Spritzen und Entführungen Selbstverteidigungskurs für Kinder in Osnabrück

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Ein bärtiger Mann in dunkler Kleidung packt einen kleinen Jungen. Ein Riese im Vergleich zum zierlichen Kind. Der Angreifer will den Jungen wegtragen. Da lässt der sich auf die Füße des Mannes fallen, schlingt seine Beine ganz fest um das eine Bein des Riesen und seine Arme um das andere. Der Bärtige ist gefesselt und kommt nicht mehr voran.

„Jemand, der ein Kind entführt, will nicht gesehen werden“, erklärt der Mann. Er heißt Dirk Linnemeyer und ist Kampfkunstlehrer . Über die Ferien bietet er einen Selbstverteidigungskurs für Grundschulkinder an. Die sechs Teilnehmer im Alter von sechs bis zehn Jahren trainieren zweimal pro Woche im verspiegelten Raum eines Fitnesscenters in Osnabrück. Die Mütter sitzen am Rand und sehen zu.

Je länger ein Täter vom Kind gezwungen wird, in der Öffentlichkeit zu bleiben, desto größer die Chance, dass er ablässt, sagt Linnemeyer.

Auch in Osnabrück ist die Gefährdung von Kindern immer mal wieder ein Thema. An Schulen kursieren Elternbriefe, in denen vor Fremden gewarnt wird, die sich Schülern nähern. „Wir haben auch in Osnabrück durchaus Fälle, dass Kinder angesprochen werden“, sagt Mareike Kocar von der Polizei Osnabrück. „Es ist immer gut, wenn Kinder dann selbstbewusst sind und das auch ausstrahlen.“

Im Mittelpunkt des Ferienworkshops stehen zwei Dinge: Befreiung und Flucht. Die Kinder sollen lernen, sich gegen Gleichaltrige zu wehren, aber auch, dass es immer einen Erwachsenen gibt, der auf sie aufpasst und den sie in gefährlichen Situationen informieren können.

Als Vater von drei Kindern weiß Linnemeyer, wie sich die jungen Teilnehmer am besten wehren können. Der 46-Jährige ist gelernter Krankenpfleger, hat lange in der Psychiatrie gearbeitet und unterrichtet nun als Schwarzgurtträger zum Beispiel Erwachsene im Schwertkampf. Außerdem bietet er Überlebenstraining in der Wildnis an und schult Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen und Pflegepersonal. Seit Jahren bietet er auch Kurse für Kinder an, etwa beim Ferienpass oder an Schulen.

Einer der Teilnehmer des diesjährigen Ferienkurses ist Tom. Der Siebenjährige weiß nach drei Unterrichtseinheiten, was er ganz laut rufen muss, wenn ihn ein Fremder entführen will: „Das ist nicht mein Vater!“ Dadurch macht er Passanten klar, dass sich hier nicht ein Elternteil um sein Kind kümmert, sondern dass der Junge wirklich Hilfe benötigt.

Und noch etwas hat der Siebenjährige seit Anfang August gelernt: Wenn ihn ein Fremder in sein Auto zerren will und Tom das nicht möchte, macht er sich so groß wie möglich. Dirk Linnemeyer hebt den Jungen hoch und versucht ihn durch die Zimmertür zu tragen. Tom verkeilt sich mit Armen und Beinen im Rahmen und krallt sich dort fest. Löst Linnemeyer ein Bein und macht dann mit einem Arm weiter, schnellt das Bein wieder zurück zum Türrahmen. Da hat es selbst der Trainer mit seinen rund zwei Zentnern und knapp zwei Metern Körpergröße schwer, gegen den zierlichen Jungen anzukommen.

Dass dieser Mann als Vorbild taugt, war Tom schon zu Beginn des Ferienkurses klar. Da bot Linnemeyer den Kindern an: „Ihr könnt mich Herr Linnemeyer oder Sensei nennen.“ Das bedeutet Lehrer. Dieses Wort kannte Tom schon aus der Welt der Legomännchen: Dort ist Sensei Wu ein besonderer Held mit langem, weißem Bart, zu dem Jungs wie Tom aufsehen können. Doch während in der Legowelt stets das Gute siegt, bereitet Dirk Linnemeyer die sechs Grundschulkinder in seinem Kurs auf Gefahren vor, die in einer weniger guten Welt mit echten Menschen lauern.

