Aus erster Hand: Jürgen Schliehe Osnabrücker Goldschmied setzt voll auf Handarbeit

Von Marie-Luise Braun

Auch mit Feuer arbeitet Jürgen Schliehe: Hier glüht er einen Ring mit Goldlegierung aus, um ihm eine gleichmäßige Farbe zu verpassen. Foto: Marie-Luise BraunAuch mit Feuer arbeitet Jürgen Schliehe: Hier glüht er einen Ring mit Goldlegierung aus, um ihm eine gleichmäßige Farbe zu verpassen. Foto: Marie-Luise Braun

Osnabrück. Handwerk hat eine lange Geschichte, die ihre Wurzeln im Mittelalter hat. Aber was treibt moderne Handwerker eigentlich an, ihren Beruf zu wählen und auszufüllen? Wir haben uns für eine kleine Sommerserie bei Osnabrücker Betrieben umgehört.

Gold, Silber, Platin, Edelsteine. Das sind die Dinge, die wohl den meisten Menschen einfallen, wenn sie an einen Goldschmied denken. Jürgen Schliehe aber sitzt an seinem Werktisch und feilt an einem Objekt, das aussieht, als wäre es aus Plastik. Falsch. Es ist Wachs. Genauer, ein Wachsmodell. Der Goldschmied fertigt eine Vorlage für einen Siegelring an, den ein Kunde bei ihm in Auftrag gegeben hat. Sobald sie perfekt ist, sendet Jürgen Schliehe die blaue Vorlage an eine Firma für Schmuck-Guss, die daraus einen Abdruck aus Palladium anfertigt. Anschließend bearbeitet er das Stück weiter, bis es fertig ist.

„Das ist eher untypisch für das, was ich mache“, sagt der 54-Jährige beim Besuch in seinem Geschäft an der Hasestraße 41. In einem ehemaligen Steinwerk hat er seine Werkstatt und seinen Verkaufsraum eingerichtet – wobei beides nicht voneinander zu trennen ist. Ganz anders als bei Juwelieren üblich, können Schliehes Kunden ihm bei der Arbeit zusehen – und zwar nicht nur dann, wenn er berät und verkauft, sondern auch dann, wenn er Schmuck herstellt.

Einige seiner Schmuckstücke präsentiert der gebürtige Osnabrücker in schlichten Glasvitrinen in den Fenstern. „Mir liegt eher das Kleine als das Große“, sagt er über die Arbeiten. „Ich habe mal große Schmuckstücke versucht, aber es wurde dann doch immer klein“, erinnert sich Schliehe an den Weg, seinen eigenen Stil zu finden. Den habe ein Kollege als „stillen Schmuck“ bezeichnet.

Jürgen Schliehe entwirft nicht am Computer, er zeichnet mit der Hand. Es gebe zwar spezielle Zeichenprogramme, aber: „Dann ist der Schmuck am Ende seelenlos, es wird zu perfekt“, meint der Goldschmied, der betont, dass sich die Entwürfe beim Umsetzen immer noch weiterentwickeln. Er zeichnet einen Entwurf, sucht das Material dafür zusammen – Gold, Silber oder ein anderes Edelmetall, dazu den einen oder anderen Edelstein, bearbeitet das Material und gleicht dabei ab, ob es vielleicht anders besser aussieht oder sich stimmiger umsetzen lässt als das, was er kürzlich entworfen hat.

Am liebsten ist es ihm, wenn Kunden die von ihm entworfenen Schmuckstücke kaufen. „Dann kann ich machen, was ich will“, sagt er. Gern entwickelt Schliehe aber auch Schmuck im Auftrag seiner Kunden: „Das macht Spaß, wenn man die Geschichte und die Bedeutung hört, die für die Kunden dahintersteckt.“ So war neulich eine Frau bei ihm, um nach dem Tod ihres Mannes dessen Ehering ändern zu lassen. So habe sie ihren Mann dann immer bei sich, wenn sie den Ring auf den Finger setze, obwohl sie normalerweise keinen Schmuck trage.

Schliehes Werkbank ist anzusehen, dass hier gearbeitet wird: 1992 hat er sein Geschäft an der Hasestraße eröffnet. Gelernt hat er in den 1970er-Jahren beim Juwelier „Franke und Middelberg“, die ihr Geschäft ebenfalls in der Hasestraße betrieben.

Schliehes Großvater und Vater waren Schmiede, sie betrieben ihr Handwerk ganz in der Nähe der Goldschmiede. „Karl Sehlmann, der letzte Schmied im Hone, kam später in die Schmiede meines Vaters“, erzählt Jürgen Schliehe. Als sein Vater 14 Jahre alt war, habe er die Kreuze auf dem Dom mit angefertigt. „Und er hat das Rad im Holling und weitere Sachen gemacht, die dort heute noch zu sehen sind.“

Den Austausch suchen

Schmied habe er nicht werden wollen. „Ich bin nicht so ein Handwerker.“ Eine Freundin habe ihn inspiriert, Goldschmied zu werden. Nach seiner Lehre habe er einige Menschen getroffen, die sich darüber Gedanken gemacht haben, was es bedeute, Goldschmied zu sein. Davon wurde auch Schliehe angeregt.

„In den Siebzigerjahren war so eine Aufbruchstimmung“, erinnert er sich und nennt Kollegen, die ihn weiterbrachten, wie Roland Niehüser-Sauer und Martin Ebbers, der inzwischen in Kanada lebt. Immer sucht er nach Kollegen, mit denen er fachsimpeln kann: „Man muss sich Austausch suchen, sonst schmort man im eigenen Saft.“ Auch mit seiner Frau Ulrike Kerber bespricht er viel. Sie ist Innenarchitektin.

Jürgen Schliehe gibt sein Handwerk auch weiter, so hat er einige Lehrlinge ausgebildet, einige seien Jahrgangsbeste gewesen. Derzeit hat Schliehe keinen Lehrling. Aber nach der Sommerpause, da ist es wieder so weit.


Goldschmied werden: Über ein gutes Auge, ein feines Gespür und Kreativität sollten junge Menschen verfügen, die Goldschmied werden möchten. Wichtig ist auch ein Verständnis für physikalische und chemische Prozesse. Dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung, die dazu befähigt, Schmuck zu entwerfen, herzustellen, aufzuarbeiten und zu reparieren.

Goldschmiede arbeiten in Gold- und Silberschmiedewerkstätten, bei Juwelieren mit angeschlossener Werkstatt, aber auch in der Industrie, in Ateliers für Schmuckdesign oder in der Herstellung in Betrieben, die Legierungen aus Edelmetall herstellen. In der Ausbildung – die nicht nur im Betrieb, sondern auch in der Berufsschule stattfindet – können sich die Lehrlinge für die Schwerpunkte Schmuck, Ketten oder Juwelen entscheiden. Möglich ist auch eine Ausbildung an einer Berufsfachschule. Das bedeutet in der Regel zwei Jahre Vollzeitunterricht mit anschließendem Praxisjahr in einem Lehrbetrieb.

Im ersten Lehrjahr verdienen angehende Goldschmiede zwischen 220 und 818 Euro – im vierten Lehrjahr sind es zwischen 320 und 1011 Euro. Die Spanne liegt daran, ob der Betrieb der IG Metall angeschlossen ist und tariflich festgelegte Löhne zahlt, oder eben nicht.

Die Einstiegsgehälter nach der Lehre liegen zwischen 1500 und 1600 Euro brutto.