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Region ist Atom-Drehkreuz Geheimer Atomtransport rollt durch Hauptbahnhof Osnabrück


Osnabrück. Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat am frühen Dienstagmorgen ein Zug mit Uran an Bord den Hauptbahnhof Osnabrück passiert. Jährlich rollen Tausende dieser Atomtransporte durchs Land und fast niemand bekommt etwas davon mit. Unternehmen und Behörden halten die Routen geheim. Aus Sicherheitsgründen, heißt es. So viel steht trotzdem fest: Das Münsterland und das Emsland sind Dreh- und Angelpunkt dieser Geheimtransporte für Europa und die Welt.

Seit Tagen sind die Atomkraftgegner in Deutschland in Alarmbereitschaft. Grund sind 51 rote und blaue Container, die im Hamburger Hafen auf die Schiene umgeschlagen worden sind. So viel zählen die Aktivisten, die Hamburger Innenbehörde sprach von 36. Unbestritten der Inhalt: strahlendes Urankonzentrat aus Fördergebieten in Asien und Afrika, das in Südfrankreich zu Brennelementen weiterverarbeitet und danach in Atomkraftwerken eingesetzt werden soll.

An Schienen angekettet

Aktivisten blockierten den Zug zuletzt und ketteten sich an Schienen fest. Erst im Laufe des Montags konnte der Zug Fahrt aufnehmen. Gegen 2:30 Uhr am Dienstagmorgen passierte er auch den Hauptbahnhof Osnabrück. Ohne dass die Bevölkerung davon etwas erfährt. Allein die kleinen gelben Warnschilder mit dem Atom-Symbol an der Außenhülle der Container deuten auf die strahlende Fracht hin.

Was die Aktivisten in Aufregung versetzt, ist Alltag auf Deutschlands Straßen und Schienen. Und während Niedersachsen im Fall der Container aus Hamburg lediglich Transitland ist, ist es im überwiegenden Fall sogar Dreh- und Angelpunkt solcher Transporte. Der Grund ist unter anderem die Brennelementefabrik im emsländischen Lingen , die für Atomkraftwerke auf der ganzen Welt Brennstäbe zusammenbaut. Rohstoffe und Endprodukt werden überwiegend über die Schiene und Straße transportiert. Das Material ist nicht hochradioaktiv, aber dennoch als gefährlich eingestuft.

Eine Vielzahl unterschiedlicher Behörden ist in Deutschland für die Genehmigung solcher Transporte zuständig. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) veröffentlicht laufend gültige Genehmigungen auf einer Liste im Internet, neue Genehmigungen werden aufgenommen, abgeschlossene Transporte fliegen raus. Allerdings: Auf Wunsch des Bundesumweltministeriums werden die Genehmigungen erst dann veröffentlicht, wenn der erste Transport abgeschlossen ist, teilt das BfS mit. Unserer Zeitung liegt die Liste mit Veröffentlichungsdatum 5. Juni vor.

Genehmigte Atomtransporte: Die aktuelle Liste als PDF zum Download

Zu diesem Zeitpunkt waren insgesamt maximal 972 Transporte mit Ziel oder Startpunkt Lingen genehmigt. Mal ging die Reise der Brennstäbe made in Emsland in ein Atomkraftwerk in den fernen USA. Mal kam eine Lieferung Uran-Rohstoff aus Russland in der Lingener Fabrik an. Die Liste des BfS weist aus, dass ein Großteil der Transporte innerhalb Deutschlands über die Straße erfolgt, manchmal aber auch über die Schiene. Die weltweite Verschickung erfolgt demnach per Schiff.

Die Fabrik der Betreiberfirma „Advanced Nuclear Fuels“ in Lingen ist nicht der einzige Standort in der Region, an dem mit strahlenden Produkten Geld verdient wird. Etwa 40 Autokilometer im Südwesten liegt die Urananreicherungsanlage Gronau der Firma Urenco , eine einmalige Fabrik in Deutschland. Am Rande Westfalens wird Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken aufgearbeitet. Zusammen mit der Urananreicherungslage von Urenco im wiederum rund 40 Kilometer entfernten niederländischen Almelo bilden Gronau und Lingen eine Art Atomdreieck auf der Landkarte.

1608 Atomtransporte in der Region

Laut BfS-Liste waren es für Gronau 381 genehmigte Transporte und überraschenderweise taucht auch Almelo als Zielpunkt oder Absendeort bei der deutschen Behörde auf: Für ganze 255 Lieferungen, die beispielsweise in die USA gingen oder von dort kamen. Macht also allein für das Atomdreieck Lingen-Almelo-Gronau 1608 Transporte.

Wenn das BfS Transporte für die niederländische Fabrik genehmigt, dann heißt das: Rohstoffe und Endprodukt werden aus den Niederlanden durch Deutschland transportiert, auch wenn das für einen Export in die USA beispielsweise einen erheblichen Umweg bedeutet. Warum nimmt das Urenco in Kauf? Auf Nachfrage in Almelo heißt es, der Transporteur bestimme die Route. Auch der ist der BfS-Liste zu entnehmen: ein Spezialunternehmen aus Köln.

