Anruf bei Arbeitsagentur Kalaschnikow-Witz: Polizei filzt Osnabrücker Schützen

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Osnabrück. Dieser Schuss ging nach hinten los: Weil er am Telefon darüber scherzte, die Bearbeitung eines Formulars notfalls unter Einsatz eines Maschinengewehrs beschleunigen zu wollen, ist ein ungeduldiger Antragsteller beim folgenden Besuch der Osnabrücker Arbeitsagentur von der Polizei empfangen und gefilzt worden. Während der Kunde sich behandelt fühlt „wie ein Schwerverbrecher“, bezeichnet die Behörde ihr Vorgehen als notwendig.

„Wie bekomme ich das Formular am schnellsten zu Ihnen, damit es nicht wieder fünf Tage dauert? Soll ich es per Kalaschnikow vorbeibringen?“ Uwe Reinink hatte es lustig gemeint. Doch als Witz fasste die Sachbearbeiterin seinen Spruch, den er am Mittwochmorgen so gebracht haben will, nun wirklich nicht auf. Im Gegenteil: Die Frau fühlte sich dermaßen von den Worten bedroht, dass Vorgesetzte Alarm schlugen. Erst recht, als ihnen klar wurde, dass Reinink mehr ist als ein Osnabrücker Geschäftsführer, der einen Langzeitarbeitslosen einstellen möchte. Nämlich auch Präsident des Schützenvereins Natruper Tor . Der Zugang zu Waffen und Munition hat.

Aber der Reihe nach: Ihren Anfang nimmt die Geschichte am Donnerstag vor einer Woche. Uwe Reinink, dessen Firma elektrische Prüfgeräte herstellt, wirft bei der Agentur für Arbeit einen Antrag in den Briefkasten. Er will, dass die Behörde sich an Lohnkosten beteiligt. Danach erkundigt er sich täglich, wie weit der Vorgang sei – offenbar nicht wissend, dass das Formular zunächst intern durchgereicht und gescannt werden muss. Bis es am Mittwoch bei der zuständigen Sachbearbeiterin landet. Als diese ihn prompt auf fehlende Angaben aufmerksam macht, welche Reinink umgehend nachreichen möchte, fällt der „Kalaschnikow“-Satz. Und das Drama nimmt seinen Lauf.

Kettenreaktion

Sensibilisiert durch mehrere gewaltsame Übergriffe in Jobcentern, vor allem den Messermord in Neuss Ende 2012 und die Hammer-Attacke in Leipzig (Mai 2013), setzt die Osnabrücker Behörde eine Reaktionskette in Gang, deren Ausmaß Uwe Reinink nie für möglich gehalten hätte. „Fünf Minuten“ nach dem Telefonat mit der Sachbearbeiterin – nach Angaben ihrer obersten Chefs „eine gestandene Kollegin“ und alles andere als unerfahren – habe ihn der Teamleiter Arbeitgeber-Service angerufen, berichtet Reinink. Dessen Vorwurf der Bedrohung habe er ebenso vehement wie verblüfft bestritten. Endgültig für ausgeräumt hielt Reinink das angebliche Missverständnis dann am Abend, nachdem ihn der Teamleiter zum insgesamt dritten Mal kontaktiert hatte.

In die Falle getappt

Aber weit gefehlt: Unmittelbar vor dem persönlichen Treffen in der Arbeitsagentur am Donnerstagmorgen, welches die beiden verabredet hatten, um das inzwischen von Reinink vervollständigte Formular zu übergeben, fing eine gute Handvoll Polizisten den mutmaßlich gefährlichen Schützenpräsidenten am Eingang ab. Die Beamten durchsuchten seinen Motorroller und auch den Verdächtigen selbst, fanden aber nichts außer Diabetikerbesteck und eine Rolle Traubenzucker. „Ich dachte, ich bin im falschen Film“, empört sich Uwe Reinink. Er meint, ihm sei absichtlich eine Falle gestellt worden, um ein Exempel zu statuieren. „Nur weil eine Sachbearbeiterin sich bedroht fühlt, werde ich behandelt wie ein Schwerverbrecher. Durch diesen Blödsinn werden Steuergelder verschleudert!“

Gefahr in Verzug

Aus Sicht der Arbeitsagentur gab es zum Polizeieinsatz allerdings keine Alternative. „Wir müssen die Hinweise unserer Mitarbeiter ernst nehmen und für ihre Sicherheit sorgen“, sagt Leiterin Christiane Fern. Man möge sich vorstellen, die Behörde würde eine kritische Situation ignorieren. „Wer soll es dann verantworten, wenn tatsächlich mal was passiert?“ Es gebe ein umfangreiches Sicherheitskonzept, das bei Gefahr im Verzug greife. Dem sei hier gefolgt worden. Persönlich könne sie Uwe Reinink verstehen, wenn dieser nun den Eindruck habe, es werde mit Kanonen auf Spatzen geschossen, sagt Fern. Doch letztlich sei ihre Behörde auch einer konkreten Empfehlung der Osnabrücker Polizei gefolgt, hier auf Nummer sicher zu gehen. Eine Polizeisprecherin bestätigt das. „Wir haben Gefahr gesehen“, erklärt Anke Hamker unserer Zeitung am Freitag. „Wenn Waffen im Spiel sein könnten, ist ein Polizeieinsatz keine Frage.“

Der Antrag, um den es bei der Sache ursprünglich ging, wurde im Übrigen am Donnerstag genehmigt. Auch von einer Strafanzeige will die Arbeitsagentur angeblich Abstand nehmen. Für Uwe Reinink ist die Sache damit aber nicht erledigt. Er behält sich vor, seinerseits rechtliche Schritte wegen Verleumdung einzuleiten.


Die Arbeitsagentur in Osnabrück hat sich nach den Vorfällen von Neuss und Leipzig, wo Jobcenter-Mitarbeiter in den vergangenen Jahren bei Übergriffen durch Kunden getötet und schwer verletzt worden waren, mit einem eigenen Sicherheitskonzept gewappnet. Es wurde in Zusammenarbeit mit der Polizei Osnabrück erstellt, deren Präventionsteam mit Behörden und anderen Einrichtungen der Stadt das Verhalten in kritischen Situationen übt. Nach Auskunft der Leiterin der Arbeitsagentur Osnabrück, Christiane Fern, sieht das als Handbuch vorliegende Sicherheitskonzept Maßnahmen für alle erdenklichen Gefahrenlagen vor: vom Brandfall über Drohanrufe bis zum Amoklauf. Unter anderem empfiehlt es den Einsatz spezieller Tastaturen, die auf Knopfdruck Alarm auslösen können. Spitze Gegenstände wie Scheren, Brieföffner und Stifte seien bei Nichtgebrauch zu verstecken, um Dritten nicht als Waffe zu dienen. Ferner sollen Tische und Stühle so angeordnet werden, dass den Mitarbeitern Fluchtwege offenbleiben. Dazu gehöre idealerweise auch eine zweite Tür, die in benachbarte Büros führt.

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