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Lauer Spätsommerabend Zahlreiche Besucher auf der Kulturnacht in Osnabrück

Von Tom Bullmann


Osnabrück. Die Kulturnacht in Osnabrück ist gestartet: Unser Mitarbeiter Tom Bullmann macht am Samstagabend einen Rundgang und berichtet, welche Aktionen sich heute noch lohnen.

22 Uhr: Während junge Frauen in Tüll und Strapsen die Kulturnacht nutzen, um auf ihren „Junggesellenabschied“ aufmerksam zu machen, schallen von Theatervorplatz besinnliche Elektrosounds herüber. Jetzt muss Willem Schulz die experimentelle Performance mit seinem Cello beenden, die er zwischen den Holzblöcken vor dem Dom absolviert.

Hier hat Volker-Johannes Trieb sein temporäres Mahnmal anlässlich des Ausbruchs des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren installiert. Allerdings interessiert die Nachtschwärmer mehr die Livemusik der Hundreds, eines Elektropop-Duos aus Hamburg, das hier auftritt, weil sie in diesem Jahr schon zwei angesetzte Konzerttermine in Osnabrück absagen mussten. Jetzt sind sie tatsächlich da und der Platz ist rappelvoll mit Zuschauern, die geradezu andächtig den sphärischen Klängen lauschen: Umsonst und an einem lauen Spätsommerabend, der noch lange nicht vorüber ist…

21.30 Uhr: Eigentlich werden darauf im Museum Kunstwerke in Szene gesetzt. Jetzt nehmen Kulturnachtgänger darauf Platz: weiße Original-Holzsockel. Manche wollen hier verschnaufen, wie auch auf den Bänken in der neu eröffneten Kunsthalle. Andere lassen sich von Christel Schulte, Mitarbeiterin der Kunsthalle, erklären, dass „sitzen und reden“ zu ihrem Konzept während der Kulturnacht gehört.

Plötzlich hört man Saxophontöne, derweil Tänzerinnen in blauen Fantasiekostümen durch die alte Kirche tanzen. Es sind Mitglieder der Tanztruppe Stakkato, die die Zeit zwischen ihren Modepräsentationen auf dem Marktplatz für eine spontane Performance nutzen. Wie in einer Prozession tänzeln sie durch die Menschenmengen zu den Saxophonklängen von Heinz Brockmann zurück zu ihrem nächsten Auftritt auf dem Catwalk vor dem Rathaus.

Kulturnacht Osnabrück: Wo sind die Hauptattraktionen? ››

20.45 Uhr: Die Innenstadt ist voll: Teilweise sind so viele Menschen unterwegs, dass man nur noch im Tippelschritt vorankommt. Vor der Geschäftsstelle des Kaos Vereins in der Großen Gildewart hat sie eine Traube gebildet. Hier werden Kunstwerke zugunsten der KUKUK-Kulturkarte versteigert. Kabarettist Kalla Wefel ist heute Auktionator und in seinem Element: „Ich frage mich, warum diese Statue sich so lange in einem Baum versteckt hat“, bemerkt er, als eine Kleinskulptur der Künstlerin Monika Hamann unter seinen Gummihammer kommt.

Die Veranstalter sind höchst zufrieden, weil viele Arbeiten, die Osnabrücker Künstler kostenlos zur Verfügung gestellt haben, für ein Mehrfaches des Grundpreises weg gehen. Als es noch hell war, hat Wefel die Versteigerung auf den Treppenstufen des Hauses der Jugend angeboten, jetzt ist er in die Geschäftsräume des Kaos Vereins umgezogen – und es ist eng. Wie auch im Steinwerkshof in der Bierstraße. Kunsthandwerk, spanische Musik und erlesene Weine sorgen für Wohlbefinden. Das schmackhafte marokkanische Lamm Tagine mit Pflaumen und Couscous ist allerdings bereits ausverkauft…

19.30 Uhr: Der Marktplatz ist zur ersten Schau auf dem Catwalk gut gefüllt: zu „Walking Art & Fashion“. Direkt neben dem 18 Meter langen Laufsteg sind Bierzeltgarnituren aufgestellt worden, an denen die Besucher jetzt erwartungsvoll Platz genommen haben, dahinter wird in mehreren Reihen gestanden. „Macht hinne“, sagt eine Dame ungeduldig, die wohl noch einiges vor hat an diesem Abend. Und tatsächlich betreten, von stimmungsvoller Musik untermalt, drei Moderatoren die Bühne: Steffi Möllering, die für die Mode zuständig ist, sowie Brigitte und Ralf Böhnke von der Galerie schwarz|weiß, die jetzt die Kunst präsentieren. Gerade stellen sie den Osnabrücker Künstler Hinrich van Hülsen vor, dessen skurril-surrealistischen Werke von „Models“ über den Laufsteg getragen werden.

