Endlich Platz für die Papierrolle 24/7: Kunsthalle Osnabrück durchgehend geöffnet

Von Ralf Döring


Osnabrück. Die Kunsthalle ist offen – seit gestern Abend, 18 Uhr, läuft das Projekt 24/7. Bis nächsten Freitag ist das Haus rund um die Uhr geöffnet. Und bereits nach elf Minuten zählt Kunsthallen-Leiterin Julia Draganovic den sechzigsten Gast.

Werner Kavermann hat eine Bildergeschichte über den Verfall der Welt mitgebracht, etwa acht Meter breit. „Das passt nicht in mein Atelier, deswegen hänge ich es hier mal hin“, sagt der Künstler lapidar.

An den Wänden der Kunsthalle stehen Künstler und messen und hämmern. In der Apsis gegenüber dem temporären Eingang hat Zauri Matikashvili eine Videoinstallation aufgebaut, die seine Performance dokumentiert; er legt sich vor Kunstwerke, lässt sich dabei von anderen Besuchern fotografieren und beobachtet die Reaktionen –eine Intervention, wie gemacht für 24/7.

Links an der Wand hängt Rafael Scheidle aus Georgsmarienhütte seine Fotografien auf, gegenüber wird es eine halbe Stunde später ebenfalls Fotografien zu sehen geben: Dort lotet Markus Witte aus Hannover die Grenzen zwischen abstrakter Malerei und Fotografie aus.

Matikashvili studiert Kunstpädagogik an der Uni Osnabrück; Witte ist im Hauptberuf Jurist beim Land Niedersachsen – jeder darf hier seine Kunst präsentieren. Einzige Einschränkung: Die Kunst darf nicht gegen Gesetze verstoßen, keinen Mitstreiter belästigen und die Kunsthalle nicht beschädigen. „Darf ich hier Posaune spielen?“, fragt einer Kunsthallenmitarbeiterin Christel Schulte. Die antwortet gelassen – zum Einsturz wird er die Kirche schon nicht bringen.

Schulte sitzt neben einer Säule an einem Computer und blickt auf den Online-Kalender , in den sich eintragen kann, wer sich berufen fühlt. Werner Kavermann hat dort „Papierrolle“ vermerkt –und „irgendwo in der Kunsthalle“. Die Heilpädagogische Hilfe meldet präzisere Wünsche an: Sie baut am Montag ihren „basecamp KunstContainer“ auf, ein Museum im Museum, und zwar im Kirchenschiff, zwischen den Säulen. „Und wenn ich genau dort spielen will?“, fragt der Posaunist. „Dann müssen Sie sich mit dem basecamp einigen“, sagt Schulte. Die Kunsthalle setzt auf Selbstorganisation.

Zu Beginn erinnert das ein bisschen an einen Flohmarkt: Wer früher da ist, hat die Wahl. An eine Guerilla-Aktion erinnert der „Dönerhasen Dürüm“ , eine Fotografie einer Plastiktüte im Gras, die einem Hasen ähnelt – Ruppe Koselleck hat das Werk direkt auf der Wand signiert. Filmmann Holger Tepe plakatiert die Wände mit dem Hinweis auf seinen „Reisenden Festivalzirkus“, eine lange Nacht mit Super-8-Filmen, der Maler Henning Heigl hat sich in einem der Räume im Kreuzgang eingerichtet und will dort an einem Kunstwerk arbeiten. Und das Künstlerehepaar Manfred Blieffert und Renate Hansen zeigt in einem gemeinsamen Raum Aspekte ihres Schaffens: Hansen zeigt die Lichtprojektion „Ahnen – ein imaginärer Raum“, und daneben druckt Blieffert „Originalmeter des längsten Holzschnittes der Welt “ – 31 Stück gegen eine Spende von 10 Euro für die Freunde der Kunsthalle, mit Echtheitszertifikat.

Der Freundeskreis ist in diesen Tagen ebenfalls gefordert: Er unterstützt die Kunsthallen-Mitarbeiter bei ihrer Nachtwache neben dem Sicherheitsdienst, der ab 22 Uhr vor Ort sein wird.

Was noch passiert? Eine Schulklasse will in der Kunsthalle übernachten. Der Jungendclub Tanz des Theaters präsentiert sich, Musiker des Symphonieorchesters, das Theater am Güterbahnhof probt. Mitten im Kirchenraum steht ein Bechsteinklavier; irgendwann perlen sanfte Klänge durch den Raum. Und ein Haufen mit 10080 Holzwürfeln –für jede 24/7-Minute einer – lädt zum Spielen ein: Alles kann, nichts muss, könnte als Motto über 24/7 stehen. Der Start ist auf jeden Fall gelungen: Nach einer Stunde zählt Klaus Terbrack – Draganovic ist da längst bei der Ausstellungseröffnung in der Stadtgalerie – den hundertsten Besucher.


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