Strahlenexperte Pflugbeil zu Gast Fukushima und Tschernobyl: Nichts gelernt aus Super-GAUs?


Osnabrück. Er gilt als einer der schärfsten Kritiker der Atomindustrie und ist einer der wenigen Wissenschaftler, die das Innere des explodierten Kernkraftwerks von Tschernobyl gesehen haben. Am 21. Mai kommt Sebastian Pflugbeil, Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz, nach Osnabrück. Auf Einladung der Universität berichtet der Physiker aus Berlin von seiner jüngsten Forschungsreise nach Fukushima und zeigt Parallelen zwischen den Super-Gaus von 1986 und 2011 auf.

Schon im Gespräch mit unserer Zeitung nimmt Pflugbeil kein Blatt vor den Mund. „Unverantwortlich“ nennt er die Aussagen der japanischen Regierung zur Gefahrenlage rund um das zerstörte Atomkraftwerk von Fukushima. Sie verharmlose die Fakten, setze Fachleute und Journalisten unter Druck, um das eigentliche Ausmaß der Katastrophe zu vertuschen. Umstände, die Pflugbeil mit Blick auf seine eigene Biografie bekannt vorkommen dürften: 1990 Minister ohne Geschäftsbereich in der DDR, hatte er Zugang zu streng geheimen Berichten über die Sicherheitsmängel der ostdeutschen Kernkraftwerke und sorgte dafür, dass sie bekannt wurden. Noch im selben Jahr wurden alle Reaktoren geschlossen und Bauvorhaben gestoppt.

Sechsmal war Pflugbeil nun schon im Krisengebiet von Fukushima, zuletzt im März. Vor Ort maß er an vielen Stellen die Radioaktivität, um sich ein eigenes Bild zu machen. „Offizielle Daten sind kaum zugänglich. Statistiken der Krankenhäuser über Missbildungen bei Kindern beispielsweise sind ab 2011 nicht weitergeführt worden, sodass es keine Erkenntnisse darüber gibt.“ Es gebe allerdings stichhaltige Hinweise, dass die Zahl der Totgeburten und die Fälle von Schilddrüsenkrebs zunehmen.

Zu den gesundheitlichen Problemen kommen außerdem noch gesellschaftliche, sagt Pflugbeil. „Viele Mütter sind mit ihren Kindern aus Fukushima weggezogen. Ihre Männer mussten wegen ihrer Arbeit häufig dort bleiben. Das hat viele Ehen zerstört.“ Die von Kernkraftwerk-Betreiber Tepco gezahlte Entschädigung habe längst nicht ausgereicht, um die katastrophenbedingten finanziellen Probleme der Betroffenen zu lösen.

Weil die Verflechtung von Politik und Wirtschaft in Japan sehr groß sei, gebe es inzwischen Bestrebungen, die abgeschalteten Atomkraftwerke wieder ans Netz zu nehmen. Der Strahlenschutz-Experte aus Deutschland prangert das an: „Japan könnte sich durch die Nutzung von Erdwärme, Sonne und Wind hervorragend mit Energie versorgen. Bei der Wiederinbetriebnahme der Kernkraftwerke spielen allein wirtschaftliche Interessen eine Rolle.“

Ein deprimierendes Bild zeichnet Physiker Pflugbeil auch von Tschernobyl. Seit dem Reaktorunglück vor bald 30 Jahren unternahm er rund 90 Reisen in die Strahlenregion, sprach mit Wissenschaftlern und Bürgern vor Ort. Sein Fazit: „In der ehemaligen kommunistischen Sowjetunion und im heutigen hoch technisierten Japan gibt es erstaunlicherweise ähnliche Reaktionen: Verharmlosung, Vertuschung und Lügen bestimmen die Nachrichtenlage.“ Pflugbeil ist sich sicher, dass Journalisten vor Ort bestochen werden, um entsprechend positiv über die Krisenregion zu berichten.

„Blick in die Hölle“

Er selbst weiß es besser, denn so nah dran an der Wahrheit wie Pflugbeil war und ist hierzulande wohl kaum ein anderer: Als erster Wissenschaftler aus dem Westen und einer von ganz wenigen überhaupt durfte er das Innere des Sarkophags im zerstörten Block IV in Tschernobyl besichtigen. Pflugbeil wollte dadurch nachweisen, dass die Einbettung des Reaktors in einen zweiten Betonsarg notwendig war. Eindrücklich beschreibt er, wie er den Besuch im Epizentrum der Katastrophe erlebte: „Wir wurden streng bewacht, sodass wir nicht alles sehen konnten, was ich gerne gesehen hätte. Heute bin ich ganz froh darüber. Mein Geigerzähler hat so gelärmt, dass ich ihn bald abgestellt habe. Es war handgreiflich, dass wir einen Blick in die Hölle getan hatten.“

Sebastian Pflugbeil spricht am Mittwoch, 21. Mai, ab 18.15 Uhr im Universitätsgebäude an der Seminarstraße 20, Raum 15/130. Sein Vortrag trägt den Titel „Tschernobyl – Deutschland – Fukushima“. Der Eintritt ist frei.


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