Crashkurse an der Uni Osnabrück Mathematik ist vielen Studienanfängern zu hoch

Von Stefanie Witte

„Das Niveau an der Universität ist ein ganz anderes als in der Schule“, sagt Mathematik-Professor Holger Brenner von der Universität Osnabrück. In seinen Vorkursen sitzen jedes Jahr um die 300 Anfänger. Foto: Michael Gründel„Das Niveau an der Universität ist ein ganz anderes als in der Schule“, sagt Mathematik-Professor Holger Brenner von der Universität Osnabrück. In seinen Vorkursen sitzen jedes Jahr um die 300 Anfänger. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Während die künftigen Kommilitonen noch Freizeit genießen, pauken in Osnabrück kurz vor Semesterbeginn schon Hunderte Studienanfänger im Hörsaal: Mit Crashkursen wollen ihnen die Fachbereiche Mathematik und Physik den Übergang von der Schule zur Universität erleichtern. Aber bringen die wirklich was?

Sie werden Brückenkurse genannt, Übergangs- und Vorkurse: Hinter all diesen Begriffen verbirgt sich dasselbe – ein- bis zweiwöchige Lehrveranstaltungen, in denen Abiturienten ihre Defizite ausgleichen können, bevor es richtig ernst wird. Als freiwilliges Angebot der Universität gibt es diese Kurse schon seit geraumer Zeit. Offenbar werden sie immer notwendiger.

„Das Niveau an der Universität ist ein ganz anderes als in der Schule“, sagt Mathematik-Professor Holger Brenner . Und Kollege Alfred Ziegler, der die Vorkurse in Physik anbietet, bestätigt: „Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass die Studenten nicht auf das vorbereitet sind, was sie erwartet.“ Beide Dozenten stellen fest: Erstsemester rechnen nicht damit, dass das Studium mit großem Lernaufwand verbunden ist.

Warnungen ignoriert

Im Vorkurs warne er die Abiturienten davor, sagt Ziegler. „Dann folgt häufig ein müdes Lächeln. Viele wollen das nicht glauben. Der Schock kommt im ersten Semester.“ Da stellten die Studenten häufig fest, dass das Lerntempo höher sei als in der Schule – zu hoch für viele. Bis zum dritten Semester bleiben nur noch rund zwei Drittel der Physikstudenten übrig. Brenner sagt sogar, nach seiner Einführungsvorlesung mache nur etwa jeder zweite Mathestudent weiter. Ungeachtet freilich des Karteileichen-Phänomens: Denn manche Studenten wählen die Fächer allein, um eingeschrieben zu sein. Wie vielen genau jedoch die Studienabsicht fehlt, ist offen.

Fakt ist: In den Vorkursen des Matheprofessors sitzen jedes Jahr um die 300 Anfänger. Darunter auch welche aus Physik, Informatik und Kognitionswissenschaften, für die Mathe ein Teil des Studiums ist. „Die meisten Unis bieten diese Kurse an. Über die Sinnhaftigkeit lässt sich streiten“, sagt Holger Brenner. Er versuche, die Studenten auf einen Umgang mit Mathematik vorzubereiten, der in der Schule nicht gelehrt werde. Eine Woche lang lässt Brenner die Studenten dafür saubere mathematische Beweise führen. Zwei Stunden Vorlesung am Morgen, nachmittags wird geübt.

Manche lassen sich bereits dadurch abschrecken. Brenner berichtet, dass schon während der Vorkurs-Woche mit jedem Tag weniger Teilnehmer in seiner Vorlesung sitzen. Vielleicht wäre es deshalb klug, überlegt der Professor, diese Veranstaltung unmittelbar nach Schuljahres-Ende anzubieten, um die Abiturienten noch früher mit dem Uni-Niveau zu konfrontieren.

Schlicht überfordert

Alfred Ziegler wählt einen anderen Ansatz: Er bringt das Schulwissen der Teilnehmer in einer Art Nachhilfekurs auf Vordermann.

Zwei Wochen lang wird jeden Tag ein anderes Thema behandelt. Erst Stoff aus der Mittelstufe, dann aus der Oberstufe. Da geht es um Termumformung, Vektorrechnung und Ableitungen. Gelernt wird im Vier-Stunden-Rhythmus. Zwei Stunden Vortrag, Pause, zwei Stunden Übungszeit. Gibt es Teilnehmer, die bereits damit Probleme haben? „Ja, die gibt es leider auch, wenn es um ein Thema geht, dass sie in der Schule nicht hatten“, sagt Ziegler. Vor allem diejenigen, die Physik im Nebenfach auf Lehramt studieren, müssten sich sehr anstrengen.

Und warum merken so viele Mathestudenten erst so spät, dass sie mit dem Fach nicht klarkommen? Mathe in Osnabrück ist zulassungsfrei. Viele Schüler machten sich offenbar keine vernünftigen Gedanken über eine Alternative zu Fach und Studium, sagt Brenner. Dabei sei ein gewisses Talent im Umgang mit Zahlen unerlässlich: „In der Schule sollte man in Mathe schon eine Zwei geschafft haben, ohne dass man sich verausgabt hat.“ Brenner zweifelt an der Ernsthaftigkeit, mit der so mancher Anfänger sein Studium beginnt: „Mit 18 Jahren sind sie eben auch noch ein bisschen jung.“


Auch an der Hochschule Osnabrück werden die Anfänger auf das Studium vorbereitet. Ein besonders umfangreiches Angebot ist das mathematische Vorsemester. Gefördert wird es mit Bundesmitteln aus dem Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung“. Alle zwei Wochen, jeweils freitags und samstags, können die Studienanfänger an der Hochschule am Präsenzunterricht teilnehmen, der Rest läuft über den Computer. Die Fakultäten Agrarwissenschaft und Landschaftsarchitektur bieten zudem jeweils zehntägige Mathevorkurse an.

Vorbereitungskurse finden sich auch im Programm der Volkshochschule. Dort können angehende Studenten zum Beispiel ihre Kenntnisse in Deutsch, Mathe und Englisch auffrischen, bevor sie ein Studium beginnen.