Premiere in der Probebühne Lothar Kittsteins Schauspiel „Die Bürgschaft“

Von Uta Biestmann-Kotte

Familiendrama und Psychothriller: Szene aus „Bürgschaft“. Foto: ProbebühneFamiliendrama und Psychothriller: Szene aus „Bürgschaft“. Foto: Probebühne

Osnabrück.Um Werte wie Freundschaft, Treue und Humanität geht es in Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ von 1798. In dem gleichnamigen Stück vom Bonner Autor Lothar Kittstein aus dem Jahr 2011 stehen dagegen Gewalt, Egozentrik und die Gefährdung der privaten Existenz im Mittelpunkt. Am Freitag fand in der Probebühne die ausverkaufte Premiere der eindringlichen Inszenierung von Hans Jürgen Meyer statt.

85000 Euro oder Kind zurück samt Kugel in den Kopf – das sind die Bedingungen des kriminellen Zwischenhändlers Thomas (Jens Steutermann), der für Banker Gerd (Ulf Teepe) illegal ein Baby aus Osteuropa beschafft hatte.

Um sein Leben und sein Familienglück zu retten, begibt sich der finanziell klamme Gerd auf eine Odyssee durch eine materialistische Großstadt-Gesellschaft, während die ahnungslose Gattin Anja (Claudia Hengelbrock) samt Baby Anais als „Pfand“ mit Thomas zurückbleibt. Der auf eine Leinwand projizierte Satz „Ich habe nichts als mein Leben“ aus Schillers Ballade bringt die Atmosphäre dieser ersten Szene beklemmend auf den Punkt. Regisseur Hans Jürgen Meyer und dem Probebühne n-Ensemble gelang eine intensive Mischung aus Familiendrama, Psychothriller und Kapitalismuskritik. Eingeleitet von Passagen aus Schillers „Bürgschaft“, wechselten sich im vielseitig verwendbaren Bühnenbild von Bernward Heiny nächtliche Straßenszenen ab mit kammerspielartigen Sequenzen.

Gerds panischer Wettlauf gegen die Zeit erschien dabei wie ein Kontrast zur Psyche der ob ihres Hausfrauendaseins gefrusteten Anja. Hin- und hergerissen zwischen Ärger, Angst und wachsender Faszination, entwickeln sich ihre Gefühle für den coolen Pistolenmann Thomas, der so anders ist als ihr waschlappiger Ehemann.

Gerd seinerseits schreckt nach vergeblichen Handy-Telefonaten bald auch vor kriminellen Handlungen nicht zurück, stiehlt einer jungen Ausreißerin (Maria Klötzel) den Geldkoffer, durchsucht die Räume seines pflegebedürftigen Vaters oder entwendet seiner souveränen Chefin (Ellen Moschitz-Finger) in der Bank heimlich die Handtasche.

Eindringlich war dabei Horst Allrutz’ Darstellung des dementen, zittrigen Vaters im Rollstuhl. Für absurd-komische Elemente sorgten wiederum Mariele Dransmann als blonde Wuchtbrumme im pinkfarbenen Hosenanzug (Kostüme: Udo Afeldt) und Wolfgang Kroneberg als deren neureicher Gatte, der den schwächlichen Gerd mit markigen Sprüchen und lockeren Fäusten traktiert.

Dem Showdown des zweistündigen Stückes, in dem Thomas fürsorgliche Regungen für Baby Anais entwickelt, derweil Gerd und Anja im Kampf um ihr geborgtes Glück auf zweifelhafte Art zueinanderfinden, wurde geradezu zynisch der Schluss von Friedrich Schillers „Bürgschaft“ vorangestellt: „Die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn [...]“.

Weitere Aufführungen: 19. September (geschlossene Verstellung); 26. September; 10. Oktober; 17. Oktober; 24. Oktober; 14. November (ausverkauft); 21. November; 28. November ; 28. November; 5. Dezember; 12. Dezember; 19. Dezember jeweils 20 Uhr in der Probebühne.