Tief verletzt über Hitlers Lügen Wie Bischof Berning seine Haltung zum NS-Staat änderte

Von Christof Haverkamp


Osnabrück. War er ein Nazi-Bischof? Vor 100 Jahren, kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde Wilhelm Berning (1877–1955) zum Osnabrücker Bischof geweiht. Der Historiker Klemens-August Recker hat nun zum Jubiläum ein Buch „Streitfall Berning“ geschrieben. Mit überraschenden, differenzierten Ergebnissen.

Wie verhielt sich Berning zu den Nationalsozialisten? Nahm er als Preußischer Staatsrat eine große Nähe zur Diktatur ein? Was hat er 1936 im Emslandlager Aschendorfermoor gesagt? Wiederholt löste der Bischof heftige Kontroversen aus, 1980 etwa im Osnabrücker Rat. Es gab zahlreiche Leserbriefe in der NOZ. Klemens-August Recker, bis zur Pensionierung Lehrer am Gymnasium Carolinum, hat bereits 1998 über den Osnabrücker Oberhirten ein umfangreiches wissenschaftliches Werk verfasst. Zum Jubiläum von Bernings Bischofsweihe vor 100 Jahren, am 29. September 1914, veröffentlichte Recker nun ein populärwissenschaftliches Taschenbuch, das er jetzt in Osnabrück vorstellte.

Mit nur 37 Jahren wurde der gebürtige Lingener Berning Bischof. In einem Hirtenwort unterstrich er seine Treue zu Kaiser Wilhelm II. und forderte von den Katholiken Vaterlandsliebe. Nicht nationaler Chauvinismus habe Berning dazu bewegt, erklärte Recker dazu, sondern die tief sitzenden Erfahrungen des Kulturkampfs in den 1870er-Jahren. In dieser Zeit galten katholische Christen im evangelisch regierten Preußen als „Vaterlandsverräter“; die Kirche wurde unterdrückt.

„Der Bischof denkt vom Staat her“, betont Recker. Aus Bernings Sicht war der Staat Gott unterstellt und hatte – wie die Kirche – dem Heil der Menschen zu dienen. Dieses Verständnis bestimmte sein politisch-religiöses Denken, auch sein Verhältnis zur NS-Diktatur.

Lob für die NS-Regierung

Zwischen 1931 und 1933 bekämpften die Bischöfe die Nationalsozialisten, auch Berning, damals Mitglied der katholisch geprägten Zentrumspartei. Doch als Adolf Hitler die Macht übertragen bekam, befanden sich die Bischöfe im Dilemma: Sie blieben bei ihrer ablehnenden Haltung, wollten aber der neuen Regierung nach ihrem Staatsverständnis gehorchen. Aus dem Dilemma befreite sie Adolf Hitler, als er den Bischöfen im März 1933 zusagte, den Staat auf eine christliche Grundlage zu stellen. „Berning hat Hitler geglaubt“, sagt Recker. Öffentlich lobte der Bischof den neuen Staat und das Führerprinzip, etwa, als ihn Hermann Göring zum Preußischen Staatsrat berief, ebenso beim Reichskonkordat zwischen Kirche und Staat.

In seiner Silvesterpredigt 1933 im Dom lobte Berning den Kampf der NS-Regierung gegen den Kommunismus und die Arbeitslosigkeit und die Bemühungen um eine Einheit über alle Parteigrenzen hinweg. „Differenzierungen, die er privat äußerte, gerieten gegenüber dem ‚Lärm‘ seiner öffentlich zustimmenden Äußerungen ins Hintertreffen“, ergänzt Recker.

Recker: Er war auf den Barrikaden

Radikal anders klang die Silvesterpredigt ein Jahr später. „Wem wollt ihr glauben? Den modernen Propheten oder der ewigen Wahrheit, Jesus Christus“, fragte der Bischof Ende 1934. „Da ist ein Berning, der auf den Barrikaden steht“, findet der Historiker. „Es ist ein anderer Berning geworden.“ Was war passiert? Der Bischof hatte Hitler bei zwei Begegnungen getroffen, fühlte sich aber von ihm mehrfach belogen und war tief verletzt. Dass der Ideologe Alfred Rosenbergs, Autor des antichristlichen Buches „Mythus des XX. Jahrhunderts“, NSDAP-Schulungsleiter wurde und dass der katholische Laie Erich Klausener erschossen wurde, trugen zu einer viel skeptischeren Einstellung bei. Berning vertraute nicht mehr auf Hitlers Zusage, er wolle den Staat auf eine christliche Grundlage stellen.