An diesem Tag sollen die Kinder heute üben, auf eine Bedrohung zu reagieren: Sie machen es dem Trainer nach, gehen einen Schritt zurück, lassen die Hand nach vorne schnellen und rufen laut „Stopp!“. Mit jedem Durchgang werden die Stimmen lauter und die Bewegungen sicherer. Zwischendurch schauen die Kinder hinüber zu ihren Müttern, die lächeln zurück, nicken zustimmend. Als Tom die Bewegung vor dem Sensei wiederholen soll, legt er seine ganze Kraft hinein. „Sehr schön“, lobt Dirk Linnemeyer. Tom ist sichtlich stolz.

Anschließend sollen sich die Kinder einen Partner suchen. Tom sieht sich um: Vier Jungs haben sich schon paarweise zusammengeschlossen. Für Tom bleibt nur das einzige Mädchen in der Gruppe übrig. Der Siebenjährige verzieht das Gesicht: Sie ist auch noch einen ganzen Kopf größer. Die Paare sollen nun lernen, sich aus einem Griff ums Handgelenk zu befreien. Zunächst haben die Kinder einige Mühe, vor allem, wenn der Angreifer größer ist, als sie selbst.

Am Ende der Übung reißt Linnemeyer jeden Schüler unsanft am Handgelenk aus der Reihe. Auch Tom lässt sich zunächst verdutzt mitziehen, erinnert sich dann aber an das Gelernte und kann sich befreien. Anschließend reibt sich der Grundschüler den Arm und lacht zufrieden.

Zeit für ein neues Thema: Linnemeyer lässt die Kinder einen Sitzkreis bilden. In die Mitte wirft er eine lange Spritze. Melina, das einzige Mädchen in der Runde, rückt instinktiv weg. „Genau richtig“, lobt Linnemeyer. Die Jungs schauen fasziniert auf den spitzen Gegenstand.

Im Gesicht von Toms Mutter zeichnen sich Ernst und Besorgnis ab. Überrascht ist sie allerdings nicht – Dirk Linnemeyer hatte sie bereits am Telefon vorgewarnt, dass er die Kinder auch auf solche gefährlichen Situationen vorbereiten wolle.

In ruhigem Tonfall fragt der Lehrer seine Schüler: „Was ist das?“ „Eine Spritze“, sind die Kinder sicher. Wozu man die braucht, das können sie noch nicht so genau sagen, deswegen erklärt es der Sensei. Spritzen werden zum Beispiel von Ärzten verwendet, um Menschen zu helfen, erklärt Linnemeyer. „Aber es gibt auch Menschen, die spritzen sich selber irgendwelche Rauschgifte. Und das dürfen die eigentlich nicht. Deswegen machen sie es im Gebüsch.“ Und er erklärt weiter: „Wenn ich mich an einer solchen Nadel steche, kann ich eine Krankheit kriegen. Wollen wir das?“ Ein vielstimmiges Nein schallt ihm entgegen. Nächster Schritt: „Was kann man denn machen, wenn man so was findet?“, fragt Linnemeyer. „Abwaschen“, antwortet ein Kind. Die Gruppe stimmt aber am Ende überein, dass es wohl doch die beste Idee sei, einen Erwachsenen zu holen. „Auf gar keinen Fall anfassen oder mitnehmen“, sagt Linneyer. „Was macht ihr, wenn ihr sowas auf dem Schulhof findet?“ Ein Junge weiß die Antwort: „Einen Lehrer holen und dem das zeigen.“

Noch eine letzte Übung, dann ist die Dreiviertelstunde vorbei. Die Mütter zeigen sich begeistert vom Programm. Melinas Mutter Vanessa Franke lobt den Lehrer: „Es ist schön wie er mit den Kindern umgeht.“ Eine weitere Mutter erklärt, dass das Programm super zum Bewegungsdrang der Kinder passe. „Die Jungs werden ja immer wilder.“

Auch Toms Mutter kann sich vorstellen, nach dem Ferienworkshop weiterzumachen. Selbst, wenn sie dann regelmäßig aus Lotte nach Osnabrück fahren müsste. „Ich glaube, dass das gut für Toms Selbstbewusstsein ist“, sagt Nicole Timmermann. Vor dem Kurs sei ihr Sohn jedes Mal Feuer und Flamme. „Und er zeigt dann jeden Abend seinem Papa, was er gelernt hat.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN