Vor dem Zivilgericht Opfer der Sonntagszeitung wollen ihr Geld zurück

Von Wilfried Hinrichs

Werbung für die „Osnabrücker Sonntagszeitung“ an einem Haus an der Bohmter Straße. Foto: Jörn MartensWerbung für die „Osnabrücker Sonntagszeitung“ an einem Haus an der Bohmter Straße. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Inhaber von Medienbriefen der „Osnabrücker Sonntagszeitung“ haben Ex-Verleger Norbert Fuhs auf Schadensersatz verklagt. Eine Zivilkammer des Landgerichts verhandelte am Donnerstag die ersten sechs Fälle. Es geht um Summen von knapp 3000 Euro bis 30000 Euro.

Die Fälle, die Rechtsanwalt Dimitri Rimscha vor die Zivilkammer getragen hat, sind ähnlich gelagert: Ältere Menschen suchten nach einer sicheren Anlagemöglichkeit für ihre Ersparnisse und stießen auf die Medienbriefe, die der Verleger Norbert Fuhs in der „Osnabrücker Sonntagszeitung“ bewarb. Fuhs versprach als Geschäftsführer der Enorm Verlagsgesellschaft Renditen von 5,25 bis 6,25 Prozent. Nach der Insolvenz der Verlagsgesellschaft Anfang des Jahres ist das Geld wahrscheinlich komplett weg .

Die klagenden Medienbrief-Zeichner fühlen sich von Fuhs betrogen. „Er sagte, das ist eine hundertprozentige Geschichte“, schilderte ein 74-jähriger Rentner, der 2003 einen Medienbrief für 5000 Euro gezeichnet hatte. Eine 73-jährige Osnabrückerin hatte ab 2006 vier Mal Medienbriefe gekauft, insgesamt elf Stück für 55000 Euro. Die versprochene Rendite sei „gut und hoch“ gewesen, Herr Fuhs habe die Zinsen pünktlich gezahlt. Von etwaigen Risiken und einem möglichen Totalverlust sei nie die Rede gewesen. Mit dem Wissen hätte sie die Briefe „wahrscheinlich nicht“ gekauft. Keiner der Klagenden hat jemals Einsicht in die Bilanzen genommen oder danach verlangt. Alle erklärten, dass ihnen nicht klar gewesen sei, mit dem Kauf eines Medienbriefes „stille Gesellschafter“ geworden zu sein.

Das Geschäftsmodell der Sonntagszeitung sei auf Betrug begründet gewesen, sagte Rechtsanwalt Dimitri Rimscha. Fuhs habe in einem Schnellballprinzip die Renditen mit der Herausgabe neuer Medienbriefe finanziert.

Außerdem seien die Opfer falsch beraten worden. Es habe eine große Diskrepanz zwischen den schriftlichen Unterlagen und die „gelebte Realität“ gegeben, so Rimscha am Donnerstagvormittgag am Rande der Sitzungen. Norbert Fuhs habe den Zeichnern ein florierendes Geschäft vorgegaukelt und den Medienbrief als sichere Anlage verkauft. Die Risiken seien in den Verkaufsgesprächen nicht oder nur oberflächlich thematisiert worden. Über die Möglichkeit eines Totalverlustes habe Fuhs nicht aufgeklärt.

Der Ex-Verleger zeichnete vor Gericht ein anderes Bild. Er habe die Interessenten zunächst in einem Info-Schreiben über das Finanzierungsmodell in Kenntnis gesetzt. „Ich habe jedem gesagt, wenn wir Pleite gehen, ist das Geld weg“, so Fuhs vor dem Zivilrichter. Die Rendite habe er jeweils „aus dem laufenden Geschäft gezahlt“. Auch das Prinzip der Vorabvergütung sei erläutert worden.

Laut Vertrag zahlte Fuhs zwei Mal jährlich „Vorabvergütungen auf zu erwartende Gewinne“. Doch Gewinne warf der Verlag laut der im Bundesanzeiger veröffentlichten Bilanzen sei mindestens 2006 nicht mehr ab. Vorabvergütungen hätte Fuhs also gar nicht an die Medienbrief-Inhaber auszahlen müssen.

Die Konsequenz daraus bekommen die Medienbrief-Inhaber jetzt zu spüren: Der Insolvenzverwalter fordert die vorab gezahlten Vergütungen zurück. In einzelnen Fällen summieren sich diese Zahlungen auf über 30000 Euro.

Die Kläger fordern von Fuhs ihre Einlagen abzüglich der gezahlten Vorabvergütungen zurück. Die Urteile will das Gericht am Freitag, 31. Oktober, verkünden.


Medienbriefe: Der Verlag der „Osnabrücker Sonntagszeitung“ finanzierte sich über Medienbriefe, die in der Regel von Privatleuten zu 5000 Euro pro Stück gezeichnet wurden. Verleger Norbert Fuhs lockte mit Renditen von bis zu 6,25 Prozent pro Jahr. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konnte Fuhs die Ausschüttungen seit 2010 nur noch durch die Herausgabe neuer Medienbriefe bedienen. Die Ermittler sehen darin ein betrügerisches Schneeballsystem . Die stillen Einlagen beliefen sich Ende 2013 auf 8,4 Millionen Euro. Als die wahre Lage des Verlages im Mai 2013 öffentlich wurde, kündigten 274 Gesellschafter ihre Medienbriefe. Ende 2013 wurden 4,5 Millionen Euro fällig, die der Verlag nicht bedienen konnte. Im Januar meldete die Enorm-Verlagsgesellschaft Insolvenz an.