Herbert Vieth spricht über Musica Viva Warum liebt das Hillard Ensemble die Marienkirche?

Von Ralf Döring


Osnabrück. Im letzten Jahr hat Herbert Vieth Jubiläum gefeiert: Zu 25 Jahren Musica Viva gab es ein opulentes, hochkarätig besetztes Festival. Im Jahr eins nach dem Jubiläum findet es in abgespeckter Form statt. Mit einem Knüller wartet er trotzdem auf.

Herr Vieth, im Leporello zum diesjährigen Festival sprechen Sie von „unvorhersehbaren Umständen“, die zum kleineren Festival geführt haben. Was war passiert?

Ich bin durch Krankheit mitten in der Planungsphase für drei Monate ausgefallen. Dadurch hatten wir wenig Zeit, das Festival zu organisieren. Deshalb haben wir uns in diesem Jahr für eine abgespeckte Version entscheiden müssen.

Wie hat sich die mangelnde Vorbereitungszeit auf den Festivalablauf ausgewirkt?

Ursprünglich sollte „Musica Viva“ früher beginnen und auch etwas früher enden. Normalerweise beginnt das Festival traditionell in der ersten Septemberhälfte.

Auf wen freuen Sie sich besonders in diesem Jahr?

Ich freue mich natürlich auf jedes Konzert; schließlich stelle ich das Programm selbst zusammen. Aber dieses Jahr freue ich mich ganz außerordentlich auf das Abschlusskonzert: Wir konnten noch einmal Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble verpflichten. Das ist deswegen etwas Besonderes, weil die Hilliards dieses Jahr ihre Abschiedstournee geben und dann nach 40 Jahren auf der Bühne aufhören.

Wann war klar, dass das Hilliard Ensemble auf seiner Abschiedstournee auch zu „Musica Viva“ kommen würde?

Das habe ich schon im letzten Jahr mit ihnen vereinbart. Denn so ein Ensemble zu verpflichten bedarf einer langfristigen Planung. Ich habe das sehr gerne gemacht, aber auch die Hilliards wollten unbedingt noch einmal nach Osnabrück kommen.

Warum?

Sie haben immer sehr, sehr gerne in der Marienkirche gesungen. Das ist eine der Kirchen in Deutschland, die sie über alles lieben.

Was macht diese Kirche für das Ensemble so liebenswert?

Sie eignet sich sehr gut für deren Musik. Für barocke Musik, für Bach und Händel, ist das sehr viel schwieriger, weil der Raum eine recht lange Nachhallzeit hat. Aber für die mittelalterlichen Gesänge, die frühe Vokalpolyfonie, und dazu die Improvisationen von Jan Garbarek passt die Marienkirche hervorragend.

Beginnen wird das Festival mit Emma Kirkby, einem treuen Gast. Was hören wir von ihr?

Emma ist ja sowieso bei uns: Sie gibt einen Gesangskurs im Forum Artium , der bereits seit Wochen ausgebucht ist. Sie hat mir dann verschiedene Programme angeboten. Dieses Jahr singt sie Lautenlieder aus der elisabethanischen Zeit, John Dowland und seine Zeitgenossen.

Auch das Main-Barockorchester aus Frankfurt zählt zu den regelmäßigen Festivalteilnehmern.

Es gibt ein paar Künstler und Ensembles, mit denen ich ständig im Gespräch bin. Das heißt, es gibt einen permanenten Austausch über das, was die Künstler und Ensembles planen und vorbereiten, welche Programme sie erarbeiten. Ich überlege dann, ob etwas für uns dabei ist.

Das Orchester spielt Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ – wie oft hatten Sie die schon im Programm?

Erst einmal. Das ist lange her. Manchmal tut Mainstream auch mal gut, zumal wenn die Musik toll ist.

Ehrlich? So einen Hit der Barockmusik würde man öfter vermuten. – Zum ersten Mal dabei ist die Sängerin und Barockharfenistin Arianna Savall. Von ihr gibt es Balladen aus Katalonien und Norwegen. Wie kommt diese Mischung zustande?

Sie tritt zusammen mit ihrem Partner Petter Udland Johansen auf, der Mandoline und Fidel spielt. Mit ihm hat sie sehr interessante Nord-Süd-Programme realisiert: Sie stammt aus Katalonien, er aus Norwegen. Die beiden bringen also ihre Herkunft musikalisch zusammen.

Das heißt, aus dem Geist der Alten Musik entsteht etwas Neues?

Ja, wie auch ein Brückenschlag zwischen musikalischem Repertoire, Formen und Traditionen. Dazu kommen noch zwei weitere Musiker, weil ich das Ensemble etwas erweitern wollte: Thomas Kügler an der Traversflöte und André Henrich an der Laute.

Zum Abschluss dann ein letztes Mal das Hilliard Ensemble und Jan Garbarek mit „Officium“ – gibt es noch Karten?

Ja, sicher. Der Vorverkauf läuft erst seit einer Woche. Aber der Vorverkauf läuft sehr gut, und die Nachfrage ist groß – darüber freuen wir uns natürlich.

Mal angenommen, die Marienkirche ist ausverkauft. Trägt sich dadurch das Abschlusskonzert von selbst?

Sie wird sicher ausverkauft sein. Trotzdem kann man ein solches Konzert nicht über Einnahmen aus dem Ticketverkauf finanzieren. Wir wissen das von Institutionen wie dem Theater oder einem Orchester: Die tragen sich genauso wenig über die Einnahmen wie ein Festival. Deshalb sind wir auf die Gelder von Stiftungen und Sponsoren angewiesen.

Müssen Sie wegen des kurzen Vorlaufs auf Rücklagen zurückgreifen, um das Festival zu finanzieren?

Die Finanzierung steht zum Glück. In diesem Jahr ist zwar alles anders und schwierig, aber ich bin auf der sicheren Seite und optimistisch. Auch wenn es eng ist. Aber das ist es immer.