„Unvergleichlicher Mann“ Warum Goethe den Osnabrücker Justus Möser bewunderte

Justus Möser in einem Kupferstich von Johann Friedrich Schleuen. Foto: KampmeyerJustus Möser in einem Kupferstich von Johann Friedrich Schleuen. Foto: Kampmeyer

Osnabrück. Der Osnabrücker Staatsmann und Schriftsteller Justus Möser (1720–1794) war bereits 20 Jahre tot, als seine Bedeutung für Johann Wolfgang von Goethe im 1814 erschienenen dritten Teil von dessen Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ erstmals deutlich wurde.

Von Martin Siemsen

Goethe berichtet darin, wie er nach dem Erfolg des Götz von Berlichingen (1773) und der Leiden des jungen Werthers (1774) Kontakt mit Möser aufnahm: „Mißfiel es nun dem jungen Autor keineswegs, als ein literarisches Meteor angestaunt zu werden; so suchte er mit freudiger Bescheidenheit den bewährtesten Männern des Vaterlands seine Achtung zu bezeigen, unter denen vor allen andern der herrliche Justus Möser zu nennen ist. Dieses unvergleichlichen Mannes kleine Aufsätze, staatsbürgerlichen Inhalts, waren schon seit einigen Jahren in den Osnabrücker Intelligenzblättern abgedruckt, und mir durch Herder bekannt geworden [...].“

Johann Gottfried Herder hatte bereits 1772 in der Allgemeinen deutschen Bibliothek die von Möser redigierte Osnabrücker Wochenzeitung als das „Vollkommenste Deutsche Nationalblatt“ gerühmt und vorgeschlagen, Mösers Aufsätze gesammelt zu veröffentlichen – was Mösers Tochter Jenny von Voigts dann mit den vier Bänden Patriotische Phantasien in den Jahren 1774–1786 realisierte.

Goethes umfassende Würdigung findet sich im Anschluss an die zitierte Passage: „An diesen kleinen Aufsätzen, welche, sämtlich in einem Sinne verfaßt, ein wahrhaft Ganzes ausmachen, ist die innigste Kenntnis des bürgerlichen Wesens im höchsten Grade merkwürdig und rühmenswert. […] Man müßte eben alles, was in der bürgerlichen und sittlichen Welt vorgeht, rubrizieren, wenn man die Gegenstände erschöpfen wollte, die er behandelt. Und diese Behandlung ist bewundernswürdig. Ein vollkommener Geschäftsmann spricht zum Volke in Wochenblättern, um dasjenige, was eine einsichtige wohlwollende Regierung sich vornimmt oder ausführt, einem Jeden von der rechten Seite faßlich zu machen [...]. Immer ist er über seinen Gegenstand erhaben, und weiß uns eine heitere Ansicht des Ernstesten zu geben; bald hinter dieser bald hinter jener Maske halb versteckt, bald in eigner Person sprechend, immer vollständig und erschöpfend, dabei immer froh, mehr oder weniger ironisch, durchaus tüchtig, rechtschaffen, wohlmeinend, ja manchmal derb und heftig, und dieses alles so abgemessen, daß man zugleich den Geist, den Verstand, die Leichtigkeit, Gewandtheit, den Geschmack und Charakter des Schriftstellers bewundern muß.“

Die Patriotischen Phantasien bildeten Goethes Sprungbrett nach Weimar, denn bei dem Treffen mit dem zukünftigen Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach in Frankfurt wurden sie Gesprächsgegenstand, und der junge Erfolgsautor konnte wider Erwarten zeigen, dass ihm jenseits seiner literarischen Fähigkeiten politisches Denken durchaus vertraut war: „Es lagen nämlich Mösers patriotische Phantasien und zwar der erste Teil, frisch geheftet und unaufgeschnitten, auf dem Tische. Da ich sie nun sehr gut, die Gesellschaft sie aber wenig kannte, so hatte ich den Vorteil, davon eine ausführliche Relation liefern zu können [...].“

Für Goethe war es selbstverständlich, „daß die für einen bestimmten Kreis berechneten Aufsätze, sowohl der Materie als der Form nach, überall zum Nutzen und Frommen dienen würden“. Ihm boten sie eine Sammlung exemplarischer Fälle, die die im politischen Alltag zu berücksichtigenden Faktoren und Zusammenhänge literarisch vollendet gestalteten und die Möglichkeit eröffneten, „sowohl Gegenwart als Zukunft zu beurteilen“.

Goethes Hochachtung der Person und der Schriften Mösers dauerte über die geradezu enthusiastischen Ausführungen in Dichtung und Wahrheit hinaus an. Noch 1823 veröffentlichte er in seiner Zeitschrift „Ueber Kunst und Altertum“ seinen Aufsatz Justus Möser, der keinen Zweifel an der uneingeschränkten Wertschätzung lässt: „Gern erwähn ich des trefflichen Mannes, der, ob ich ihn gleich niemals persönlich gekannt […], sehr großen Einfluß auf meine Bildung gehabt hat.“ Und er kommentiert daran anschließend die Ankündigung des dritten Teils von Mösers Osnabrückischer Geschichte (1824) idealisierend: „Und wären es nur Fragmente, so verdienen sie aufbewahrt zu werden, indem die Äußerungen eines solches Geistes und Charakters gleich Goldkörnern und Goldstaub denselben Wert haben wie reine Goldbarren und noch einen höheren als das Ausgemünzte selbst.“

Martin Siemsen ist Historiker und Vorsitzender der Justus-Möser-Gesellschaft.


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