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Mehrere Tote Osnabrück: Am Neumarkt gefundene Knochen über 100 Jahre alt

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Osnabrück. Die menschlichen Knochen, die am Freitag auf der Neumarktbaustelle gefunden worden waren, sind offenbar vor dem 20. Jahrhundert dort abgelegt worden. Experten der Stadt haben das am Dienstagmorgen festgestellt. Polizei und Staatsanwaltschaft werden den Fall daher an die städtische Archäologie übergeben.

Die sterblichen Überreste von mindestens einem halben Dutzend Menschen haben Polizisten am Montagnachmittag auf der Neumarktbaustelle eingesammelt. Unterstützt wurden die Beamten von Archäologen der Stadt. Das bestätigte Axel Friederichs, stellvertretender Leiter der Stadt- und Kreisarchäologie.

Warum die Knochen neben dem Landgericht lagen und von wann sie genau stammen, lässt sich derzeit noch nicht mit Sicherheit sagen. Es gibt aber einige Hypothesen.

Laut Friederichs stammen die Knochen von mehreren Kindern und Frauen und wenigen Männern. Eine Anthropologin hat bei einer ersten Sichtung der Knochen keine Verletzungen gefunden, die auf Gewaltverbrechen schließen lassen. Fest steht außerdem: Der Ort wurde mehrfach durchwühlt, vermutlich durch Bauarbeiten. Becken- lagen auf Oberschenkelknochen, berichtet Friederichs. Grabbeigaben oder Gegenstände, die weiteren Aufschluss über die Nutzung des Ortes zulassen, wurden nicht gefunden. Einzig „eine Handvoll Eisennägel“ lag bei den Knochen, berichtet der Archäologe. Sie könnten möglicherweise von Holzsärgen stammen.

Alles andere sei Spekulation: Die Knochen lagen sehr ungeordnet, sagt Axel Friedrichs. Eine erste Arbeitshypothese sei daher, dass es sich beim Fundort um eine Grube handeln könnte, die zum Beispiel im Mittelalter während einer Seuche angelegt wurde. In Osnabrück brach im Mittelalter mehrfach die Pest aus.

Genau datiert werden die Knochen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht, weil das Verfahren sehr teuer ist. Da es sich nicht um eine historisch bedeutsame Entdeckung zu handeln scheint, wäre der Aufwand zu groß. Dass die Knochen vor 1900 abgelegt wurden, können die Forscher aber schon mit einer gewissen Sicherheit sagen. Ein Hinweis: Die Zähne in den gefundenen Kieferknochen weisen keinerlei Zahnbehandlung auf. Diese seien ab dem 20. Jahrhundert aber üblich, so Friederichs.

Er bestätigt zudem Vermutungen, wonach auf dem Gelände des Landgerichtes während des Mittelalters ein Augustinerkloster stand. In der Chronik der Stadt Osnabrück heißt es, dass das ursprünglich auf dem Meierhof zu Holte gegründete Kloster 1287 an den heutigen Neumarkt verlegt wurde. Bis zum 16. Jahrhundert stand das Kloster in der Osnabrücker Neustadt an der Grenze zur Altstadt auf dem Gelände des heutigen Landgerichtes. Hof und Gärten befanden sich wohl auf dem benachbarten Neumarkt. Anschließend wurde ein Zuchthaus an der Stelle gebaut, das dann in den 1870er Jahren durch das Landgerichtsgebäude ersetzt wurde. Ob es einen Zusammenhang zwischen dem Kloster und den Funden gibt, lässt sich noch nicht nachweisen. „Wir tasten uns langsam ins Dunkel der Geschichte vor“, resümmiert Friederichs.

Polizei und Staatsanwaltschaft sind derweil nicht mehr involviert. Aufgrund des Alters der Knochen handele es sich um einen „polizeilich nicht untersuchenswerten Sachverhalt“, so ein Polizeisprecher.

Die Baustelle ist mittlerweile wieder freigegeben. Am Sonntag waren die Arbeiten weitgehend ausgesetzt worden, sodass Polizisten die Knochen sicherstellen konnten. Bei den Grabungen waren auch Mitarbeiter der Stadtarchäologie anwesend.

Befürchtungen von Bürgern, dass sich durch den Fund die Bauarbeiten stark verzögern, kann Franz Schürings, Leiter des Fachbereichs Städtebau der Stadt Osnabrück, zerstreuen: Lediglich am Montag hätten sich die Arbeiten durch die Suchaktion verzögert. Aber: „Das fällt nicht sonderlich ins Gewicht“, so Schürings.

Es ist nicht auszuschließen, dass weitere Knochen gefunden werden. Systematische Grabungen wird es aber wohl nicht geben. Zum einen liegen laut Friederichs im Bereich des Fundortes größere Stromleitungen. Zum anderen ist der Fund wohl nicht historisch bedeutsam genug. Die Geschichte der Stadt jedenfalls müsse wohl nicht umgeschrieben werden, prognostiziert der Archäologe.


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