diese Figuren verschwunden?

Unter dem Motto „Das Beste aus meinem Leben“ habe ich zehn Jahre lang Familiengeschichten geschrieben, aber irgendwann ist es dann auch mal gut. Dann fängt man an, sich selbst über die Figuren zu langweilen, und womöglich langweilt das ja auch die Leser. Deshalb habe ich gedacht, jetzt machst du mal was anderes.

Ist es Ihnen der Abschied schwergefallen?

Nach zehn Jahren nicht. Ich habe mich ja nur literarisch von denen verabschiedet und nicht in der Wirklichkeit. Ich hatte es satt, diese Familiengeschichten zu schreiben, hatte es satt, über den Kühlschrank zu schreiben. Eine Zeit lang war das eine spannende, neue Figur, aber irgendwann sind die Möglichkeiten ausgereizt. Dann kam dazu, dass ich über den Sohn Luis geschrieben habe – mein jüngster Sohn heißt gar nicht so, aber er wurde immer damit identifiziert. Das spielt im Kindergarten überhaupt keine Rolle, und in der Grundschule auch nicht, weil das kein Mitschüler liest. Aber am Gymnasium wurde er plötzlich auf diese Kolumne angesprochen. „Was hast du da gesagt, und was hast du dort gemacht“, und er wusste überhaupt nichts davon. Denn a) hat er die Texte nicht gelesen, und b) habe ich natürlich Sachen einfach erfunden. Mir wurde es lästig, dass mein Sohn, gerade in der Phase mit 12, 13 Jahren, für etwas verantwortlich gemacht wurde, was ich gemacht hatte. Das wollte ich nicht mehr. Und ich wollte auch nicht über Kinder in der Pubertät schreiben. Das ist zu heikel.

Jetzt ist Ihr Themenspektrum viel weiter geworden.

Die Kolumne heißt jetzt „Das Beste aus aller Welt“, und damit kann ich die Themen auch überall in der Welt finden. Diese Erweiterung finde ich ganz schön, denn sie macht das Format abwechslungsreicher und aktueller, und mir macht es mehr Spaß.

Wie schaffen Sie es überhaupt, jede Woche eine Kolumne abzuliefern?

Man muss sehr diszipliniert sein – das ist das Erste. Irgendwann wird das Schreiben aber zur Gewohnheit. Ich schreibe jetzt schon so lange Kolumnen, ich weiß gar nicht mehr, wie es ist, keine Kolumnen zu schreiben. Es gehört so sehr zu meinem Leben, mich auf diese Art und Weise zu äußern, dass ich gar nicht weiß, was ich tun würde, wenn ich das nicht mehr könnte. Schwierig bleibt es trotzdem, etwa ein Thema zu finden. Das muss originell sein, es darf noch niemand darüber geschrieben haben, es muss etwas Spezielles, für diese Kolumne Gemachtes haben – das ist schon mühsam. Das Thema zu finden und darüber nachzudenken, nimmt weitaus mehr Zeit in Anspruch, als anschließend darüber zu schreiben.

Sie haben sich irgendwann vom klassischen Tageszeitungs-Journalismus verabschiedet. Ist Ihnen das schwergefallen?

Überhaupt nicht. Ich habe 20 Jahre lange in der Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ gearbeitet. Ich konnte da alles machen, was mich interessiert hat: vom „Streiflicht“ über Seite-3-Reportagen bis zu Sportgeschichten und Leitartikeln, eine tolle Zeit. Aber irgendwann habe ich festgestellt, dass ich nicht mehr in der Weise brannte, wie es für diesen Beruf notwendig ist. Auf der anderen Seite hatte ich mit meinen Büchern und Kolumnen sehr viel Erfolg, und das hat mir sehr viel mehr Spaß gemacht. Dazu kam, vielleicht auch altersbedingt, das Bedürfnis, mein eigener Herr zu sein und nicht in einer Redaktion zu sitzen, wo man viel zu machen hat, was einfach gemacht werden muss. Der Abschied ist mir nur insofern schwergefallen, als man als Vater von vier Kindern schon Bedenken hat, die Sicherheit eines regelmäßigen Einkommens hinter sich zu lassen. Aber eine solche Arbeit muss man richtig wollen, man muss innerlich dabei sein. Ich wollte nie in eine Routine verfallen und irgendetwas runterreißen. Das kann ich nicht.

Haben Sie Zeit gewonnen, führen Sie ein ruhigeres Leben?

