Die Gejagte Stalker verfolgte junge Frau aus dem Raum Osnabrück

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Unheimlich: Ein Fremder verfolgte Martina Peters jahrelang. Sie weiß bis heute nicht, weshalb. Foto: ImagoUnheimlich: Ein Fremder verfolgte Martina Peters jahrelang. Sie weiß bis heute nicht, weshalb. Foto: Imago

Osnabrück. Er suchte Nähe, die nie existierte. Trotzdem beharrte er darauf. Zunächst leise und klammheimlich, später dann unverhohlen drängend. Er überschritt dabei jahrelang ihre persönlichen Grenzen und hinterließ mit seiner Obsession Spuren in ihrer Psyche. Bis heute ist sie vorsichtig, wenn sie neue Leute kennenlernt.

Seitenlange Briefe, E-Mails, Hunderte Nachrichten in sozialen Netzwerken und Geschenke vor der Tür. Martina Peters (Name geändert) hat viele Beweise aus drei Jahren Stalking-Terror aufgehoben. Manches von H. hat sie aber auch direkt weggeworfen oder gelöscht. „Am Anfang war das ganz harmlos“, sagt Peters. Die junge Frau aus dem Raum Osnabrück lief ihrem Stalker H. beim Sport über den Weg. Kurz darauf nahm er über eine Internetplattform Kontakt zu ihr auf, gratulierte zum Geburtstag. Er blieb höflich distanziert – man kannte sich ja eigentlich nicht persönlich. Auf ein eher zufälliges Treffen in einer Bar folgte belangloser Small Talk in sozialen Netzwerken.

Die Situation kippte jedoch ins Bizarre, als Martina Peters einige Tage lang nicht erreichbar war und auf die Nachrichten H.s entsprechend nicht reagierte. Bis zu ihrer Rückkehr quoll ihr Online-Postfach förmlich über. „Er forderte, dass ich mich bei ihm abmelden soll, wenn ich wegfahre, und machte mir Vorwürfe. Ich hab das erst ignoriert, das war mir zu blöd“, sagt sie. Gleichzeitig habe sie in seinen Augen von da an nichts richtig machen können – egal, was sie sagte oder wie sie reagierte.

Schwierige Gefühlslage

Er fing an, sie zu bedrohen, sich Dinge einzubilden und mit anderen über sie zu sprechen. Sie wurde förmlich zu seiner Obsession. Martina Peters bekam Panik: „Da ist ein Mensch, der denkt, man hat ein gemeinsames Leben.“ Dabei habe es nie intensivere Gespräche oder gar Treffen gegeben. Regelmäßig lagen Geschenke vor ihrem Haus, und auch bei ihrer Arbeitsstelle gab es eindeutige Anzeichen, dass er dort gewesen war. Er habe sie aus der Reserve locken wollen, so ihre Vermutung.

„Für Männer ist es schwerer, mit ihren Gefühlen umzugehen, aber sie haben meist vielfältige Motive“, erklärt Psychologe Helmut Volkmann von der Psychologischen Beratungsstelle für Partnerschafts-, Familien- und Lebensfragen des diakonischen Werkes. Häufig würden sich Täter und Opfer kennen, sagt Volkmann. Expartner werden im Liebeswahn verfolgt, oder aber der Neue an der Seite der Verflossenen wird aus Rache tyrannisiert. Wie bei Peters kann sich genauso ein fremder Mensch in das eigene Leben drängen.

Oft ist Stalking das Resultat einer Kombination aus Ablehnung und falsch verstandener Liebe. Mit seinem Verhalten wolle der Täter Aufmerksamkeit erregen. Er behalte das Gefühl von Kontakt, wenn er in die Privatsphäre seines Gegenübers eindringe, sagt Volkmann. Einen Kontakt, den das Opfer nie wollte oder eben jetzt nicht mehr will. Was genau H. antrieb, ihr so massiv nachzustellen, kann Peters nicht sagen: „Der hat tatsächlich drei Jahre seines Lebens auf mich ausgerichtet, und ich weiß bis heute nicht, warum.“

Wut und Angst

Als Opfer musste die junge Frau viele Verletzungen ihrer Privatsphäre und Einschränkungen in der Lebensgestaltung aushalten. „Das Schlimmste ist, dass jemand in dein Leben eingreift, und du weißt nicht, was kommt“, sagt sie. Ihre Gefühle schwankten dabei zwischen Wut und der Angst, selbst verrückt zu werden. Sie sprach in der Zeit viel mit Freunden. Den letzten Schritt zur Polizei wagte sie trotz allem nicht: „Ich hätte ihn nicht angezeigt, weil ich nicht weiß, was er sich da zurechtgesponnen hat. Das ist ja eine ganz unberechenbare Person.“ Außerdem wollte sie H. nicht noch mehr Zeit schenken und sich mit ihm beschäftigen müssen.

Wirklich helfen, sich zu wehren, kann aber vor allem die Polizei. Betroffene sollten ungewolltes Nachstellen keinesfalls hinnehmen. Die Gesetzgebung bietet Möglichkeiten, unerwünschte Annäherungen zu unterbinden. So rät Marco Ellermann von der Polizeidirektion Osnabrück dazu, „dem Stalker einmal und unmissverständlich deutlich zu machen, dass der mit den Nachstellungen aufhören soll“. Anschließend jedoch sollte das Opfer nicht weiter auf den Stalker reagieren, da jede weitere Erwiderung ihn nur noch mehr bestärke. Stattdessen sollten alle Unternehmungen dokumentiert werden. SMS oder E-Mails beispielsweise speichern, Geschenke fotografieren und Zeugen benennen.

In Zeiten der Neuen Medien ist es leichter, Kontakt aufzunehmen und auch persönliche Dinge über den anderen zu erfahren. „Der hätte ja nie bei mir geklingelt und mir gratuliert oder gefragt, wie es geht“, sagt Peters. Ihr Stalker hat seit etwa einem halben Jahr keinen Kontakt mehr aufgenommen. Warum, weiß sie nicht – sie hofft schlicht, dass das so bleibt.


Der Begriff Stalking leitet sich vom englischen „to stalk“ ab, was so viel heißt wie sich anpirschen oder anschleichen. Die Übersetzung trifft damit den Kern der Handlung: Der Stalker schleicht sich arglistig an eine Person heran und dringt in ihr Leben ein. Als Stalking kann jedes ungewollte Verhalten bezeichnet werden, das die eigene Privatsphäre verletzt und die Lebensgestaltung beeinträchtigt. Dabei ist es unerheblich, ob der Stalker Fremden nachstellt (hier häufig Prominente), Bekannten oder gar Lebenspartnern. 80 Prozent der Opfer sind Frauen, während die Täter überwiegend Männer sind. Stalker sind Menschen, die einen anderen Menschen verfolgen, belästigen, terrorisieren oder bedrohen. Seit dem 31. März 2007 findet sich das „Nachstellen“ im Strafgesetzbuch wieder und kann mit drei Jahren Gefängnis bestraft werden.

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