Osnabrücker Morgenland Festival Golnar Tabibzadeh und ihr Projekt „The Forgotten“

Von Tom Bullmann

In ihrem Atelier auf Gut Hanesch: Künstlerin Golnar Tabibzadeh. Foto: Michael GründelIn ihrem Atelier auf Gut Hanesch: Künstlerin Golnar Tabibzadeh. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Traditionelle iranische Musik schallt durch die Tenne von Gut Hanesch, derweil eine junge Frau mit einem Pinsel an einer großen Leinwand steht, um die Kontur eines Kopfes zu malen. Hier, wo früher Heuwagen parkten und Rinder gefüttert wurden, entsteht jetzt Kunst: Die Iranerin Golnar Tabibzadeh hat in dem riesigen Raum ihr Atelier eingerichtet, um im Auftrag des Morgenland Festivals das Projekt „The Forgotten“ zu realisieren.

Seit Ende März arbeitet Tabibzadeh in Osnabrück. Damals sah sie das Foto eines Fotografen, den sie kennt: In einem syrischen Flüchtlingslager hatte er Bilder gemacht und war dort auf Murat getroffen, ein traumatisiertes, vierjähriges Kind, das seit der Ermordung seiner Eltern kein Wort mehr sprach – und er fotografierte es.

Das war die Initialzündung für ihr Projekt: „Dieses Foto hat mich nicht losgelassen. Es brachte mich auf die Geschichten hinter Bildern, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen“, sagt die 31-jährige Iranerin. Zusammen mit Fariba Moezzi, einer Bekannten in Teheran, schrieb sie zunächst einen umfangreichen Text, der sich aus vier realen Geschichten und drei Märchen zusammensetzt. Es geht um Krisenherde, um Kriegsgeschehen, um den Alltag in einer Welt, die aus den Fugen gerät und der für Kinder zur Hölle werden kann. Dabei transferierte sie eine alte iranische Tradition in die Jetzt-Zeit: „Naghaali nennen wir im Iran eine Art Storytelling, bei der die Akteure Geschichten mithilfe von Bildern, die gezeigt werden, illustrieren. Früher wurden Kämpfe, Krieger, Helden und Mythen thematisiert, es ging immer um Gut und Böse, es gab eine Moral von der Geschichte“, erzählt Tabibzadeh.

Sowohl die Geschichten als auch die Bilder gehören jetzt auch zu ihrem Projekt, das sie „The Forgotten“ nennt. Denn nachdem der Text fertig war, mit dem sie die Verbindung von heute zu gestern herstellt, fing sie an, die Gemälde zu malen, die dazu gezeigt werden sollen. Denn eigentlich ist die Iranerin Malerin, die ihr Kunststudium an der Universität von Teheran mit einem M.A. abschloss. 2006 lernte sie Michael Dreyer , den Leiter des Morgenland Festivals, kennen, der sie ein Jahr später einlud, während seines Festivals in Osnabrück eine Ausstellung mit ihren Bildern zu zeigen.“

Seit sie in Istanbul und jetzt in Berlin lebt, besucht sie regelmäßig das Festival, das sie sehr schätzt. Daher kam sie auch auf die Idee, Dreyer von ihrem aktuellen Projekt zu erzählen. So kam es erneut zu einer Zusammenarbeit: Auf dem Gehöft wurde ein Platz für sie geschaffen, an dem sie ungestört an den Texten und den fünf großformatigen Bildern arbeiten kann – in denen sie viele geheime Zeichen untergebracht hat: „Jeder soll sich während der Performance seine eigenen Vorstellungen machen, erst später entschlüssele ich einige der Codes – zum Beispiel iranische Schriftzeichen, die sie in Deutschland natürlich nicht entziffern können“, so Tabibzadeh..

Zwei Schauspieler werden bei der Premiere der Performance in der Lagerhalle den Text vorlesen: Babette Winter und Manfred Stücklschwaiger. Dazu werden die Bilder auf der Bühne die Fantasie anregen, damit jeder Besucher seine Geschichte entwerfen kann.

„Die Bilder sind noch nicht ganz fertig“, sagt Golnar Tabibzadeh jetzt. Auf dem Musicplayer startet sie einen Song der amerikanischen Band Blonde Redhead. Als deren sphärischer Dreampop die Tenne akustisch okkupiert hat, greift die Künstlerin wieder zum Pinsel und beginnt, einen Drachen zu Ende zu malen, der eines der Bilder dominiert …

Morgenland Festival: „The Forgotten“ – Performance von Golnar Tabibzadeh. 23. September, 18 Uhr, Lagerhalle