Geplatzt: Ausbau der Schreberstraße Trampelpfad statt Osnabrücker Wüstenautobahn

Von Sebastian Stricker


Osnabrück. Die breite Einmündung am Heinrich-Lübke-Platz erinnert daran, dass die Stadt Osnabrück einst Großes vorhatte mit der Schreberstraße. Als „mittlere Verbindung Süd“ sollte sie ab den Achtzigern den Autoverkehr außerhalb des Wallrings aufnehmen und auf zwei Fahrspuren in und durch die Wüste schicken.

Übrig geblieben von der kühnen Idee sind: ein rühriger Bürgerverein , der die Asphaltplantage vor der Haustür zu verhindern verstand. Eine 300 Meter lange, von stählernen Zäunen und wucherndem Grün umsäumte Schotterpiste. Und zwei Gullischächte, die seit bald 40 Jahren bis zum Bauchnabel aus dem Boden ragen. An ihnen lässt sich ablesen, auf welcher Höhe die Hauptverkehrsstraße damals geplant war.

Wie Mahnmale erinnern sie mithin an jene Zeit, als autogerechter Städtebau im Rathaus das Maß aller Dinge war. Für eine Flut von Fahrzeugen gedacht war auch die „Wüstenautobahn“, wie sie scherzhaft genannt wurde. Und im nach wie vor gültigen Bebauungsplan Nr. 121 ist die Schreberstraße tatsächlich üppiger eingezeichnet als die parallel verlaufende, 18 Meter breite Hiärm-Grupe-Straße. In einem weiten Bogen sollte die mittlere Verbindung Süd über Pappelgraben, Rehmstraße, Limberger Straße und Bödekerstraße bis zur viel befahrenen Parkstraße führen. So lässt es auch der Flächennutzungsplan von 1978 erkennen.

Heute ist die Trasse in Teilen ein Trampelpfad. Und die grauen, mit Betonguss-Deckeln verschlossenen Schächte längs des Weges sind das Tor zur Unterwelt: Sie werden zur Wartung der 1976 gebauten Kanalisation genutzt. Denn dicht unter der Grasnarbe rauscht vom Wüstensee bis zum Pappelgraben das Regenwasser durch 2,20 Meter dicke Rohre.

Nicht notwendig – oder doch?

Letztlich wurde das Projekt Schreberstraße lange vor dem Mauerfall beerdigt. Denn abgesehen vom gewandelten Zeitgeist, der dem motorisierten Individualverkehr plötzlich nicht mehr uneingeschränkt Vorfahrt gewährte, war der Ausbau auch „verkehrlich nicht zwingend notwendig“, wie Franz Schürings, Fachbereichsleiter Städtebau, sagt. Innerstädtische Verkehrsprojekte würden „permanent auf dem Prüfstand“ stehen. Und die nur mit Riesenaufwand zu schaffende Verbindung quer durch die Wohngebiete hätte keine Entlastung für die Menschen gebracht – im Gegenteil.

Kaum einer weiß das besser als Claus Runge. Der 79-Jährige wohnt in dieser Ecke. Und maßgeblich wirkte er im 1984 gegründeten Bürgerverein Wüste mit, dessen Daseinsberechtigung einst auf dem Widerstand gegen die Straße fußte. „Das hat den ganzen Stadtteil betroffen“, erinnert sich das Ex-Vorstandsmitglied. Runge kann aber auch die damaligen Verkehrsplaner verstehen. Wen wundert‘s: Als ehemaliger Leiter des städtischen Tiefbauamtes war er selbst einer von ihnen.

Und ließ in dieser Funktion gerne Hintertürchen offen. Zwar sei Weitsicht im Städtebau die größte Tugend. Doch gut beraten ist laut Runge, wer sich Optionen schafft. „Die Frage ist immer: cui bono – wem nützt es?“ Er könne sich gut vorstellen, dass eine Südtangente durchaus ihre Wirkung entfaltet hätte. Etwa wenn der Neumarkt oder auch die Martinistraße tatsächlich einmal zweispurig sein sollten. So aber werde sich der Autofahrer andere Wege suchen. Die Quellwiese etwa diene schon heute zu Stoßzeiten vielen als Abkürzung – sehr zum Ärgernis der Anlieger.

Was die Schreberstraße angeht, macht Claus Runge mit Blick auf Radfahrer und Fußgänger einen anderen Vorschlag: „Eine Brücke über den Pappelgraben wäre schön.“ Dann gäbe es für sie eine gerade Verbindung, die von der Weststadt bis zum Moskaubad reicht.