Spielzeiteröffnung im Theater Pedro Martins Beja inszeniert Müllers „Gundling“

Von Christine Adam

Eröffnet die Spielzeit: Regisseur Pedro Martins Beja im Gespräch über Müllers „Gundling“. Foto: Swaantje HehmannEröffnet die Spielzeit: Regisseur Pedro Martins Beja im Gespräch über Müllers „Gundling“. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück.Zur Spielzeiteröffnung inszeniert Gastregisseur Pedro Martins Beja im Osnabrücker Emma-Theater Heiner Müllers „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“. Eine Einführung in Inhalt und Thematik des Stücks.

Beschäftigte sich das Osnabrücker Theater des Intendanten Ralf Waldschmidt in den vergangenen Spielzeiten mit den großen Themenkomplexen Krieg, Frieden und den Spielarten des Realen, so knüpft nun die Frage nach der Aufklärung in der neuen Spielzeit folgerichtig daran an, Anlass dazu gibt das Gedenken an 25 Jahre Mauerfall in diesem Herbst.

Welche Kraft hatte eigentlich diese hoffnungsvolle geistesgeschichtliche Bewegung des 18. Jahrhunderts zu Vernunft und Mündigkeit auch des einzelnen Bürgers wider Aberglauben und ideologischer Manipulation aller Art – zumindest im Verlauf der deutschen Geschichte? Hat die Aufklärung Zensur, Gewalt, Unterdrückung oder Kriege gar überflüssig gemacht?

Der große DDR-Dramatiker Heiner Müller gibt in seinen Stücken eine fatalistische Antwort. Indem er große Geschichtslinien aufzeigt, in denen sich Antiaufklärerisches über Jahrhunderte hinweg gleichsam vererbt. In seiner 1975/76 in der DDR verfassten Szenencollage „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ setzt er den Beginn einer „deutschen Misere“ ( das Scheitern jeder Revolution beispielsweise) mit der erzieherischen Zurichtung Friedrichs II. zum schonungslosen Soldatenkönig.

Ausgerechnet dem von der Nachwelt als Monarch der europäischen Aufklärung und des Fortschritts gepriesenen Friedrich wurde von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. brutal der Wille gebrochen, indem ihm das Musische, Aufbegehrende ausgetrieben und der Jugendfreund Katte vor seinen Augen hingerichtet wurde.

Müller spürt in Friedrich der lebenslangen Ambivalenz nach, die eine solche Erziehung hinterlassen hat: Der Intellektuelle auf dem Thron vertraut nicht der humanen Vernunft, sondern dem Pfad von Macht und Gewalt.

Vorgezeichnet war diese Geschichtslinie für Müller schon eine Generation früher mit der Verhöhnung des Historikers und Hofgelehrten Jacob Paul von Gundling am Hof Friedrich Wilhelms I., fortgesetzt wird sie in der höchst ambivalenten Beziehung Friedrich II. zu seinem Berater, dem aufklärerischen Philosophen Voltaire . Wie so oft in seinen Dramen nutzt Müller historische Figuren und Konstellationen als Spiegel und Maskierung zugleich für seine eigenen Erfahrungen als Intellektueller in der DDR.

Auf plastische, anschauliche, wenn auch sprachlich knapp verdichtete Szenen folgen in „Gundling“ eher abstrakte. Etwa wenn der Aufklärer Lessing über das Scheitern seines Lebensprojekts klagt: „Ich habe ein neues Zeitalter nach dem andern heraufkommen sehn, aus allen Poren Blut Kot Schweiß triefend jedes. Die Geschichte reitet auf toten Gäulen ins Ziel.“

Was uns Heiner Müller damit sagen will und mit der Schlussszene auf einem amerikanischen Autofriedhof, bleibt abzuwarten: auf die Inszenierung von Regisseur Pedro Martins Beja , der in Osnabrück schon „Wartopia“, „Der Geizige“ nach Molière in der Bearbeitung von PeterLicht und in der letzten Spielzeit Goethes „Clavigo“ inszeniert hat.

Politische Anspielungen, etwa auf unsere Gegenwart, hat er nicht im Sinn, wie der Regisseur im Gespräch sagt. Er behandle die von Heiner Müller umrissene Welt und ihre Sprache als Material, aus dem er mit seinen Schauspielern möglichst eine neue, temporäre Welt entwickle, „die nichts mit der Begrifflichkeit unserer Realität zu tun hat“.

Premiere von Heiner Müllers „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ ist am Sonntag, 14. September, um 19.30 Uhr im Emma-Theater. Karten unter 0541/7600076.