„Weder Richtig noch Falsch“ Internationale Grammatik-Konferenz in Osnabrück


Osnabrück. Wie Sprache und ihre Regeln entstehen, erörtern 160 Wissenschaftler in dieser Woche auf einer internationalen Grammatik-Konferenz der Universität Osnabrück. Thomas Hoffmann, Professor für Sprachwissenschaft des Englischen, ist einer der Organisatoren.

Immer wieder geistert Entrüstung durchs Land: Wie denn bitteschön junge Leute im Allgemeinen und besonders in SMS und E-Mail mit Sprache umgehen! Doch es gibt Menschen, die empört das nicht – die finden das spannend: Forscher etwa, die sich mit Konstruktionsgrammatik befassen. Sie fragen, wie Sprache und ihre Regeln entstehen.

Herr Hoffmann, wenn man sich mit Konstruktionsgrammatik befasst: Laufen Sie immer mit offenen Ohren durch die Stadt und hören, wie andere Menschen sich unterhalten?

So ungefähr, ja. Ich bin jetzt mit dem Bus zu unserem Interview gekommen, und dabei höre ich gern hin. Sprache ist ja nicht nur ein Austausch an Information. Es ist ein Herstellen von Verständnis, von Gemeinsamkeiten, von sozialer Interaktion. Man braucht dafür gemeinsame Regeln, damit man sich versteht.

Gehören Sie denn auch zu den Menschen, die jungen Leuten beim Austausch von Information mit der Einhaltung von Regeln auf die Sprünge helfen wollen?

Nein, gar nicht. Für uns ist es ja gerade spannend, wie Menschen Sprache verwenden, welche Regeln es gibt und welche sie für sich aufstellen. Die Grundlage für die offizielle deutsche Sprache ist zwar der Duden. Ich vergleiche den gern mit der Straßenverkehrsordnung. Die gibt es auch nur, weil man sich darauf geeinigt hat, weil man mit ihm Regeln festgelegt hat, damit der Verkehr reibungslos fließt. Man könnte aber auch ganz andere Regeln festlegen. Und das tun junge Menschen eben mit Sprache. Aber nicht nur sie, es tut nahezu jede Gruppe. Mit dem Arbeitgeber kommuniziert man anders als mit der Familie und mit der wieder anders als mit Freunden oder dem Professor. Für uns ist dann einfach spannend zu gucken: Welche Regeln gibt es, wo entstehen die, wie wird Sprache verwendet?

Gibt es eine Altersgrenze, ab der Muttersprachler ihre Sprache nicht mehr ändern, also nichts Neues mehr dazulernen?

Früher ist man in der Linguistik von einer solchen Altersgrenze ausgegangen, ja. Inzwischen wird anders darüber gedacht. Ein Beispiel: Ich bin jetzt seit vier Jahren hier in Osnabrück. Inzwischen rutscht mir mit Mitte 30 ab und zu ein „Da nicht für“ heraus. Das kenne ich als gebürtiger Bayer definitiv nicht von früher. Von dort bin ich es zudem gewöhnt, mit „Grüß Gott“ zu grüßen. Hier habe ich mir angewöhnt, „Moin“ zu sagen, auch wenn das nicht ganz natürlich klingt. Sich an so etwas zu gewöhnen, hat auch etwas mit sozialer Integration zu tun.

Wie lernen wir eigentlich Grammatik als Kinder?

Zunächst durch die Eltern, wobei die und ihre Babys bereits vor der Verwendung von Sprache miteinander kommunizieren. So wissen Mütter und Väter sehr genau, was ihr Kind meint, wenn es erste Wörter benutzt. „Ball“ zum Beispiel kann bedeuten, dass es spielen will, dass der Ball schön ist oder dass einfach irgendwo ein Ball liegt. Später geht es dann weiter mit Zwei-Wort-Sätzen, die Kinder fangen an zu variieren. Sie merken, welche Bedeutungen Wörter haben und experimentieren. Dabei stellen sie fest, was stimmt und was nicht. Manchmal schießen sie auch übers Ziel hinaus und sagen Dinge, die nach den Regeln der Grammatik stimmen, für die wir aber andere Begriffe gefunden haben. So hat der Sohn eines Kollegen neulich gesagt: „Es hat geglockt“, als die Kirchenglocken geschlagen haben.

Kinder lernen also ganz nebenbei?

Nicht ganz. Die gemeinsame Aufmerksamkeit ist wichtig. So merken kleine Kinder auch, dass es ein Wechselspiel ist. Mal sagt es selbst etwas, mal der andere. Es ist eine Reaktion aufeinander. Schrittweise geht es dann weiter, lernen die Kinder immer mehr.

Wie ist es denn, wenn ein Kind in die Schule kommt. Nehmen wir eines, das zuvor starken Dialekt gehört hat. Ist dann die deutsche Grammatik – das Hochdeutsche – ein Schock für die Kinder?

Hochdeutsch ist auf dem Vormarsch, aber wir sind immer noch stark regional geprägt. Deshalb glaube ich auch nicht, dass der Schock für Kinder in der Schule so groß ist. Die Lehrer sind ja zumeist auch regional geprägt und vermitteln das dann entsprechend. Die regionale Ausprägung in der Sprache ist stärker als viele annehmen.

Man hört ja immer wieder, dass das Deutsche so schwer zu lernen sei. Stimmt das?

Ich will das einmal mit Musikern vergleichen. Jemand, der bereits Akkordeon spielt, lernt viel leichter Klavier als ein Trompetenspieler. So ist das auch mit der Sprache. Ein Europäer, mit Ausnahme vielleicht von Finnen und Ungarn, lernt viel einfacher Deutsch als beispielsweise ein Chinese. Das ist ja umgekehrt auch für uns eine schwierige Sprache.

Gibt es denn aus Sicht Ihres Fachs überhaupt ein Richtig oder Falsch in der deutschen Sprache?

Richtig oder falsch ist aus linguistischer Sicht völlig egal. Es gibt inadäquaten Gebrauch – und zwar dann, wenn Kommunikation nicht funktioniert. Denn es ist ja das Ziel von Sprache, dass man sich austauschen kann. Zudem ändert sich Sprache ständig und entwickelt sich immer weiter. Schon allein deshalb kann es kein Richtig oder Falsch geben.

Wieso wirken lange Sätze eigentlich beim Sprechen oft eloquent und sind ärgerlich beim Lesen?

Hm. Bandwurmsätze sind meiner Meinung nach auch beim Gespräch nicht gut. Es wäre dann ja ein Monolog. Aber auch das kann eine Botschaft sein. Das, was gesagt wird, ist ja nie die ganze Botschaft. Es gehört auch immer das Wie dazu. Und ein Mensch, der lange spricht, möchte seinem Gegenüber vielleicht auch damit eine Botschaft über sich vermitteln.


Wie entsteht Grammatik? 160 Wissenschaftler verschiedener Länder nehmen vom 3. bis zum 6. September 2014 an der „ International Conference on Construction Grammar “ an der Universität Osnabrück teil. Bei der achten Fachtagung zur Konstruktionsgrammatik analysieren die Sprachforscher in 170 Vorträgen Verwendung, Variation und Wandel verschiedener Sprachen mit Hilfe der Konstruktionsgrammatik. Die Tagung findet erstmals in Deutschland statt.

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