Das alte und neue Twer Mega-Warenhaus und Brauerei mit Sowjet-Charme

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Twer. Die Osnabrücker Partnerstadt Twer ist auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Auflösung der Sowjetunion immer noch stark sozialistisch geprägt. Der Wandel schreitet nur langsam voran. Während die alte Afanasy-Brauerei noch sozialistischen Charme atmet, symbolisiert der neue Globus-Supermarkt mit mehr als 10000 Quadratmetern Verkaufsfläche das Twer der Zukunft.

Der Globus-Geschäftsführer ist stolz auf das, was hier entstanden ist. Der Deutsch-Russe Vitali Odenbach sagt, für 70 Millionen Euro sei der Markt hier vor einigen Jahren gebaut worden, doch die Investition habe sich gelohnt. In den vergangenen acht Jahren sind acht Märkte der deutschen Einzelhandelskette in Russland entstanden. In einem ähnlichen Tempo soll es weitergehen. Bis 2017 sollen 18 der SB-Warenhäuser mit dem riesigen Sortiment auf dem russischen Markt entstehen.

Der Laden in Twer öffnet sieben Tage die Woche. Ein Durchschnitts-Kassenbon liegt laut Odenbach bei 600 Rubel, also bei rund 14 Euro. Am Wochenende kaufen hier seinen Angaben zufolge 18000 Menschen pro Tag ein. „So können sie sich ja selbst ausrechnen, was wir hier an Samstagen und Sonntagen an Tagesumsatz machen“, sagt Odenbach.

Als eine Osnabrücker Delegation den Mega-Supermarkt am Samstag vor einer Woche besucht, spricht schon allein das Bild an der Kasse Bände. Von 54 Kassen sind alle besetzt. Odenbach erklärt, dass eine Abteilung sich in seinem Laden nur mit Preisvergleichen beschäftige. Daher sei Globus in Russland billiger als andere Supermärkte. Mehr als ein halbes Dutzend Einzelhändler mussten vor Ort bereits ihre Geschäfte aufgeben. Die Marktmacht von Globus ist einfach zu groß. Geschäftsführer Odenbach sieht es als Heldentat, weil er den einfachen Arbeitern mit einem Durchschnittsverdienst von etwa 400 Euro in Twer ganz neue Preise bieten könne. Die Lebensmittelpreise in Russland sind trotz des vergleichsweise geringen Verdienstes ähnlich teuer wie in Deutschland. Der Brotpreis ist zwar staatlich reguliert, sodass bei Globus ein Laib Brot schon für umgerechnet 40 Cent angeboten werden kann, aber selbst das billigste Bier ist bei Globus nicht unter umgerechnet 70 Cent pro Flasche zu haben.

Als die Delegation eine Führung durch das atemberaubend vielseitige Sortiment des Ladens bekommt, ordnet die Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Osnabrück, Sonja Ende, als Mitorganisatorin der Delegationsreise ein: „So ein Laden wäre in Osnabrück gar nicht genehmigungsfähig. Ein Globus in der Dimension würde den Markt zu stark dominieren.“

Der Chef der Bäckerei Wellmann, Johannes Külkens, zeigt sich beeindruckt, als er einen Blick auf die Rinderhälften im Kühlhaus wirft: „Es ist schon enorm, dass die hier die ganze Wertschöpfung durchmachen – vom toten Schwein bis zur Mortadella.“ Bei Globus werden 70 Varianten von Fleisch und Aufschnitt zubereitet.

Interessant sehen Würstchen mit der Aufschrift Globus in lateinischen Buchstaben neben der Aufschrift mit dem Namen der Wurst in kyrillischer Schrift aus. „Übersetzt heißen diese Würstchen ,Die Milchigen‘, weil sie einen so hohen Milchanteil haben. Die könnten sie in Deutschland nicht verkaufen. Das ist eine russische Spezialität“, sagt der Außendienst-Mitarbeiter von Berner Ladenbau, Jörg Woye, der den Russland-Markt des Osnabrücker Unternehmens aufgebaut hat. Auch der Globus-Markt gehört zu den Auftraggebern. „Ende 2010 haben wir das erste Geschäft mit Globus gemacht“, erklärt Woye. „Das ist völlig in die Hose gegangen. Ein kleiner Wiegefehler in Osnabrück hat gereicht.“ Die Lieferung habe komplett neu zusammengestellt werden müssen. Die Zöllner seien heutzutage aber nicht mehr so bestechlich wie früher, weil viele dafür ins Gefängnis gegangen seien. Deshalb hätte so eine Lieferung am Zoll auch nicht freigekauft werden können, wie es vielleicht früher möglich gewesen wäre.

