Forschung zum ÖPNV-Nulltarif „Bürgerticket wäre ein Gewinn für Osnabrück“

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Osnabrück. Am Bürgerticket scheiden sich die Geister. Während die Ratsmehrheit einen fahrscheinlosen ÖPNV noch gutachterlich prüfen lässt, geht der gemeine Osnabrücker schon jetzt gegen die erwogene Bus-Zwangsabgabe auf die Barrikaden. Ein Wissenschaftler des renommierten Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie ist dabei, den umlagefinanzierten Nahverkehr zu erforschen.

Was Gregor Waluga zum Bürgerticket zu sagen hat, scheint allerdings kaum geeignet, die Lager zu einen. Denn der 31-jährige Doktorand hält einen verpflichtenden Solidarbeitrag für das künftige Mittel der Wahl, um öffentlichen Transport vor Ort auszubauen und zu bezahlen. Als „Gewinn für Klimaschutz und Bevölkerung“ bezeichnet er das Bürgerticket in einem Aufsatz , der im Frühjahr in der Fachzeitschrift „Raumplanung“ erschienen ist. Und auch unserer Zeitung gibt er sich als Verfechter der Idee zu erkennen.

Walugas Ausgangsthese: Der ÖPNV ist strukturell nicht kostendeckend und von Zuschüssen, Steuervergünstigungen und Quersubventionierungen abhängig. Das Nahverkehrsangebot konzentriert sich deshalb zunehmend auf Gebiete, in denen sich die finanziellen Verluste in Grenzen halten. Schon jetzt werden unrentable Linien auf Bedarfsverkehre zurechtgestutzt oder ganz aufgegeben. Während im ländlichen Raum der Nahverkehr auf die gesetzliche Daseinsvorsorge schrumpft, gibt es in der Stadt zu geringe ÖPNV-Kapazitäten.

Kommunales Dilemma

„Dabei ist es dringend erforderlich, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen“, sagt Waluga. Klimaschutzziele seien nur zu erreichen, wenn deutlich weniger Auto gefahren wird. Mehr als ein Fünftel des Kohlendioxid-Ausstoßes in Deutschland werde von Verkehr verursacht. Zwei Drittel davon ließen sich auf Pkw zurückführen. Außerdem sei Autoverkehr für einen Großteil jener Emissionen verantwortlich, die Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hervorrufen. Also auch die Gesundheit der Menschen würde vom Umstieg auf Bus und Bahn profitieren, so Waluga.

Bundesweit steckten Kommunen also in einem Dilemma: Eigentlich müsste der ÖPNV dringend gestärkt werden. Allein es fehlt das Geld. Das Bürgerticket zeige einen Ausweg. Der Deal: Alle Bewohner oder Haushalte eines bestimmten Gebiets entrichten einen obligatorischen Monatsbeitrag und können im Gegenzug alle öffentlichen Verkehrsmittel ohne weitere Kosten nutzen. „Der Beitrag würde für die Bereitstellung des ÖPNV im räumlichen Geltungsbereich erhoben, unabhängig von der tatsächlichen Inanspruchnahme durch die Bürger“, sagt der Forscher in dem Wissen, dass es genau das ist, was viele Osnabrücker abschreckt. Denn sie fühlen sich durch eine „Zwangsabgabe“ bevormundet , wie Reaktionen auf den Vorstoß des Rates zeigen.

Der Wissenschaftler aus dem Bergischen Land aber sieht in der Einfachheit der Bürgerticket-Idee ihren größten Vorteil. Abgesehen davon, dass laut Waluga „Menschen Pauschalbeträge bevorzugen“, würde mit dem Wegfall des Fahrscheins auch die „tarifliche Zugangshürde zum Nahverkehrssystem“ für alle deutlich herabgesetzt. Wo heute ein Angebots- und Preiswirrwarr potenzielle Neukunden eher abschrecke, ließe die ÖPNV-Umlage nicht nur zuverlässig die Einnahmen des Verkehrsbetriebs sprudeln. Darüber hinaus sei eine Reaktion zu erwarten, die Forscher „Schubseffekt“ nennen. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass eine Gegenleistung häufiger in Anspruch nimmt, wer dafür in Vorkasse geht. Im Klartext: Ich habe das Ticket bezahlt, also nutze ich es auch.

