Gefahr durch illegale Medikamente Osnabrücker Juristen erforschen Arzneimittelkriminalität

Von Hendrik Steinkuhl

Strafrechtsprofessor Arndt Sinn von der Universität Osnabrück koordiniert den Forschungsverbund gegen Arzneimittelkriminalität (Alpha). Foto: Gert WestdörpStrafrechtsprofessor Arndt Sinn von der Universität Osnabrück koordiniert den Forschungsverbund gegen Arzneimittelkriminalität (Alpha). Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Wie kann die Strafverfolgung dem explodierenden Handel mit illegalen Arzneimitteln Herr werden? Juristen der Universität Osnabrück sollen helfen, diese Frage zu beantworten. Wir haben mit Strafrechtsprofessor Arndt Sinn über das von ihm koordinierte Projekt gesprochen.

Professor Sinn, warum ist die Arzneimittelkriminalität aus rechtlicher Sicht eine so große Herausforderung?

Arzneimittelkriminalität kennt keine Grenzen. Wegen der unterschiedlichen Rechtslage in den beteiligten Staaten gibt es deshalb riesige Probleme bei der Strafverfolgung. Was in einem Land Arzneimittelkriminalität ist, muss es in einem anderen Land noch längst nicht sein. Dann ist es auch kaum möglich, effektive Strafverfahren zu führen.

Wie können die Osnabrücker Juristen helfen?

Eine unserer Aufgaben ist es, Arzneimittelkriminalität klar zu definieren. Das ist alles andere als leicht, schon über den Begriff Arzneimittel herrscht ja keine Einigkeit.

Was fällt alles unter Arzneimittelkriminalität?

Zunächst entstehen Risiken durch falsche, zu hoch oder zu niedrig dosierte Wirkstoffe. Oder durch nicht benannte Wirkstoffe. Das ist der Fall, wenn Inhaltsstoffe als rein pflanzlich deklariert werden, obwohl noch andere Stoffe enthalten sind. Und dann gibt es noch Arzneimittel, die zwar scheinbar legal sind, aber nicht über das Internet vertrieben werden dürfen, weil der Shop keine Lizenz hat. Leider kann der Bürger einen legalen von einem illegalen Shop häufig kaum unterscheiden. Die Gefahren für die Bevölkerung durch illegale Arzneimittel sind sehr groß.

Was macht Arzneimittelkriminalität für die Täter so reizvoll?

Man kann mit gefälschten oder illegalen Arzneimitteln so hohe Gewinnmargen erzielen wie mit dem Drogenhandel. Gleichzeitig ist das Risiko, entdeckt zu werden, viel geringer. Hauptvertriebsweg ist das Internet, darüber funktioniert der Handel wahnsinnig schnell. Sie können einen Internetshop an einer Stelle aufmachen, und sobald er auffliegt, machen Sie eben an einer anderen Stelle wieder einen auf. Die organisierte Kriminalität hat die Arzneimittelkriminalität auch schon als neues Tätigkeitsfeld entdeckt.

Gibt es Banden aus bestimmten Ländern, die sich dem illegalen Handeln mit Arzneimitteln widmen?

Wir haben bei unserer Projektskizze tatsächlich versucht, Länder zu priorisieren. Also zu sagen: Aus Land A kommen die Händler, in Land B wird die Internetplattform zur Verfügung gestellt, und die Produktionsstätte ist vielleicht in Land C. Das war aber mit unseren bisherigen Erkenntnissen nicht möglich. Ein Teil des Forschungsprojektes soll deshalb Täter und Tatstrukturen ermitteln. Dazu gehört auch, dass wir erforschen, in welchen Ländern das Recht diese Form der Kriminalität besonders begünstigt.

Sie forschen also nicht nur in Deutschland?

Richtig, wir untersuchen alle 28 EU-Mitgliedstaaten. So etwas ist bisher noch nicht unternommen worden.


Forschungsverbund gegen Arzneimittelkriminalität: Unter dem Namen Alpha untersuchen mehrere Partner in den kommenden zwei Jahren das Phänomen der Arzneimittelkriminalität. Neben vier rechtswissenschaftlichen Instituten der Universität Osnabrück sind unter anderem das Bundeskriminalamt und das Fraunhofer-Institut beteiligt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert das Projekt mit rund 1,7 Millionen Euro. Der Löwenanteil von knapp einer Million Euro steht den Osnabrücker Juristen für ihre Forschungsarbeit zur Verfügung.

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