Insgesamt zehn Künstler aus der Region lassen ihre Arbeiten über den Steg tragen, derweil Zuschauer gebannt das Geschehen verfolgen. Wenn man bedenkt, dass sonst eher das interessierte Publikum zu Kunstvernissagen und in Ausstellungen geht, so bietet sich die Malerei jetzt einem erstaunlich großen Publikum dar.

Gerade gibt es eine Zwangspause: „Die Kunstwerke sind nicht so schnell und traben sollen sie nicht“, sagt Böhnke, bevor es mit Bildern von Susanne Heitmann weitergeht. Und die Musik ist laut und verhalten-rhythmisch, fast wie bei einer Modenschau.

Die Veranstaltung, bei der im halbstündigen Rhythmus abwechselnd Mode und Kunst gezeigt wird, geht noch bis 22.30 Uhr, dann kommt die letzte Präsentation.

18.50 Uhr: „Ich spül zum Glück in Osnabrück“, steht auf einer Miniaturschürze, die an einem Stand unter den Bibliotheksarkaden verkauft wird. Diverse Anbieter haben ihre originellen, selbst gemachten Designerprodukte ausgelegt, die der Kulturnacht in diesem Jahr das Motto geliefert haben: „Made in Osnabrück“. Katrin Lazaruk und Steve McGuire sind Veranstalter der Osnabrücker „DEMO“, der Design Messe Osnabrück, die jetzt auch das „Designquartier“ am Markt organisiert haben. Ihre „Tape Art“-Bilder werden von neugierigen Flaneuren inspiziert – genauso wie Ohrclips aus kleinen 4711-Fläschchen, die an einem Stand mit dem Namen „Kleinkariert“ angeboten werden. Einen exotischen Blickfang bieten die Frauen, die sich in aufwändiger Handarbeit Verkleidungen gestrickt und gehäkelt haben. Jetzt schauen sie selbst einmal, was die Kollegen von der Design-Zunft verkaufen. An einem Bierstand wartet derweil das Service-Personal auf einen Techniker, der die defekte Kühlanlage für das Bier reparieren soll, denn wer will schon warmes Bier trinken. Glücklicherweise gibt es noch andere Bierstände, an denen der Gerstensaft wohltemperiert ist…

Weitere Tipps unserer Kulturredaktion zur Kulturnacht finden Sie in unserem Ressort Kultur Regional ››

18.10 Uhr: Von wegen Kulturnacht: Mittlerweile fängt die große Kulturshow schon tagsüber an. Um 12 mittags hatte das ehemalige Schlecker-Geschäft an der Hasestraße seine Pforten geöffnet, um den Besuchern „Hundert Hiesige“ zu zeigen. Das heißt: Mehr als 100 Künstler waren eingeladen worden, jeweils eine Arbeit auszustellen. Fast 80 kamen, sodass das große Ladenlokal jetzt eine Rundumschau der lokalen Kunstszene bietet. „Die Leute kamen tatsächlich schon mittags. Auf dem Rückweg vom Markt wurden bereits die Bilder und Skulpturen inspiziert, die wir hier präsentieren“, sagt Ideengeberin Eva Preckwinkel. Auch jetzt wird geschaut und mit den Künstlern gesprochen, die gerne über ihre Arbeit Auskunft geben.

Eine junge Frau fragt auf Englisch, woher die Kunst stammt, die sie hier zu sehen bekommt. Es stellt sich heraus, dass sie aus Riga in Lettland kommt, seit einem Monat in Osnabrück wohnt und selbst Künstlerin ist. Die temporäre Galerie ist offenbar der richtige Ort um Kontakte zu knüpfen.

Beim Blick in den Himmel über der Hasestraße kommt derweil gute Laune auf: Wer noch etwas von den mehr als 100 Programmpunkten der Kulturnacht mitbekommen will, kann das offenbar bei gutem Wetter machen.