Ich habe vielleicht kein ruhigeres Leben; wahrscheinlich arbeite ich sogar mehr als früher. Aber ich kann es mir besser einteilen, weil ich meine Arbeit selbst bestimme. Internet und E-Mail ermöglichen mir ja auch, von überall zu arbeiten. Ich kann mir mal einen Tag freinehmen, wenn ich das will oder aus familiären Gründen brauche, ich konnte jetzt in den Schulferien mit meiner Familie mitfahren und im Urlaub arbeiten, im Hotel oder in unserem kleinen Häuschen in Italien. Das ist ein riesiger Gewinn. Ich habe mir auch früher schon viel Zeit für meine Familie genommen, aber heute habe ich eindeutig Zeit dafür hinzugewonnen. Das ist toll.

Ihr Beruf hat Sie als Braunschweiger nach München geführt. Wie kann man als Norddeutscher dort Fuß fassen?

Am besten, man heiratet eine Münchnerin. Das ist der einfachste Weg, denn dann wird einem jeden Tag zu Hause erklärt, wie München funktioniert. Aber im Ernst: Das ist schon eine andere Welt. Als ich nach München gekommen bin, war ich zwanzig und ein bisschen verkrampft, wollte unbedingt etwas erreichen und aus mir machen, und dieser Anspruch stieß auf dieses legere Münchner Leben. Ich habe da Leute kennengelernt, wie Herbert Riehl-Heyse, den großen Journalisten bei der „Süddeutschen“, der ein guter Freund geworden ist. Der hat sehr viel gearbeitet, war sehr produktiv. Aber wenn er ein Streiflicht schreiben musste, ging der ins Café und schrieb das in der Sonne, weil er überhaupt nicht einsah, warum er in seinem schattigen Büro sitzen sollte. Diese Kombination von Arbeiten, aber auch das Leben genießen, habe ich in München überhaupt erst kennengelernt. Das liebe ich heute noch so an dieser Stadt: Sie vermittelt einem ein Gefühl für eine gewisse Leichtigkeit des Lebens.

Es ist also etwas dran an dem Klischee, München sei die nördlichste Stadt Italiens?

Das ist ein Klischee, aber es stimmt auch. Ich bin ja sehr oft in Italien, kann daher auch vergleichen. München hat sehr viel von dem, was in Italien eine Rolle spielt. Aber es ist eben doch auch eine deutsche Stadt: Es herrscht deutsche Disziplin, und es wird viel gearbeitet. Wie übrigens auch Italiener viel arbeiten, alles andere ist wirklich ein Klischee.

Heute beginnt das Oktoberfest . Flüchten oder feiern Sie?

Ich gehe da schon hin. Das muss ich allein, weil meine Familie da unbedingt hin will. Ein paar Dinge gehören für uns immer dazu: der Umzug am Sonntag, wo die ganzen Trachtenvereine durch München marschieren. Das mag ich gern. Da gehen wir immer Sonntagmorgen hin und dann anschließend gemeinsam auf die Wiesn. Was ich nicht mag, ist in die Zelte gehen und mich betrinken. Das ist nicht meine Welt. Ich schätze die gemütlichen Teile der Wiesn. Irgendwo kann man immer noch tagsüber gemütlich ein Bier trinken und was essen, mit der Achterbahn oder Karussell fahren, eine Blume schießen – das mag ich.

Welches Verhältnis haben Sie mittlerweile zu Ihrer einstigen Heimat Braunschweig, zu Norddeutschland – zu Osnabrück, wo sie bald lesen werden?

Es gibt ja mittlerweile keine deutsche Stadt, in der ich noch nicht gelesen hätte; auch in Osnabrück war ich schon. Ich mag die Stadt sehr gerne, auch weil in der Nähe, in Bünde, meine Mutter geboren und aufgewachsen ist. Osnabrück ist eine nette und sympathische Stadt. In meiner Heimatstadt Braunschweig bin ich im Grunde auch nur noch zu Lesungen. Einer meiner besten Freunde wohnt dort, ein sehr alter Onkel, den ich besuche, und ich schaue am Grab meiner Eltern vorbei. Aber ich habe keine sehr intensive Beziehung zu der Stadt. Außer zu Eintracht Braunschweig, Deutscher Meister von 1967. In meinem letzten Buch „Fußballgefühle“ geht es ja auch viel um die Eintracht und die Erinnerung an diese Zeit, als wir Kinder waren und diese Mannschaft für uns die größte der Welt.


Axel Hacke liest: 24. September, 20 Uhr, Haus der Jugend. Kartentelefon: 0541/ 7607780