Stadtteil-Kultur (7): Pye Bergbau-Geschichte und Kultur verbinden sich

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Osnabrück. Im Stadtteil Pye befruchten sich (Bergbau-)Geschichte, Kultur- und Landschaftspark Piesberg und örtliche Kulturschaffende auf ungewöhnlich kreative Weise.

In mancher Hinsicht ist Pye als Stadtteil von Osnabrück dörflich geblieben: ohne Einkaufsmöglichkeiten, nicht mal einen Laden oder eine Apotheke gibt es. Kulturelle oder religiöse Aktivitäten mit Migrationshintergrund sind längst nicht so ausgeprägt wie im benachbarten Eversburg. Doch die evangelische Matthias -Pfarrei mit ihrer Kirche und die katholische Liebfrauen -Kirche an der Grenze zu Eversburg setzen mit ihren musikalischen und anderen Angeboten kulturelle Impulse – und natürlich Kindergarten, Kindertagesstätte und Grundschule Pye . Das Übliche, möchte man meinen, ohne dessen hohen Wert zu übersehen, überragte da nicht Piesberg mit seiner Bergwerkstradition den Stadtteil. Hätten sich da nicht seit rund 20 Jahren Stadtplaner, Umweltbewusste, Vereine und Kulturveranstalter immer enger miteinander verzahnt, um eine in Osnabrück einzigartige Form von Kultur hervorzubringen: den Kultur- und Landschaftspark Piesberg .

Nach und nach wurde zu neuem, eigenen Leben erweckt, was aus einstigen Zeiten des Kohleabbaus allmählich verrottete: das Museum Industriekultur mit seiner Osnabrücker Industriegeschichte, der Stollen, die alte Brecheranlage, der Zechenbahnhof oder das Piesberger Gesellschaftshaus, in dem sich eine Kulturszene ansiedelte, die die im Stadtteil vorhandenen Energien bündeln wollte. Ralf Siebenand und Kathrin Orth, Gründungsmitglieder des Vereins Piesberger Gesellschaftshaus, erzählen, wie sie nach finanziell kargem Beginn vor zwanzig Jahren einen Chor, Tanztheater und einen Zirkus auf die Beine stellten, Bläser-, Trommel-, freie Theatergruppen und eine vitale Tangoszene ans Haus banden und den Dampflock- und den Feldbahnverein mit einbezogen. An Sigrid Graf s Freilauftheater lässt sich geradezu exemplarisch verfolgen, wie Piesberg-Gelände und -Geschichte, Zwangsarbeiter-, Umwelt- und einstige Mülldeponie-Problematik und der heutige Reiz von historischen Dampflok- und Feldbahn-Fahrten zu Erlebnissen mit Lokalkolorit verschmelzen.

Das Bergfest im September ohne Hüpfbuden und Pommes, der Kulturflohmarkt, das „Kuck-mal!“ -Theaterfestival, die Familienfeiern, Zeitzeugen-Befragungen oder die „Privataudienz“, bei der Nachbarn ihre Wohnungen für Theaterspiel öffnen, belegen ein Kulturkonzept, das stark auf Kommunikation statt auf Kommerz setzt.

Zugleich arbeiten Vergangenheit und produktive Gegenwart in Pye Hand in Hand. Der Bildhauer Frank Gillich schält in seinem Atelier neben dem alten Brecher Kunstwerke aus dem gnadenlos harten Karbonquarzit. Die mexikanische Firma Cemex wiederum baut täglich im 200 Hektar großen Steinbruch-Gelände Gestein für Straßen-, Wasserbau oder Eisenbahngleise ab. Und lässt mit sich reden, wie sich wirtschaftliche Interessen mit Rundwanderweg, Skulptur- oder literarischem Traumpfad und Aussichtsplattformen koordinieren lassen. So schildern es jedenfalls Ratsmitglied Josef Thöle (CDU) und Detlef Gerdts , Leiter des Fachbereichs Umwelt- und Klimaschutz, die seit Jahren die Belange des Stadtteils engagiert begleiten. Thöle und Gerdts betonen den hohen und kostengünstigen Naherholungswert des Naturparks, in dem Kinder mit im Gesellschaftshaus ausleihbarer Ausrüstung Steine nach Fossilien abklopfen können.

Der Verein der Dampflokfreunde nutzt die alte Steinbrecherhalle als Depot und Werkstatt, hat aber auch nichts dagegen, wenn sich mal das Gesellschaftshaus die lichte Industriehalle für experimentelle Konzerte oder Theaterprojekte „ausleiht“. Fertige Kunst von außerhalb wird fürs Gesellschaftshaus-Programm eher selten eingekauft. Hier entstehen Eigenproduktionen, wie in Orths und Siebenands „ Musiktheater Lupe “. Dazu passen Eigengewächse wie die Reihe „ Theateracker “ im Juli, bei dem im Kastaniengarten des Gesellschaftshauses neue Straßentheater-Produktionen großen Anklang finden, „selbst dann, wenn sie noch nicht ganz ausgereift sind“, sagt Gesellschaftshaus-Geschäftsführerin Imke Wedemeyer schmunzelnd. Der Stadtteil mit seiner organisch wachsenden kulturellen Struktur weckt offenbar eine fast kindlich-natürliche Entdeckerlust auf Neues.


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