Nischen für die Subkultur Fledder: Kultur in alten Industriegebäuden

Spotlight für die Autowäsche? Der Fledder ist keineswegs die Kulturwüste, die er auf den ersten Blick zu sein scheint. Foto: Jörn MartensSpotlight für die Autowäsche? Der Fledder ist keineswegs die Kulturwüste, die er auf den ersten Blick zu sein scheint. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Der Fledder steht wie kein anderer Stadtteil für die Industrie. Dennoch ist er keineswegs eine Kulturbrache.

Wie Spotlights werfen die Straßenlaternen ihr Licht auf das Industriegebiet. Bühne frei für die Textile Autowäsche. Aber mal im Ernst: Kultur? Im Fledder? Wer durch die Hannoversche Straße fährt, sieht nichts als Tankstellen, Baumärkte, Autobauer... Auch die Einwohnerzahl ist gering. 2463 verzeichnete das amtliche Melderegister am 31. Dezember 2013. Dem gegenüber steht immerhin ein Viertel der rund 80000 Arbeitsplätze in Osnabrück.

Doch so wie jedes Lebewesen seine ökologische Nische hat, sucht sich auch die Kultur ihre Areale. Ausgerechnet dort, wo die Industrialisierung im Fledder begann, nämlich am vor 100 Jahren gebauten Güterbahnhof, wächst und gedeiht ein zähes, aber bedrohtes Kulturpflänzchen: der Freiraum Petersburg. Seit 2007 sind dort Künstler, Musiker und andere Kreative aktiv. Auch Gärtnern gehört zur Kultur. Die Gruppe Querbeet hat einen urban-ökologischen Nutzgarten angelegt. Noch bis Ende der Woche blüht ein interkulturelles Projekt im Freiraum. Bei „living inter!culture“ machen Menschen mit und ohne Flüchtlingsgeschichte Kunst und Kultur.

Noch mehr Kultur hat und hatte sich auf dem von der Deutschen Bahn 1997 verlassenen Gelände angesiedelt. Die Kleine Freiheit gibt vor allem Indie-Bands eine Bühne. Regelmäßig wird die Designmesse DeMO im Ringlokschuppen veranstaltet. Doch getanzt wurde schon mehr. Five Elements und Stellwerk sind weg. Der Freiraum wurde jüngst von den Eigentümern aufgefordert, sein Gebäude zu räumen, konnte die Frist aber verstreichen lassen. Das Theater am Güterbahnhof dagegen musste 2012 der Freikirche Lebensquelle weichen.

Nur wenige Meter vom Güterbahnhof entfernt gibt es mehr Subkultur. Seit fünf Jahren hat das selbstverwaltete Zentrum Substanz sein Zuhause an der Frankenstraße. Politisches Engagement, unkommerzielle Kultur und offene Jugendarbeit gehören dort zusammen. Es finden Konzerte und Lesungen statt, Filmvorführungen und Workshops. Doch auch das Substanz ist in seiner Existenz bedroht. Zum 31. Mai 2015 wurde ihm gekündigt.

Vermieter sind unter anderem die Betreiber von Stellwerk und Five Elements, die nun im „Kulturhof an der Dammstraße“ aktiv sind. Der Nize-Club und der Elektroclub Dr. Vogel laden zum Tanz. Esskultur wird in der Bar „Zauber von OS“ und Körperkultur in der Zenit Boulderhall gepflegt. Auch die Umweltorientierte Musikschule hat ihren Standort vom Güterbahnhof an die Dammstraße verlegt.

Und dann gibt es im Fledder die Alex Skatehall. Zwischenzeitlich waren Clubs mit in der ehemaligen Werkshalle untergebracht. Der Bastard Club ist aber an die Buersche Straße umgezogen. Das Mimmis wurde aufgegeben.

Subkultur hat immer auch ihren Reiz für die Hochkultur: Das Spieltriebe-Festival nutzte den Güterbahnhof und die Skatehall als Aufführungsorte. 2010 zeigten 35 Künstler beim Kunst-Flashmob ihre Werke im Freiraum Petersburg. Die alternative Veranstaltung zur Eröffnung der Arte Regionale zog viele Offizielle der Kunstszene an.

Hochkultur wird in der Hannoverschen Straße im Pianohaus Kemp mit Klassikkonzerten gepflegt. Und dann gibt es Piepenbrock. Alljährlich verleiht das Unternehmen den Piepenbrock-Kunst-Förderpreis an der Universität Osnabrück. Außerdem ist es Sponsor der Dresdener Semperoper und des Berliner Konzerthauses und hat 20 Jahre einen der höchstdotierten Skulpturenpreise Europas verliehen.


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