Neue Serie Europa in Osnabrück So französisch ist Osnabrück


Osnabrück. Inzwischen ist Jean-Pierre Lecomte so deutsch, dass er nach Feierabend lieber ein Bier trinkt als ein Glas Wein. Und wenn seine Frau Bettina, die der 66-Jährige vor 36 Jahren in Angers kennengelernt hat, mal Alkohol trinkt, dann lieber einen französischen Wein als ein deutsches Bier. Vor 32 Jahren war sich der Franzose aus Osnabrücks Partnerstadt endgültig sicher, in der Osnabrückerin Bettina Gullert die Frau seines Lebens gefunden zu haben, zog zu ihr in die Friedensstadt und heiratete sie. Ihre zweisprachig erzogenen Kinder Magaly und Mathieu sind das Ergebnis der deutsch-französischen Freundschaft zwischen Angers und Osnabrück.

Aus der Freundschaft ist schnell Liebe geworden. Pfingsten 1978 begann alles mit einem Zufall. Als die Tennisabteilung von Ballsport Eversburg einer Einladung des Vereins „Croix Blanche“ nach Angers folgte, wollte Jean-Pierre Lecomte eigentlich gar nicht teilnehmen, doch als der Vereinspräsident ihn persönlich anrief, weil noch ein männlicher Spieler fehlte, ließ er sich überreden. Er wurde Bettina Gullert zugelost und gewann mit ihr sogar das Pfingstturnier. Danach folgten Briefe und Telefonate, die die Telefonrechnungen auf beiden Seiten arg strapazierten. Ein Jahr später kam Lecomte als Begleiter seines Vereins nach Osnabrück, und als Bettina nach ihrem Abitur 1981 ein Jahr in Angers studierte, „um ihr Französisch zu perfektionieren“, wie sie sagt, zog sie direkt bei ihm ein. Danach wollten sie nie wieder getrennt leben. Als die angehende Lehrerin nach Osnabrück zurückkehrte, kam ihr Freund direkt mit. Der gelernte Gartenbauingenieur machte sich als Tennistrainer und Französischlehrer selbstständig, und seine Schüler schwärmen heute noch davon, dass sie bei den Tennisstunden mit ihm den Französischunterricht gratis bekommen.

Sobald die Tür zu Hause in dem Reihenhaus mit Garten in Eversburg zuschlägt, spricht die Familie nur noch französisch. Abends isst die Familie immer Salat und heiße Suppe. „Das habe ich aus Frankreich mitgenommen. „Das ist die französische Lebenskultur. In Frankreich hat man schöne Landschaften. Es ist warm und im Garten wächst alles, was man braucht. Man braucht nicht dafür zu arbeiten“, sagt der drahtige und lebenslustige Lecomte. Daher rühre vielleicht auch das Image, wofür die beiden Nationen stehen: „In Deutschland lebt man, um zu arbeiten. In Frankreich arbeitet man, um zu leben.“ Er fühle sich aber weder als Deutscher noch als Franzose. „Ich bin ein Europäer“, sagt er stolz. Er setzt sich dafür ein, dass bald noch viel mehr Osnabrücker so denken und am 25. Mai zur Europawahl wählen gehen. „ Das ist wichtig, denn der Frieden in Europa ist nicht selbstverständlich“, betont er. Am selben Tag steht auch er selbst zur Wahl, denn die rund 100 Franzosen in Osnabrück und auch alle anderen in Deutschland dürfen an diesem Tag und bis zum 20. Mai im Internet ihren Konsularvertreter wählen . Dafür steht er auf der Liste der Sozialdemokraten und Grünen als einziger Osnabrücker unter zehn Kandidaten in Norddeutschland zur Wahl.

In der Familie Lecomte leben aber noch weitere französische Rituale fort: An Heiligabend spielt Jean-Pierre Lecomte immer das Lied „Petit Papa Noël“ , das auf das Weihnachtsfest einstimmt. Zudem backen sie am 6. Januar, dem Dreikönigstag, immer eine Galette des Rois . In dem sogenannten „Königskuchen“ wird eine fève versteckt. Was früher eine Bohne war, ist heute eine kleine Porzellanfigur. Wer das Kuchenstück mit der fève erwischt, darf sich eine Krone aus Pappe aufsetzen und ist der König. Diesen Brauch feiert Lecomte außerdem mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) Osnabrück , deren stellvertretender Vorsitzender der 66-Jährige ist. Die DFG organisiert auch Französisch-Arbeitsgemeinschaften an sechs Grundschulen in Osnabrück. Lecomte hat mit 80 Viertklässlern dieser AG ebenfalls den französischen Dreikönigstag mit Galette des Rois gefeiert.

Auch beim Runden Tisch der DFG ist Lecomte in der Regel jeden ersten Samstag pro Monat im Restaurant Arabesque dabei. Er unterhält sich dort genauso gerne mit Franzosen wie mit Frankophilen aus Osnabrück auf Französisch. So sorgt Jean-Pierre Lecomte seit drei Jahrzehnten dafür, dass Osnabrück Jahr für Jahr ein Stück französischer wird.


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