Automobil-Standort Fledder Osnabrücks wichtigstes Gewerbegebiet in der Krise

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Ohne festes Dach – und ohne großen Erfolg: Seit 2011 wird im VW-Werk Osnabrück das Golf Cabriolet gebaut. Weil der Absatz stockt, gerät allmählich der gesamte Automotive-Standort Fledder ins Schwimmen. Foto: Uwe LewandowskiOhne festes Dach – und ohne großen Erfolg: Seit 2011 wird im VW-Werk Osnabrück das Golf Cabriolet gebaut. Weil der Absatz stockt, gerät allmählich der gesamte Automotive-Standort Fledder ins Schwimmen. Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Auf der Gewerkschaftsversammlung am kommenden Montag will die Geschäftsführung des angeschlagenen Cabrioverdeck-Herstellers Valmet verkünden, ob die Produktion sofort von Osnabrück nach Polen verlegt wird oder ob sie bis 2017 ausläuft. Doch was macht diesen Schritt, der 230 Mitarbeiter über kurz oder lang den Job kosten wird, eigentlich notwendig? Ein Blick in die Krankenakte einer ganzen Branche.

Der Fledder, für viele das Herz der deutschen Cabrio-Industrie, sei „nach wie vor das wichtigste Gewerbegebiet der Stadt“, sagt Ralf Kreye, Prokurist der Wirtschaftsförderung Osnabrück (WFO). 13 Unternehmen mit zusammen mehr als 4200 Beschäftigten lebten dort direkt oder mittelbar von der Fahrzeugproduktion. Mit 2500 Mitarbeitern ist Volkswagen der größte Arbeitgeber.

Naturgemäß hängen damit Wohl und Wehe des gesamten Automotive-Standorts Fledder in erster Linie von dessen Befinden ab. „Hat das VW-Werk Osnabrück Schnupfen, bekommen die anderen ringsum gleich die Grippe“, versinnbildlicht Kreye den mitunter fatalen Zusammenhang zwischen Hersteller und Zulieferern. Weiß man zudem, dass mehr als drei Viertel aller Teile in einem Auto nicht von den großen Marken selbst gefertigt werden, lässt sich erahnen, zu wessen Ungunsten die Waage in Krisenzeiten besonders hart ausschlägt.

Zwei Megatrends

Im Fledder sind es nach Ansicht von Branchenkennern gleich zwei Megatrends, die dem Standort gegenwärtig arg zu schaffen machen: ein schwächelnder Cabrio-Markt auf der einen Seite und zunehmende Produktionsverlagerung in östlich gelegene Niedriglohnländer auf der anderen.

Europaweit seien die Stückzahlen von knapp 310.000 gebauten Cabrios im Jahr 2013 um gut 15.000 Autos im Folgejahr gesunken. „Der Markt entwickelt sich nicht wie geplant, er stagniert“, heißt es aus gut informierten Kreisen. In Osnabrück, wo neben den Porsche-Modellen Boxster und Cayman seit 2011 auch das VW Golf Cabrio entsteht, leide man darunter, dass vor allem alltagstaugliche Geländewagen den Oben-ohne-Fahrzeugen in der Kundenbeliebtheit den Rang abgelaufen hätten. Die Folgen für Zulieferer sind unübersehbar: Absatzprobleme und leere Auftragsbücher, die sich nur schleppend mit neuen Bestellungen füllen. Im Fall von Valmet kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu: Die vor Ort in mühsamer, stundenlanger Handarbeit genähten und montierten faltbaren Stoffdächer des inzwischen finnisch geführten Unternehmens sind zu teuer.

Die beiden Konkurrenten Webasto (Bayern) und Magna (Österreich-Kanada), die zusammen etwa 80 Prozent des Cabriodach-Marktes beherrschen, lassen dagegen ihre Großserien-Softtops im osteuropäischen Ausland fertigen— und können dadurch wesentlich preiswerter anbieten. So kommen die Webasto-Stoffverdecke beispielsweise für Audi TT, Mini Roadster, Smart For Two und auch VW Golf 6 aus Velky Meder in der Slowakei. Magna stellt weiche Faltdächer etwa für Fiat 500 und Opel Cascada im polnischen Tychy her. Allein die Entwicklung der Softtops findet nach wie vor in Deutschland statt. So plant es übrigens auch Valmet, wo 100 Ingenieure und Manager dauerhaft in Osnabrück bleiben sollen.

