Neues Projekt „Biosphere“ im Blue Note Florian Weber bringt Quantenphysik zum Swingen


Osnabrück. Florian Weber verlangt seinen Zuhörern einiges ab: Sein Konzert im Blue Note schafft die Gäste. Und macht sie glücklich.

Nach dem Konzert nimmt Florian Weber Gratulationen entgegen, verkauft ein paar CDs – und spielt mit einem seiner Studenten eine Partie Schach. Dan Weiss tut es ihm gleich; Weber hat in ihm einen fantastischen Drummer gefunden und einen hervorragenden Schachpartner. Ob das wichtig ist für die Musik? Nun, „ Biosphere “, das neueste Projekt vom Osnabrücker Klavierprofessor Weber, hat zumindest in Teilen einen naturwissenschaftlichen Hintergrund: Gleich das Eröffnungsstück des Abends, „Filaments“, bezieht sich auf Stephen Hawking, und am Ende des Konzerts steht „Piecemeal“ ein Stück, das Weber der Quantenphysik gewidmet hat. Wer solche Themen setzt, spielt auch Schach.

Weber ist in Trio-Besetzung ins Blue Note gekommen; den Basspart, den auf der aktuellen CD Thomas Morgan innehat, teilen sich Weber selbst und Gitarrist Lionel Loueke. Das funktioniert gut: Loueke spielt auf einem hybriden Instrument, halb Bass, halb Gitarre, und Weber spielt mit seinen kreisenden Basslinien die Zuhörer auf dem Klavier und auf dem E-Piano schwindlig.

Mit diesen Linien legt er den roten Faden. Gerade die Stücke der „Biosphere“-CD errichtet Weber über Bassschleifen, die wie Flipperkugeln durch den Raum fliegen und gleichzeitig die Zeit strukturieren. Denn darum dreht sich der Abend im Blue Note: um Fragen zur Zeit.

Vor allem Dan Weiss und Florian Weber erweisen sich da als kongeniale Partner: IN Thelonious Monks „Evidence“ schafft Weber die durchgehende Struktur, während Weiss die Zeit dehnt und staucht, als würde man sie im Spiegelkabinett betrachten. Doch sind das keine effekthascherischen Pointen, sondern das hat mit musikalischer Alchemie zu tun –dieses Trio untersucht die Zeitordnung der Musik auf ihre Belastbarkeit.

Klangfarbliche Akzente setzt dabei Lionel Loueke , der Gitarrist mit westafrikanischen Wurzeln. Er singt im Falsett zu seiner Gitarre, er schnalzt Rhythmen, er spielt rasante, mitunter kratzbürstige Soli. Und er ergänzt die melodischen Elemente um die weichen Elektrogitarrensounds, übernimmt schließlich den Part des Bassisten.

Ein wenig Warmlaufzeit braucht das Trio allerdings schon; am Anfang irren die drei Musiker hörbar ziellos durch ihr Experimentierfeld. Dann schiebt die Band einen knackig arrangierten Bill-Evans-Standard ein, spielt ein Stück von Coldplay , landet schließlich bei „Biosphere“, dem Titelstück des ganzen Projekts. Folgerichtig besteht es auch aus den essenziellen Elementen dieser Band: Wilde Klavierbässe legen die Basis, über der sich die Band kollektiv in andere Sphären improvisiert – um sich dann wieder ins Arrangement plumpsen zu lassen wie nach Feierabend aufs Sofa.

Mit alldem stellt sich ein anderer Florian Weber im Blue Note vor: der Rhythmiker, der Zeitforscher. In „Piecemeal“ treibt er das auf die Spitze: Im kruden 27/16-Takt spielt er das ultimative Klaviersolo. Als säße eine multiple Persönlichkeit am Klavier, rollen, wogen, kreisen die Bässe in der linken Hand, und rechts entwickeln sich, davon losgelöst, Akkordfolgen und Melodielinien. Auf geheime Weise gehorcht das Miteinander der beiden Elemente aber doch einer hohen Logik, erschließt neue musikalische Dimensionen. Und da begreift man, dass Loueke keineswegs übertreibt, wenn er Florian Weber einen der besten Pianisten nennt – nicht nur Deutschlands, sondern der Welt.


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