Gegen den Lehrermangel Uni Osnabrück macht Ingenieure fit für die Berufsschule

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Osnabrück. In den Berufsschulen in Niedersachsen gehen die Lehrer aus. Besonders im gewerblich-technischen Bereich. Mit speziellen Qualifizierungsangeboten geht die Universität Osnabrück deshalb auf Ingenieure zu. Und mancher Technik-Fan, der sich auf dieses Zweitstudium einlässt, entdeckt plötzlich völlig neue Seiten an sich.

Martin Lindemann zum Beispiel gehörte zu den Ersten, die 2005 den sogenannten „Quereinstiegsmaster- Studiengang“ belegten. Dieses zunächst befristete Studienangebot wurde nun verlängert. Seit 2007 ist Lindemann nun Lehrer an den Berufsbildenden Schulen in Melle . Und er hat seine Entscheidung bis heute nicht bereut. Aber das Lehrer-Gen ist ihm wohl auch schon in die Wiege gelegt worden: Sein Großvater war Volksschullehrer, sein Vater Pädagoge am Gymnasium, und seine beiden Brüder sind auch Lehrer. Nur Martin Lindemann drängte es zunächst in einen technisch-praktischen Beruf. Er lernte zunächst im Stahlwerk den Beruf des Maschinenschlossers. Dann folgte ein Studium im Fachbereich Werkstoffe und Verfahren.

Als sich Lindemann 2005 die Möglichkeit eröffnete, mit dem Quermaster-Studiengang sich zum Berufsschullehrer weiterzuqualifizieren, griff er zu. Nach dem erfolgreichen Abschluss 2007 unterrichtet er Berufsschüler, die eine Metall-Ausbildung machen. Für den 46-Jährigen ist der Lehrerberuf nach wie vor eine Herausforderung: „Ihr könnt mich mal – das geht nicht“. Dennoch würde er den Wechsel über ein zweijähriges Studium erneut riskieren. Sein Grund: „Wenn ich vor 30 Schülern stehe, dann kriege ich richtig gut Luft.“

Solche Leute sucht Prof. Dr. Thomas Bals, Leiter des Institutes für Erziehungswissenschaft und Professor für Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Uni Osnabrück – begeisterte junge Leute mit Berufserfahrung, Diplom-Ingenieure, Bachelors mit guten Kenntnissen. Das vorangegangene Studium müssen sie mindestens mit der Note 2,5 abgeschlossen haben.

Der Berufsschullehrermangel für die technischen Berufe sei überproportional hoch. Bals: „Bei einer Lehrerversorgung in den Fachrichtungen Elektro- und Metalltechnik von beispielsweise in Niedersachsen rund zwei Dritteln stellt sich die Frage nach der Funktionsfähigkeit des dualen Systems.“ Anstehende Lehrerpensionierungen verschärften das Problem weiter. Dennoch wollen die Lehrerausbilder an der Uni nicht jeden Kandidaten. Josef Thöle, gestandener Berufsschulmann, arbeitet mit Bals zusammen und fungiert als Mentor für die Studenten. Seine Begründung für das Bewerbergespräch am Anfang: „Wir wollen vermeiden, dass falsche Berufsvorstellungen, Missverständnisse oder gar fehlende Qualifikation im persönlichen Bereich zu Fehlentscheidungen führen.“

Eine Besonderheit dieses Studiengangs an der Uni Osnabrück ist die intensive persönliche Betreuung jedes Studierenden im Fachgebiet Berufs- und Wirtschaftspädagogik. „Diese Betreuung ist in der Lehrerausbildung sonst so nicht üblich“, sagt Bals. Und Thöle ergänzt: „Die Ausfallquote bei uns ist daher auch äußerst gering, geht gegen null Prozent.“

Marco Düvelmeyer, 28 Jahre, gerade mit dem Quereinstiegsmaster angefangen, bestätigt das. Der Ingenieur, der zunächst als technischer Zeichner ins Berufsleben startete, hatte eigentlich immer die Absicht, Lehrer zu werden. Nach dem Ingenieurstudium wurde er jedoch mit der Arbeit, die überwiegend am Computerbildschirm stattfand, nicht glücklich. Für ihn war das Angebot der Uni genau richtig.