„Ds Emsland im Dornröschenschlaf“

1936, übrigens kurz vor den Olympischen Sommerspielen, machte Berning Schlagzeilen nach einem Besuch des Emslandlagers Aschendorfermoor. Zitiert wurde der Bischof mit den Worten: „Lange lag das Emsland im Dornröschenschlaf, bis der Prinz kam und es weckte; dieser Prinz ist unser Führer Adolf Hitler.“ So berichtete es die damals NSDAP-nahe, gleichgeschaltete „Ems-Zeitung“; überregionale Blätter übernahmen den Bericht. Recker geht angesichts einer immer kritischeren Haltung Bernings fest davon aus, dass die NS-Propaganda dem Bischof das Zitat nur in den Mund gelegt hat und es so nie gefallen ist. Auch Kritiker des Bischofs könnten zu den Vorgängen keine Quelle außerhalb der NS-Überlieferung aufweisen, sagt der Historiker.

In der Öffentlichkeit erweckte der Besuch den Eindruck, der Osnabrücker Oberhirte habe das Regime unterstützt. Dieser Eindruck festigte sich, nachdem vier Mädchen im emsländischen Heede ab 1937 von Marienerscheinungen berichteten, was zu einem Ansturm von Gläubigen in dem Ort führte. Berning reagierte zurückhaltend, weil die katholische Kirche stets handfeste Beweise verlangt, bevor sie offiziell Marienerscheinungen anerkennt. Zugleich betrachtete das NS-Regime die Zusammenkünfte in Heede als gefährliche, unkontrollierbare Zusammenrottung. So wurde Berning wegen dieser Haltung ausgerechnet von Befürwortern der Erscheinungen verdächtigt, Handlanger des Staates zu sein. Die Chance, sich dem öffentlich entgegenzustellen, bekam er nicht.

„Unberechtigter Vorwurf“

Daher nannte man ihn „Nazi-Bischof“. Für Recker ein vollkommen unberechtigter Vorwurf, zumal Berning in Predigten immer wieder gegen das Vorgehen des Regimes, etwa in der Frage der Euthanasie, protestiert habe. Doch dass er auch nach dem Mai 1945 zu den Ereignissen der NS-Zeit schwieg, trägt nach Ansicht des Historikers zu einem falschen Negativbild Bernings bei.

Hermann Queckenstedt, Leiter der Abteilung Kultur und Archiv im Bistum Osnabrück, hält es für verfehlt, Berning nur auf sein Verhalten in der NS-Zeit zu reduzieren. Der autoritäre Bischof habe zwar Schattenseiten gehabt, sagte er während der Buchvorstellung. Zugleich aber sei er „einer der größten Bischöfe der Diözese“ mit vielen modernen Ideen gewesen.


Wilhelm Berning wurde am 26. März 1877 in Lingen geboren. Der Tischlersohn bestand Ostern 1895 am Gymnasium Georgianum Lingen die Reifeprüfung. In Münster und Breslau studierte er Philosophie, Theologie und Geschichte. Die Priesterweihe empfing er am 10. März 1900 in Osnabrück. 1901 wurde er in Münster zum Doktor der Theologie promoviert und war dann Religions- und Oberlehrer in Meppen. Am 29. September 1914 wurde Berning zum Bischof geweiht. Er gründete 1916 den Diözesan-Caritasverband, schuf einen Erziehungsverein für verwahrloste Jugendliche und die Kinderferienerholung. Er rief neue Ordensgemeinschaften ins Leben: die Missionsschwestern Mariens („Netter Schwestern“) und die Liebfrauenschwestern. 1930 wurde das Bistum Osnabrück im Norden um Gebiete erweitert, die heute zu Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und zu Mecklenburg (ohne Vorpommern) gehören. In der Deutschen Bischofskonferenz war Berning mit Schulfragen betraut. 1929 übernahm er das Filmreferat. Zuständig war Berning auch für Rundfunk und Presse sowie für Auswanderer und Auslandsdeutsche. 1933 ernannte ihn Hermann Göring Nach 1945 kümmerte er sich um die Integration der Vertriebenen. 1949 ehrte ihn Papst Pius XII. mit dem Titel Erzbischof. Am 23. November 1955 starb er.