Im Osten billiger

Aber ist die Arbeit in Osteuropa denn wirklich so viel billiger? Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes für 2013 sind die durchschnittlichen Arbeitskosten pro Stunde in Deutschland mit 36,20 Euro um mindestens ein Vierfaches höher, wenn man sie mit Polen (6,80 Euro), Ungarn (7,70) und Slowakei (9,00) vergleicht. Anders ausgedrückt: Eine Arbeitsstunde kostet Unternehmen hierzulande 29 Euro mehr als in Polen.

Auch Valmet hat deshalb erkannt, dass größere Wirtschaftlichkeit nur über den Standort Zary in Polen zu erreichen ist – wo schon jetzt Stoffdächer für drei Modelle von Audi, Mini und BMW fabriziert werden. Eine sofortige Verlagerung der Produktion von Osnabrück nach Osteuropa würde also akut die Preise verbessern, die Kunden hätten zudem mehr Planungssicherheit. Dagegen steht das berechtigte Interesse der hiesigen Arbeitnehmer, ihren Job drei weitere Jahre behalten zu können. Und die Hoffnung, die Lage im Fledder könne sich bis 2017 stabilisieren, wenn nur endlich der ersehnte Auftrag für ein neues Massenmodell kommt. Denn nichts fürchten die Valmet-Angestellten – überwiegend ehemalige Karmann-Beschäftigte – mehr, als dass sich für sie die Geschichte einer Werksschließung wiederholt. Und dass sie damit dasselbe Schicksal ereilt wie schon die 160 Angestellten des benachbarten Sitzherstellers Lear Corporation, der den Laden nach nur zwei Jahren an diesem Standort Ende 2014 notgedrungen dicht macht.

Alte Wunden

„Es fühlt sich an, als würde jemand ein Messer an eine Wunde setzen, die gerade erst vernarbt ist“, sagt ein Ex-Karmann-Mitarbeiter, der auch an Valmet ganz nah dran ist. Es sei ein schwieriger Abwägungsprozess für die Geschäftsführung , die Argumente beider Seiten seien stichhaltig. „Da ist kein Schwarz-Weiß-Denken möglich.“ Er sei jedoch zuversichtlich, dass der Markt für Cabrios bald wieder anspringen wird. SUV seien eine Modeerscheinung, Autos mit Klappverdeck jedoch ein Klassiker.

Auch die städtische Wirtschaftsförderung glaubt fest an die Trendwende. „VW hat doch ein großes Eigeninteresse daran, sein Osnabrücker Werk besser auszulasten“, ist WFO-Experte Kreye überzeugt. Sobald der fehlende Großauftrag erteilt sei, werde „niemand mehr über die Krise von jetzt reden“. Wann er damit rechnet? „Eine Entscheidung bei VW fällt vermutlich noch dieses Jahr.“


Die Valmet Automotive GmbH ist eine 100-prozentige Tochter der Valmet Automotive Inc. aus Finnland. Das deutsche Unternehmen beschäftigt in Osnabrück aktuell 330 Personen. Hier werden Dachsysteme entwickelt und produziert. Außerdem ist Osnabrück Sitz von Verwaltung und Vertrieb. Anfang Juni hatte der Mutterkonzern bekannt gegeben, dass zukünftige Verdecksysteme nur noch im Schwesterunternehmen Valmet Automotive im polnischen Zary gefertigt werden. In Osnabrück soll die Entwicklung von Dachsystemen von der ersten Konzeptstudie bis zur Serienreife mit rund 100 Mitarbeitern fortgeführt werden. Die Valmet Automotive GmbH übernahm 2010 vollständig die Dachsparte des insolventen Automobilzulieferes Karmann.

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