René Riesner, der Chef von Berner Ladenbau, baut viele Ladenkonzepte für Globus. „In Russland sind Mehrkosten für Einfuhrzölle von 40 Prozent fällig. Dennoch rechnen sich die Geschäfte hier“, berichtet er. „Die Russen sind im Gegensatz zu vielen deutschen Unternehmen bereit, viel für gute Qualität zu bezahlen“, erklärt Riesner, der die Zölle perspektivisch mit einer russischen Produktion umgehen will.

Nicht nur Fleisch wird im Globus verarbeitet, auf Wunsch werden auch die Fische vor den Augen der Kunden ausgenommen, die er sich zuvor in einem Aquarium mit Dutzenden Fischen selbst ausgesucht hat. Auch Brot und Kuchen produziert Globus selbst. Da kann es sich Wellmann-Geschäftsführer Külkens natürlich nicht nehmen lassen, selbst eine Kostprobe zu nehmen. „Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist lecker“, ist sein fachmännisches Urteil. „Wir backen unser Brot 24 Stunden am Tag“, berichtet Odenbach stolz. Zwei bis drei Tonnen Mehl würden so täglich verarbeitet. In der Produktion entdecken Külkens, Oberbürgermeister Wolfgang Griesert und IHK-Hauptgeschäftsführer Marco Graf eine Knetmaschine des Osnabrücker Unternehmens Diosna. Mit einem guten Schuss Lokalpatriotismus stellt Külkens fest: „Deutsche Produkte haben hier einen großen Stellenwert.“ Der Unterschied zur Wellmann-Bäckerei sei hier die maschinelle Fertigung. Der Teig ruhe nicht lange. Das mache sich optisch wie geschmacklich bemerkbar, aber dafür sei der Preis eben auch gering. Das überrasche angesichts des staatlich regulierten Brotpreises und des geringen monatlichen Verdienstes aber auch nicht.

Während der Supermarkt mit einer Biertheke in der Getränkeabteilung, einem eigenen Restaurant, einem eigenen Eisstand und einem eigenen Café moderner als jeder Osnabrücker Supermarkt wirkt, lebt in der Afanasy-Brauerei die alte Sowjetzeit fort. Von außen sieht das Firmengebäude aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Große Schilder mit dem Brauerei-Namen oder unternehmenstypische Farben, die nach Corporate Identity aussehen, sucht man hier vergeblich. Auch die unterschiedlichen Biersorten – ob Afanasy-Ginger-Bier, das dunkle Bier John Butler, ein sogenanntes „hausgemachtes Bier“, das „Twerer Weizen“ oder das aus Wasser, Hefe und Brot produzierte Kwas – haben jeweils andere Flaschenformen. Das will vielen Unternehmern wegen des Mehraufwands in der Produktion nicht einleuchten. Viele sind auch erstaunt, als Brauerei-Chef Vadim Deshevkin erklärt, dass die Brauerei vor wenigen Jahren erst saniert wurde.

Als ein Braumeister durch die Produktion führt, erklärt ein anderer Osnabrücker Unternehmer: „Auf alten Maschinen lässt sich am wirtschaftlichsten produzieren. Wahrscheinlich würde es zu lange dauern, um die Investition in neue Maschinen wieder hereinzuholen.“ Doch auch auf den alten Maschinen lässt sich offenbar gut produzieren, denn IHK-Präsident Martin Schlichter resümiert: „Es ist beruhigend zu wissen, dass auch in Russland so gutes Bier gebraut wird.“

Mehr über die Delegationsreise nach Russland lesen Sie in diesem Blog.


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