Osnabrück in der Literatur (1) Erich Maria Remarque und seine Geburtsstadt

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Osnabrück. Es gibt sie, die Romane, die Osnabrück zum Schauplatz ihres Geschehens machen. In unserer neuen Sommerserie stellen wir eine Auswahl dieser Werke vor – von zeitgenössischer Literatur bis hin zu Osnabrück-Krimis. Den Beginn macht ein besonders berühmter Autor, der die Friedensstadt immer wieder zum Schauplatz gemacht hat: Erich Maria Remarque (1998–1970). Dazu ein Interview mit Dr. Thomas Schneider, Leiter des Remarque-Friedenszentrums am Markt.

Herr Schneider, wir stehen vor der Pernickelmühle. Wo kommt die in Remarques Werk vor?

Pernickelmühle und Pernickelturm tauchen in „Im Westen nichts Neues“ auf, auch wenn Osnabrück nicht explizit erwähnt wird. Der Protagonist Paul Bäumer kommt auf Heimaturlaub und steigt am Bahnhof, dem heutigen Altstadtbahnhof, aus. Es wird beschrieben, wie er über den Fluss geht, das Wasser durch das Wehr stürzt und die Wäscherinnen im ehemaligen Wehrturm ihre Wäsche plätten. Im Roman dient das dazu, die Idylle in der Heimat mit der Front zu kontrastieren. Diese Brücke lag lange Zeit auf Remarques Schulweg. Später ging er hierher, wenn er in der Liebigstraße die „Traumbude“ des Osnabrücker Malers, Literaten und Bohemien Fritz Hörstemeier besuchte, der einen Kreis aus jungen Leuten um sich versammelt hatte.

Remarque hatte also schon in seiner Osnabrücker Zeit Anschluss an Künstler?

Remarques Familie war kleinbürgerlich und hatte wenig Interesse an Kunst und Literatur. Fritz Hörstemeier war eine der wichtigsten Bezugspersonen, die Remarque überhaupt hatte. Sein erster Roman „Die Traumbude“ ist eine Hommage an Hörstemeier.

Da wird Osnabrück tatsächlich genannt.

Neben „Die Nacht von Lissabon“ ist „Die Traumbude“ der einzige Roman, in dem Osnabrück im Klarnamen genannt wird. In allen anderen Texten und Romanen, in denen eine deutsche Stadt auftaucht, gibt es Reminiszenzen an Osnabrück.

Was ist mit „Der schwarze Obelisk“? Dort sind die Bezüge doch sehr deutlich.

In „Der schwarze Obelisk“ sind die Entsprechungen zur Osnabrücker Gesellschaft der 20er-Jahre – der Roman spielt während der Inflation – am deutlichsten. Trotzdem muss man berücksichtigen, dass Remarque zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, nämlich 1956, als internationaler Autor für ein Weltpublikum schrieb. Osnabrücker können sich viele Entsprechungen denken. Aber das führt häufig dazu, dass man Remarque Fehler unterstellt. Die Katharinenkirche verlegt er etwa an den Marktplatz. Ihm ging es nicht um lokale Korrektheit.

In „Die Nacht von Lissabon“ taucht Osnabrück aber doch im Klarnamen auf.

Das ist umso interessanter. Remarque wollte seinem Weltpublikum zeigen: Das ist in Osnabrück während des Nationalsozialismus passiert. Da gibt es eine recht gespenstische Szene auf dem Domhof, wo sich eine Menschenmenge vor einem Lautsprecher versammelt hat, aus dem eine nationalsozialistische Rede ertönt. Der Protagonist, ein Verfolgter des Nationalsozialismus, beobachtet diese Szene. Er ist nach Osnabrück zurückgekehrt, um seine Frau zu suchen, wird dann aber endgültig emigrieren. Als er die Menge sieht, wundert er sich, dass die Leute so ehrfürchtig einem Apparat lauschen. Das auf Osnabrück zu münzen, bedeutet natürlich, dass Remarque sich kritisch mit seiner Geburtsstadt und dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat. Das ist einem Weltpublikum dann wieder verständlich.

Welche Rolle spielt Osnabrück sonst?

In Remarques Empfinden war Osnabrück eine wunderbar durchschnittliche Stadt, an der sich die deutsche Geschichte verdeutlichen lässt. Hier konnte er die Situation während des Ersten Weltkrieges aufzeigen. Oder „In der Weg zurück“ die Situation der Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg. Und er konnte in „Zeit zu leben, Zeit zu sterben“ sowohl die Folgen der Bombenangriffe als auch das Verhältnis der Zivilbevölkerung zu den Nationalsozialisten aufzeigen. Für sein Publikum war Osnabrück damit eine typische deutsche Stadt.

Remarques Verhältnis zu Osnabrück nach dem Zweiten Weltkrieg war schlecht.

Er hat sich kritisch mit NS-Vergangenheit auseinandergesetzt und Fragen gestellt wie: Warum findet eine solche Aufarbeitung der Vergangenheit nicht statt? Das waren Fettnäpfchen für einen Autor in den 50er-Jahren, und Remarque ist sehenden Auges hineingetreten. Dafür wurde er überall in der Bundesrepublik als Vaterlandsverräter kritisiert. Auch in Osnabrück. Es waren die gleichen, abweisenden Reaktionen bis hin zu: Er soll bloß nicht wiederkommen. Remarque hat das mitbekommen. Seine Schwester lebte ja in Bad Rothenfelde. Sein Verhältnis zu Osnabrück hat das nicht gerade verbessert.

Wie kam es dann, dass die Stadt ihm 1964 die Möser-Medaille überreichte?

Aus bürgerschaftlichem Engagement heraus. Hanns-Gerd Rabe, ein lebenslanger Freund Remarques, hat sich dafür eingesetzt. Die beiden hatten sich nach dem Ersten Weltkrieg kennengelernt, Rabe als Vertreter der evangelischen, Remarque als der der katholischen Lehrerseminaristen. Doch Remarque wollte die Möser-Medaille nicht in Osnabrück entgegennehmen. Sie wurde ihm dann in seinem Haus am Lago Maggiore in Porto Ronco überreicht. Er täuschte auch später immer wieder Krankheit und Ähnliches vor, weil er nicht mit dem offiziellen Osnabrück konfrontiert werden wollte. Das hat sich erst geändert, als 1968 eine Straße nach seiner von den Nazis ermordeten Schwester benannt wurde, die Elfriede-Scholz-Straße, und damit für Remarque die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit auch in Osnabrück sichtbar dokumentiert wurde. Da war er aber schon so krank, dass er nicht mehr kommen konnte.


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