Der Chef schimpft erst einmal über die Anti-Atomlobby, um dann an Urenco zurückzuverweisen. Er könne keine Details der Geschäftsbeziehungen verraten. Erneuter Anruf in den Niederlanden: Dieses Mal heißt es, man müsse mit den Auftraggebern sprechen. Doch Anfragen unserer Zeitung bei Atomkraftwerksbetreibern in den USA bleiben unbeantwortet.

Firmen und Behörden schweigen

Die Branche redet offensichtlich nicht gerne über die Transporte. Erst recht nicht über die Details. Doch was für die Unternehmen gilt, gilt auch für die deutschen Behörden. Wer beispielsweise wissen möchte, wie viele Atomtransporte nach Atomgesetz und Strahlenschutzverordnung über Niedersachsen abgewickelt worden sind, bekommt keine Antwort.

Die Bundesregierung erklärte kürzlich auf eine Anfrage der Linken: „Die […] Routen können nicht zusammengefasst werden, da diese Angaben als Verschlusssache eingestuft sind.“ Punkt. Das wiederholt auf Nachfrage unserer Zeitung auch das Bundesinnenministerium und will „aus Gründen der Sicherheit“ weder Routen verraten noch wie viele Transporte durch Niedersachsen abgewickelt wurden. Immerhin so viel ist in Berlin zu erfahren: Plant ein Antragssteller seine Ware auf den Weg zu schicken, muss er 48 Stunden vorher die Innenministerien aller vom Transport betroffenen Länder darüber informieren.

Die Behörde von Innenminister Boris Pistorius (SPD) müsste also Bescheid wissen. Doch hier werde nicht Buch geführt, heißt es. Die Anzeigen der genehmigungspflichtigen Transporte landen möglicherweise also zeitnah im Papierkorb. Ein Ministeriumssprecher betonte zudem im Laufe des Dienstags: Eine Dokumentationspflicht bestehe für seine Behörde nicht.

„Verheerende Folgen“

Neben der Geheimhaltung solcher Transporte kritisierten Atomkraftgegner vor allem die mangelnde Sicherheit. Ein Unfall mit Uran „könnte verheerende Folgen bis hin zum Tod von Menschen haben“, kritisierte jüngst die Linken-Fraktion im Bundestag. Zudem seien Sicherheitskräfte entlang der Routen weder informiert noch auf Zwischenfälle mit Atommaterial vorbereitet.

Recherchen unserer Zeitung werfen dann auch tatsächlich Fragen zur Sicherheit auf. Das Bundesamt für Güterverkehr erklärt auf Nachfrage, bei Transporten der Gefahrgutklasse 7 – darunter fällt die strahlende Fracht – seien ihre Kontrolleure nicht zuständig. Wer dann? Die Polizei, heißt es. Erneute Nachfrage im Innenministerium. Die Antwort: Zwischen 2010 und jetzt hätten insgesamt drei Überprüfungen stattgefunden. Drei Kontrollen bei Hunderten Transporten, die in diesem Zeitraum weitgehend unbemerkt durch die Region gerollt sind?

Im Laufe des Dienstags relativiert ein Ministeriumssprecher diese Aussagen: Bei den drei Transporten habe die Polizei lediglich den Begleitschutz übernommen. Ansonsten würden dies in der Regel die Transporteure selbst übernehmen. Bei regulären Kontrollen beispielsweise des Schwerlastverkehrs überprüften Polizisten selbstverständlich auch Lkw, die Gefahrgüter der Klasse 7 transportieren. Jede Polizeidirektion habe speziell ausgebildete Beamte für die Kontrolle von Gefahrguttransporten.

Und ansonsten sei die Sicherheitsfrage Sache des Umweltministeriums, die dort angedockten Gewerbeaufsichtsämter seien für Überprüfungen zuständig. Hier wiederum heißt es zu den Fragen, die nicht unmittelbar die Verschlusssache Uran betreffen: Eine Ermittlung der Daten sei umfangreich und würde viel Zeit kosten.

Die hätten die Behörden auf alle Fälle. Denn die Fabriken, die das Atomdreieck bilden, sind allesamt nicht vom Atomausstieg in Deutschland betroffen. Sie dürfen weiterproduzieren, dann allerdings ausschließlich für ausländische Atomkraftwerke. Ein Umstand, den Grünen-Politikerin Verlinden „als Gegenteil vom Atomausstieg“ kritisiert, denn „am Ende der Verwertungskette führen die Urantransporte zu immer mehr hochradioaktivem Atommüll, von dem bis heute niemand weiß, wie und wo er gelagert werden soll.“ Sie fordert daher im Gespräch: „Wir müssen diese nukleare Risikospirale endlich stoppen.“

Radikaler formuliert es der Bundesverband Bürgerinitiativen Umwelt (BBU), der den Transport durch Osnabrück öffentlich gemacht hatte. Der Verband fordert ein „sofortiges Verbot jeglicher Atomtransporte“ und die Stilllegung aller Anlagen.


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