Das viersemestrige Aufbaustudium gliedert sich die Bestandteile Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Fachdidaktik sowie das gewählte zweite Unterrichtsfach. In Osnabrück können hier Deutsch, Englisch, evangelische oder katholische Religion, Informatik, Mathematik, Physik oder Sport gewählt werden. Düvelmeyer hat sich für Physik entschieden. Und hier muss er ganz ordentlich ranklotzen. Denn die Fachbereiche machen keine Abstriche bei ihren Anforderungen für Seiteneinsteiger. Die müssen das Pensum für ihr zweites Fach, das in einem normalen Lehrerstudium über acht Semester verteilt werden kann, in vier Semestern erfüllen. Zieht man die Prüfungsvorbereitung ab, sind es genau genommen sogar nur drei Semester. Das erfordert übrigens nicht nur belastbare Studenten, sondern auch flexible Fachbereiche. Seine Professoren-Kollegen, so Bals, reagierten aber immer flexibler auf das enge Zeitbudget der Quermaster-Studenten. Da kann dann zum Beispiel auch mal die Reihenfolge von Studienleistungen abweichend von der Studienordnung getauscht werden. Das Programm ist sportlich, und für Düvelmeyer war klar, dass er das nicht in einem berufsbegleitenden Zusatzstudium machen wollte. Diese Variante bietet die Uni Osnabrück zwar auch an, und sie hat den Vorteil, dass die Studenten weiter ihrem bisherigen Broterwerb nachgehen können. Aber auch Thomas Haunhorst, Familienvater mit drei Kindern, hat sich für die Vollzeitlösung entschieden. Der 43-jährige gelernte Industriemechaniker und Ingenieur für Werkstoffe und Verfahren, zehn Jahre bei Karmann in Lohn und Brot, entschied sich 2009 für den Lehrerberuf. Nach der Kündigung hätte er später bei VW wieder anfangen können. Aber für den Hagener, engagiert in der St.-Martinus-Gemeinde, gab es da kein Zurück mehr: „Ich hatte das jetzt angefangen und wollte es durchziehen.“ Und das, obwohl er sich unter seinen Kommilitonen im Fach Religion schon etwas alt fühlte. „Als ich zum ersten Mal in den Hörsaal kam, dachten die, ich wär’ der Professor.“

Das Missverständnis kläre sich schnell. Von seinen deutlich jüngeren Mitstudenten, kaum älter als seine Schüler heute, sei er voll akzeptiert worden. Akzeptiert fühlen sich Haunhorst, Düvelmeyer und Lindemann auch vor der Klasse. Düvelmeyer arbeitet schon jetzt während des Studiums einige Stunden pro Wochen in der Schule. Haunhorst: „Die Schüler merken, die kommen aus der Praxis.“ In der Berufsschule an der Osnabrücker Brinkstraße hat er nun doch wieder mit VW zu tun. Die jungen Fertigungsmechaniker, die er dort unterrichtet, lernen dort, wo er einst gearbeitet hat und wo er sich noch gut auskennt.

Martin Lindemann sucht deshalb auch stets den Kontakt zu den Ausbildungsbetrieben. Zu Holger Meyer zum Beispiel, dem Leiter der gewerblich-technischen Ausbildung bei Kesseböhmer in Bad Essen, pflegt er freundschaftlichen Kontakt. Das hilft, wenn ein Azubi mal ein Problem hat. Und es hilft ihm auch selbst: „Es ist toll zu sehen, was aus den Schülern wird.“

Info: www.bwp.uni-osnabrueck.de/ oder josef.thoele@uos.de


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