Osnabrück in der Literatur „Aus der Welt geraten“: Romane des 20. Jahrhunderts

Von Anne Reinert

In Bölls „Ansichten eines Clowns“ quartiert sich Hans Schnier wohl im heute geschlossenen Hotel Hohenzollern (links) beim Osnabrücker Hauptbahnhof ein. Foto: Wilhelm Piepmeyer, aus: Bildarchiv Alt-Osnabrück, Band 3, Hrsg. Wido Spratte, Verlag Wenner 1997.In Bölls „Ansichten eines Clowns“ quartiert sich Hans Schnier wohl im heute geschlossenen Hotel Hohenzollern (links) beim Osnabrücker Hauptbahnhof ein. Foto: Wilhelm Piepmeyer, aus: Bildarchiv Alt-Osnabrück, Band 3, Hrsg. Wido Spratte, Verlag Wenner 1997.

Osnabrück. In unserer Sommerserie stellen wir Romane, die Osnabrück zum Schauplatz ihres Geschehens machen, vor. In dieser Folge geht es um Osnabrück in belletristischen Werken des 20. Jahrhunderts.

Als Bistumsstadt sollte in Osnabrück viel „katholische Luft“ zu atmen sein. Marie Derkum scheint das nicht zu reichen. In „Ansichten eines Clowns“ (1963) will sie zurück zu ihrem katholischen Zirkel in Bonn. In Heinrich Bölls Roman spielt eine nicht unentscheidende Szene in Osnabrück. Ich-Erzähler Hans Schnier, ein Clown, und seine Freundin haben sich „zwischen zwei Engagements“ in einem Hotel am Bahnhof einquartiert, wohl in dem heute geschlossenen Hotel Hohenzollern. Lokale Kenntnisse sind Böll nicht abzusprechen. Er nennt die Hamburger Straße und den Zug nach Bohmte. Wesentlicher ist der Konflikt zwischen Hans und Marie. Sie ist wegen einer „Frauensache“ im Krankenhaus gewesen, „keine regelrechte Fehlgeburt“, aber „etwas in dieser Art“. Nachkriegsdeutschland lässt grüßen, wenn deshalb die Sittenpolizei auf den Plan gerufen wird.

Ich -Spaltung

Geheimnisvoller erscheint Osnabrück in Leo Perutz’ „St. Petri Schnee“ (1933). Bei einem Zwischenstopp zu seiner Anstellung als Arzt im westfälischen Morwede stößt der Protagonist in der Altstadt auf eine geheimnisvolle Büste und ein ebenso geheimnisvolles Buch, lauter Anspielungen auf das noch Kommende in der Geschichte über einen Baron, der mit dem Erreger der Getreideseuche den Gottesglauben in die Welt zurückbringen will.

Oder spielt gar die ganze Handlung in Osnabrück, wo der Held im Krankenhaus aufwacht? Ist er doch von einem Cadillac auf dem Bahnhofsvorplatz angefahren worden? Ich-Spaltung, unsichere Realitäten – das sind typische Stilmittel bei dem 1882 in Prag geborenen Perutz, der 1933 vor den Nazis nach Palästina floh und nach dem Krieg zu den vergessenen Autoren zählte. Perutz gilt als Erbe E.T.A Hoffmanns und Edgar Allen Poes. 2007 erschien bei Zsolnay eine Neuauflage von „St. Petri Schnee“.

Eher spöttisch beschreibt Siegfried Kracauer in „Ginster“ (1928) Osnabrück. Der Protagonist Ginster wird im zweitletzten Kapitel nach Q. versetzt, eine Stadt, über die es heißt: „Daß man so aus der Welt geraten könne, hatte er nicht für möglich gehalten.“

Nicht nett. Doch „Ginster“, dessen Held sich vor dem Einberufungsbefehl drücken will, ist durch und durch so gehalten. Walter Benjamin war von diesem Schelm „sehr enthusiasmiert“, Joseph Roth nannte ihn einen „literarischen Chaplin“.

Im vergangenen Jahr legte Suhrkamp den Roman des vor allem als Soziologen bekannten Kracauer wieder auf. Das Osnabrück-Kapitel dürfte authentisch sein. Siegfried Kracauer war vorübergehend als Architekt beim Stadtbauamt in Osnabrück angestellt.