Behandlung im Erdbebengebiet Osnabrücker Zahnarzt hilft auf Haiti

Von Regine Hoffmeister

Liege statt Zahnarztstuhl: Der Osnabrücker Zahnarzt Gerhard Stürmer-Schwichtenberg zeigt sechs haitianischen Schwesternschülerinnen, worauf es bei der Behandlung ankommt. Foto: privatLiege statt Zahnarztstuhl: Der Osnabrücker Zahnarzt Gerhard Stürmer-Schwichtenberg zeigt sechs haitianischen Schwesternschülerinnen, worauf es bei der Behandlung ankommt. Foto: privat

Osnabrück. Nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti im Januar 2010 war die Hilfs- und Spendenbereitschaft weltweit sehr groß. Mittlerweile jedoch ziehen sich viele Hilfsorganisationen zurück, weil ihre Unterstützung andernorts dringender benötigt wird. Dabei ist in Haiti noch nichts wieder so, wie es vor dem Erdbeben war. Der Osnabrücker Zahnarzt Gerhard Stürmer-Schwichtenberg versucht zu helfen.

Die Wiederaufbauarbeiten in Haiti sind noch voll im Gang, sie kommen jedoch vielerorts ins Stocken, weil das Geld zur Fertigstellung fehlt. Auch im Gesundheitswesen ist die Not groß: Die wenigen gut ausgebildeten Ärzte und Pflegekräfte ziehen in die nahe gelegenen USA oder nach Frankreich, weil sie dort keine Sprachprobleme haben. In Haiti selbst ist es deshalb sehr schwer, einen Behandlungstermin zu bekommen. „Die Haitianer sind es gewohnt, von morgens bis abends in der Klinik darauf zu warten dranzukommen. Und am Abend werden sie dann mit dem Hinweis nach Hause geschickt, doch bitte am nächsten Tag wiederzukommen“, berichtete Zahnarzt Gerhard Stürmer-Schwichtenberg, der Anfang August eine Woche lang in einer Klinik in Leogane, einer 200000-Einwohner-Stadt 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince, tätig war.

Die Klinik war 2010 nach dem Erdbeben von der Caritas gegründet worden. Seit dem Ende der Förderperiode im April 2014 soll die kleine Klinik mit nur einer Ärztin nun in Eigenregie ohne finanzielle Unterstützung der Caritas weitergeführt werden. „Das verursacht vor Ort große Probleme“, wusste Stürmer-Schwichtenberg, der eine Zahnarztpraxis in Osnabrück betreibt, zu berichten. Der Stromgenerator der Klinik sei alt und reparaturanfällig, die Ausstattung der Behandlungsräume spärlich. Das Klinikpersonal habe auch immer nur bis 12 Uhr gearbeitet, vermutlich weil mehr Arbeitsstunden nicht bezahlt werden konnten, mutmaßte er.

Stürmer-Schwichtenberg selbst hatte dagegen während seiner ehrenamtlichen Arbeitswoche alle Hände voll zu tun: Von morgens um neun bis nachmittags um fünf warteten die Patienten geduldig vor seinem Behandlungsraum. „Zahnärzte kommen immer nur tageweise aus Deutschland oder den USA in die Klinik“, berichtete Stürmer-Schwichtenberg. „Bei meiner Abreise war noch unsicher, wann wieder ein Zahnarzt dorthin kommen würde.“

Zwar hatte der Osnabrücker Zahnarzt einen ganzen Koffer voll zahnmedizinischer Instrumente und Medikamente mitgebracht, dort vor Ort musste er sich mit den beschränkten Gegebenheiten abfinden. Statt eines Zahnarztstuhls befand sich im Behandlungsraum nur eine normale Liege, Bohrer und Absaugvorrichtungen gab es ebenfalls nicht, zum Ausspucken diente ein schlichter Mülleimer, und Licht gab es allein über die Kopflampe des Arztes. „Mein Vorgänger soll die Behandlungsliege immer je nach Sonnenstand zum Fenster ausgerichtet haben.“

Trotz der beschränkten Möglichkeiten behandelte Stürmer-Schwichtenberg rund 100 Haitianer. Er zog schmerzende Zähne und entfernte Wurzelreste, füllte Löcher mit Kunststofffüllungen und entfernte Zahnstein. „Die älteren Patienten hatten generell bessere Zähne als die jungen Leute, die häufig stark gezuckerte Säfte und amerikanisches Fast Food konsumieren.“

Die Patienten zahlten für die Behandlung, unabhängig davon, was gemacht wurde, 2,50 Dollar. „Das ist für einen Haitianer eine ganze Menge“, berichtete Stürmer-Schwichtenberg. Die meisten würden deshalb gar nicht erst zum Arzt gehen, sondern direkt in die Apotheke, um sich dort ein passendes Medikament empfehlen zu lassen.

Ein junger Haitianer namens William Dervil hatte Stürmer-Schwichtenberg 2010 auf die Idee gebracht, in Haiti einmal als Zahnarzt auszuhelfen. „Ich war vorher schon einige Male im Rahmen des Dental Aid Projects in der Dominikanischen Republik im Einsatz“, berichtete er. Die Organisation des Hilfseinsatzes in Haiti gestaltete sich allerdings schwierig, weshalb erst 2014 eine Reise auf die Karibikinsel möglich war. Dervil half ihm als Assistent und Übersetzer bei seinem Einsatz.

„Ich möchte gern im nächsten Jahr wieder für eine Woche nach Haiti“, sagte der 61-jährige Zahnarzt. Nicht nur, um den Menschen zu helfen, sondern auch, weil ihn die Gastfreundschaft im Land so sehr beeindruckt hat.