Die Stadt im Ersten Weltkrieg Kampf ums Überleben an der Osnabrücker Heimatfront

Von Rainer Lahmann-Lammert


Osnabrück. „Vater ist im Kriege“: Das Bilderbuch vermittelt Vorschulkindern, wie Papa reitet, schießt und Dörfer niederbrennt. So gegenwärtig war der Krieg vor 100 Jahren auch in den Osnabrücker Familien. Patriotische Leerformeln, Hunger und Not an der Heimatfront, dazu die Angst um Männer und Söhne. Das alles beschreibt die neue Ausstellung im Museum Industriekultur. Am Sonntag wird sie eröffnet.

„Wir wollten wissen, was in der Geburtsstadt Remarques von 1914 bis 18 los war“, sagt Museumsleiter Rolf Spilker. Für die Ausstellung im Magazingebäude wurden mehr Exponate zusammengetragen als für alle ihre Vorgänger. Dabei hatte sich das Museum schon 1998 mit „Der Tod als Maschinist“ intensiv dem Ersten Weltkrieg gewidmet.

Eine Pickelhaube steht für den wilhelminischen Geist und den Militarismus jener Jahre, Anschläge und Zeitungsartikel dokumentieren, wie in Osnabrück mobilgemacht wurde. Besucher sehen zentnerschwere Granaten, wie sie im Osnabrücker Stahlwerk vorwiegend von Frauen und Zwangsarbeitern massenhaft produziert wurden. Oder das sprichwörtlich gewordene Maschinengewehr 08/15, ein Mordinstrument, aus dessen wassergekühltem Lauf 500 Schuss pro Minute abgefeuert werden konnten.

Die meisten dieser Exponate stecken in Holzkisten, wie sie während des Krieges massenhaft mit der Eisenbahn an die Front geschafft wurden. Beeindruckender als die ausgestellten Mordinstrumente sind die Einzelschicksale, von denen persönliche Dokumente zeugen. Zum Beispiel das Foto von Paul Süß aus Osnabrück, der mit 17 vorzeitig die Schule verließ, um als Freiwilliger an die Front zu gehen. Ein paar Wochen später, am 12. November 1914, war er tot. Im Schützengraben hatte er sich zu weit aufgerichtet, als er Zigaretten an seine Kameraden verschenkte. Kopfschuss.

Ein anderer der 2020 Gefallenen aus Osnabrück war Erich Kügler, von dessen Kriegsbegeisterung sein zweibändiges Tagebuch zeugt. Der als untauglich befundene junge Mann ließ nicht locker und brachte sich mit seinem eigenen Motorrad als Kradmelder ein. Er wurde schließlich zum Kampfflieger ausgebildet und genoss in den folgenden fünf Monaten manchen Triumph. Doch am 30. April 1916 stürzte er, von einem französischen Verfolger getroffen, über dem Schlachtfeld von Verdun ab. Sein Kapitel in der Ausstellung ziert eine Feldpostkarte mit der Aufschrift „Das Leben ist der Güter höchstes nicht!“.

Von den Frontsoldaten, die den Krieg überlebten, kamen 3600 mit zerschossenen Körpern zurück nach Osnabrück. Krankenfahrstühle, die eher wie Kinderwagen aussehen, lassen erahnen, wie aus gefeierten Helden tragische Figuren wurden.

Ums Überleben kämpfte auch die Zivilbevölkerung. Lebensmittel wurden knapp und teuer, Familien, deren Haupternährer an der Front kämpfte, gerieten in Not. Drei Wochen nach Kriegsbeginn richtete die Stadt fünf Kriegsspeisehallen ein. Der Osnabrücker Hausfrauenbund betrieb eine Musküche für Bedürftige an der Süsterstraße. Im April 1917 wurde sie zum allgemeinen Bedauern geschlossen, weil es keinen Zucker mehr gab.

Der Rohstoffmangel spiegelt sich in Aufrufen zum Sammeln von Früchten und Beeren wider, aber auch Altmetall und Gummi waren gefragt. „Schule fand nicht mehr statt“, sagt Museumsdirektor Spilker. Denn die Schüler mussten täglich ausschwärmen, zum Beispiel nach Bucheckern, aus denen Öl gewonnen wurde.

Die Materialschlacht an der Front forderte ihren Tribut. Selbst die Glocken von Dom und St. Marien wurden eingeschmolzen. Und die Zivilbevölkerung sah sich unentwegt patriotischen Appellen ausgesetzt, Geld und Schmuck für den Sieg zu opfern: „Gold gab ich zur Wehr, Eisen nahm ich zur Ehr.“ Mit dem Ergebnis, dass der Krieg noch länger dauerte und mehr Opfer forderte.

Lesenswert: Der Katalog zur Ausstellung

„Eine deutsche Stadt im Ersten Weltkrieg. Osnabrück 1914 bis 1918“: Die Ausstellung wird am Sonntag im Museum Industriekultur (Magazingebäude, Süberweg 50a) eröffnet. Sie ist bis zum 28. September zu sehen. Soeben erschienen ist der lesenswerte Ausstellungskatalog mit hintergründigen Texten, Fotos und zeitgeschichtlichen Dokumenten (erhältlich für 26 Euro, demnächst auch im Buchhandel).