Eigenes Experiment

Erfahrungen mit dem ebenfalls auf Solidaritätsgedanken fußenden Semesterticket für Studenten hätten ergeben, dass die Verkehrsmittelwahl durch die „Zwangsverfügbarkeit“ zugunsten von Bus und Bahn beeinflusst werde. Zwar seien solche Studien nicht ohne Weiteres auf die allgemeine Bevölkerung übertragbar. Ermutigt fühlt sich Gregor Waluga aber durch einen Feldversuch, den er gemeinsam mit Verkehrsverbund Rhein-Ruhr und Stadtwerken Wuppertal im Frühjahr 2012 für seine Doktorarbeit durchführte. Für 27 Euro monatlich erhielten 14 Teilnehmer, größtenteils ÖPNV-Neukunden, drei Monate lang freie Fahrt in Wuppertal. Ergebnis: Das Bürgerticket gab „einen entscheidenden Impuls“ zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Hochgerechnet kommt Waluga jedoch zu einem wenig erfreulichen Schluss: Ein im Stadtgebiet Wuppertal gültiges Bürgerticket müsste – nicht zuletzt wegen der preistreibenden Schwebebahn – zwischen 90 und 100 Euro pro Haushalt und Monat kosten. Eine „als hoch empfundene Zahl“, wie der Doktorand einräumt. Allerdings immer noch deutlich geringer als jene 328 Euro, die laut Statistischem Bundesamt jeder Haushalt durchschnittlich im Monat für Verkehr hinblättere. Oder jene 350 Euro, die nach Berechnungen des ADAC die Unterhaltung eines Kleinwagens monatlich mindestens koste. Gregor Waluga: „Durch die uneingeschränkte Mobilitätsmöglichkeit, die ein Bürgerticket eröffnet, besteht ein erhöhtes Potenzial zur Abschaffung vieler Zweitwagen. Damit würde es mehrfach motorisierte Haushalte nicht belasten, sondern entlasten.“

Ob Kopfpauschale oder Haushaltsabgabe: Die Grundidee Bürgerticket biete zahlreiche Möglichkeiten zur Differenzierung , erklärt der 31-Jährige und wirbt für eine „sachliche Debatte“. Zu klären sei etwa die Frage, was finanziert werden soll: nur der ÖPNV-Betrieb oder auch die ÖPNV-Infrastruktur? Denkbar sei, verkehrsverursachende Drittnutzer wie Sportvereine – in Osnabrück etwa den VfL – oder Arbeitgeber zur Kasse zur bitten, weil sie indirekt vom öffentlichen Transport profitieren. Ähnlich funktioniere das von vielen gerühmte Finanzierungsmodell versement transport in Frankreich , wenngleich dadurch der ÖPNV nicht fahrscheinlos wurde. Das Bürgerticket gehe da einen wichtigen Schritt weiter, so der Verkehrsforscher aus Wuppertal. Die rechtliche Ausgestaltung hierzulande müsse jedoch geklärt werden, um soziale Belange angemessen zu berücksichtigen. Gregor Waluga: „Eine breite Akzeptanz seitens der Bevölkerung ist Grundvoraussetzung zur Einführung eines Bürgertickets.“


Das Wuppertal-Institut erforscht und entwickelt Leitbilder, Strategien und Instrumente für Übergänge zu einer nachhaltigen Entwicklung auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Im Zentrum stehen Ressourcen-, Klima- und Energieherausforderungen in ihren Wechselwirkungen mit Wirtschaft und Gesellschaft. Die Analyse und Induzierung von Innovationen zur Entkopplung von Naturverbrauch und Wohlstandsentwicklung bilden einen Schwerpunkt seiner Forschung.

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