So reden die Osnabrücker „Gut zufrieden“ ist noch keine Vorstufe zum Glück

Utz Maas (rechts), emeritierter Professor für Sprachwissenschaft, hat an der Osnabrücker Uni gearbeitet und lebt in Graz. 2012 erschien sein Buch „Was ist deutsch? Die Entwicklung der sprachlichen Verhältnisse in Deutschland“. Foto: Uwe LewandowskiUtz Maas (rechts), emeritierter Professor für Sprachwissenschaft, hat an der Osnabrücker Uni gearbeitet und lebt in Graz. 2012 erschien sein Buch „Was ist deutsch? Die Entwicklung der sprachlichen Verhältnisse in Deutschland“. Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Andere sind zufrieden, in Osnabrück ist man gut zufrieden. Ist diese Steigerung schon eine Vorstufe zum Glück? Wir haben mit dem Sprachwissenschaftler Utz Maas über Besonderheiten der Osnabrücker Mundart gesprochen.

Andere sind zufrieden, die Osnabrücker setzen noch eins drauf: Wir sind gut zufrieden. Drückt sich hier ein Glücksgefühl aus?

Nein, dieses „gut zufrieden“ drückt Wertungen aus, und Wertungen unterliegen einer rasanten Inflation. Also setzt man bei Wertungen einen drauf. Es ist genau das Gleiche wie sehr zufrieden. Das Wort „sehr“ zeigt diesen Mechanismus: Das gleiche Wort haben wir noch im Kriegsversehrten – sehr bedeutet etwas Schlimmes, eine schwere Verletzung. Irgendwann hat man dieses Wort genommen, um eine Steigerung rüberzubringen.

Ich bin entsetzt. Gut zufrieden ist keine Osnabrücker Besonderheit?

Nein. Wenn man sprachgeschichtlich rückverfolgt, wo bestimmte Formulierungen auftauchen, bevor sie sich umgangssprachlich durchgesetzt haben, dann kann man sie oft lokalisieren. Die Herkunft ist in diesem Fall ziemlich eindeutig im westfälischen Raum. Diesen Ausdruck finden wir aber auch im Niederländischen. So haben wir hier eine Spur von einem nördlichen Sprachraum. Den müssen wir unterscheiden von der jüngeren Ausgrenzung Deutsch gegenüber Niederländisch und dem, was sich umgangssprachlich etabliert.

Wenn es einem Osnabrücker schlecht geht, ist er schlecht zufrieden. Da steckt doch eine positive Lebenseinstellung drin!

Ja gut, da sind wir wieder bei der Frage, auf welcher Schiene man fährt. Schlecht, schlicht, einfach, gerade – das kann positiv sein...

…ich meinte, dass da auch bei Kummer oder Krankheit immer noch ein Rest Zufriedenheit mitschwingt.

Da bin ich mir nicht sicher. In dieser Hinsicht ist die Sprache auch nicht eindeutig. Wir sprechen von „Konnotationen“. Wörter sind wie Fähren: Sie transportieren uns in Situationen, in denen wir sie schon mal genutzt oder gehört haben. Das ist nicht bei allen gleich. Für sich genommen, lässt sich das nicht bestimmen. Die Frage ist, wohin transportiert ein Ausdruck uns?

Welche Besonderheiten fallen Ihnen auf, wenn Sie in Osnabrück dem Volk aufs Maul schauen?

Als ich noch in Osnabrück war, ging ich öfters mittags in einem traditionellen Lokal essen, wo auch Leute aus dem Umland saßen. Da fiel dann schon auf, dass viele ohne den Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ sprechen wie „ich geb dich das Buch“. Im norddeutschen Raum ist der Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ seit 1000 Jahren nicht mehr zu Hause. Mit der Schriftsprache ist er wieder importiert worden. Aber die Schriftsprache ist eine Sache, die mit der Schule gelernt wird. Trotzdem sprechen viele zu Hause, wenn sie mit ihren Eltern oder Nachbarn reden, anders. Dass man in Osnabrück auch im innerstädtischen Bereich, z.B. auf dem Wochenmarkt, aber noch so viel Dialektales hören kann, hat mich schon überrascht.

Wenn ich als Osnabrücker einen Menschen sympathisch finde, dann mag ich den gut leiden. Was verrät diese Formulierung?

Bei „leiden“ denkt man vielleicht erst mal an Probleme, an ein Martyrium, an den Kreuzweg. Diesen Bedeutungskern kann man sprachgeschichtlich zurückverfolgen. Aber hier stoßen wir wieder auf das Problem der Konnotationen: Diese können umgewertet werden. Das ist der Fall, wenn eine Ausdruckweise zu blass erscheint, dann muss man Steigerungen nehmen. So wird die Bedeutung von Wörtern in ihr Gegenteil verkehrt.

Wenn ein Osnabrücker wissen will, woher sein Gesprächspartner kommt, fragt er: Wo kommst du denn weg?

Da kann ich nur vermuten, dass das auch eine regional eingegrenzte Variante ist. Darauf deutet auch die Aussprache: nicht mit ’k‘ wie hochdeutsch „weg“. Auch das ist wieder grenzüberschreitend: Auch niederländisch „weg“ hat die gleiche Aussprache. Dieser Raum hatte für die Menschen der Region eine große Bedeutung: Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts verdienten viele Menschen aus der Osnabrücker Region ihr Geld als Hollandgänger. Die Grenzziehung zwischen dem Hochdeutschen und dem Niederländischen kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Herr Maas, wenn ich Ihnen jetzt danke für das Gespräch, könnten Sie sagen: „Da nich für“. Bekommen wir damit doch noch eine Kurve zum Glück?

Zum Glück nicht unbedingt. Auch syntaktische Muster wie in diesem Fall bei Präpositionen zeigen regionale Besonderheiten.


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