Frauen, die Bärte tragen Von der Dame zum Drag King – Ein Selbstversuch

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Osnabrück. Wie fühlt es sich an, ein Mann zu sein? Beim Workshop „Be a Drag King“ lassen Frauen sich Bärte ankleben und tauschen Kleid gegen Herrenhemd. Das Spiel mit den Geschlechtern zeigt, wie sehr unsere Gesellschaft in Rollen denkt.

Die Friseurin schaut mich komisch an. „Ich weiß, es klingt vielleicht verrückt, aber ich würde gerne meine Haare mitnehmen“, wiederhole ich meinen Wunsch. Spärlich zieren meine feinen, roten Haare den Fußboden. Einen Tag später möchte ich sie mir ins Gesicht kleben, mir einen eigenen Bart basteln. Ein Bart an einer Frau? Der Damenbart ist wohl bekannt, doch darum soll es an diesem Sonntag in der Aidshilfe Osnabrück nicht gehen.

Während der „Gay in May“ -Tage wird hier ein besonderer Workshop angeboten. Drag Queens, wie Olivia Jones oder die Gewinnerin des Eurovision Song Contests Conchita Wurst , sind vielen ein Begriff. Männer werfen sich in weibliche Fummel, setzen ein pompöses Make-up und Perücken auf.

Drag Kings kehren das Spiel um. Aus Damen sollen Herren werden, mit mir stellen sich fünf Frauen der Herausforderung. „Be a Drag King“ lautet der Name der Veranstaltung. Meine große Tasche, bepackt mit Herrenhemd, Hose, Krawatte, Schiebermütze und natürlich den Haaren, habe ich in die Ecke gestellt. Zuerst beginnen wir mit der Theorie. Die Workshop-Leiterinnen Tanja Sweredjuk und Julia Abts, die bereits Erfahrungen als Drag King gesammelt haben, erarbeiten mit uns typisch männliche Eigenschaften. „Behaart“, tönt es aus dem linken Teil des Halbkreises. „Männer haben breite Schultern und tiefe Stimmen“, meint eine andere Teilnehmerin. Die Liste wird länger und länger. „Wir können schon überspitzt mit Extremen spielen, um die Männerrolle zu verstehen“, meint Sweredjuk.

Übertriebene Gesten

Dass vor allem Extreme, das Übertreiben von Gesten, wichtig ist, zeigen kurze Sequenzen eines Filmes. „Man for a Day“ nennt sich der Streifen aus dem Jahr 2012, der nicht nur in der Szene für Aufmerksamkeit sorgte. Dabei wird Diane Torr , Künstlerin und Feministin aus New York, bei einem ihrer Berliner Workshops begleitet. In einer Woche bringt sie Frauen bei, ihre Männlichkeit zu entdecken, löst mit ihrem Alter Ego Danny King die klassische Rollenverteilung auf. Laut Torr ist Geschlecht vor allem Performance, aus dem männlichen Rollenspiel können Teilnehmerinnen Verhaltensweisen für sich entdecken. Die Künstlerin erklärt das so: „Männer sitzen nicht nur auf einem Stuhl, sie besitzen ihn. Mit ihren kräftigen Schritten zeigen sie: Der Boden, auf dem ich wandle, gehört mir.“ Frauen hingegen seien zurückhaltender, leise in der Kommunikation, sanft im Auftreten.

Doch für Sitz-, Gang- oder Sprechübungen bleibt an diesem Nachmittag keine Zeit. Auf einem Zettel, der die Überschrift „Mein King“ trägt, sollen wir uns überlegen, wie der Mann tickt, den wir in ein paar Minuten darstellen möchten. Name, Alter, Beruf, Familienstand, Wohnsituation und Charaktereigenschaften werden erdacht. Die Ergebnisse unterscheiden sich wie im wahren Leben. Vom Wirtschaftsprüfer über den Sozialpädagogen bis zum Studenten ist heute alles vertreten. Nun gilt es, die Person in Form zu bringen.

Bevor wir uns in Männer verwandeln, müssen wir unser weibliches Aussehen ablegen. Die Brust wird abgebunden, der Schritt ausgestopft. Dafür werden Kondome mit Watte gefüllt. Während ich meine Haare über einem Blatt Papier fein schneide, erzählt mir Tanja , dass sie sich vor drei Jahren das erste Mal zum Mann verwandelt habe. Seitdem achtet sie verstärkt auf Bartformen. „Akkurat geschnittene Bärte finde ich gut“, sagt sie und lacht. „Aber das kommt meistens auf meine Laune an.“ Heute entscheidet sie sich für einen Vollbart. Ich wähle, aufgrund mangelnden Haares, einen kleinen Oberlippen- und Kinnbart. Wie ein Pritt-Stift sieht der Kleber aus, den ich mir auf die Gesichtspartien schmiere, danach tupft Kursleiterin Julia Abts mit einem kleinen Schwamm die feinen Haare auf meine Haut. Passend zu meiner männlichen Kleidung trage ich nun einen Bart.

„Wie süß, ein richtiges Milchbärtchen“, scherzen die anderen Mädchen, die im Bad zu künstlerischen Hochformen auflaufen. Mit einem Stift malen sie sich Koteletten und Vollbart vor, für ihr Mammutprojekt benötigen sie den flüssigen Kleber. „Ich bin schon sehr ehrgeizig, wenn es um meinen Bart geht. Er soll perfekt sein“, gesteht ein Mädchen mit braunen Locken, während es sich kritisch im Spiegel betrachtet und ihre Haare auf dem Kleber drückt. Wenig später ruft sie überrascht: „Verrückt, ich sehe aus wie mein Bruder. Ich muss ihm unbedingt ein Foto schicken.“

Auch Tanja Sweredjuks hat sich ihrer Familie bereits in männlicher Gestalt präsentiert. Als Drag King erkannten ihre Eltern sie erst nicht. „Mein Vater fand es dann aber witzig“, erzählt sie. „Meine Mutter kann nichts damit anfangen.“ Bei Drag Kings scheiden sich die Geister.

Als Anfang der 90er die ersten Damen mit Bart gesichtet wurden, feierte die Szene das Experiment. Feministinnen hingegen kritisierten die Verwandlung auf Zeit, empfanden es als Glorifizierung des Männlichen.

Großer Spaß statt Kritik

Für die Osnabrückerinnen ist es an diesem Tag ein großer Spaß. Sie können die
Kritik nicht verstehen, empfinden den Rollentausch als lustige Bereicherung, die Stereotypen den Spiegel vorhält.

Ähnlich wie es auch Conchita Wurst vergangene Woche in Kopenhagen tat. Die Kunstfigur, welche im wirklichen Leben ein Mann namens Tom Neuwirth ist, gewann für Österreich den Eurovision Song Contest. Vor allem ihre Erscheinung fasziniert und irritiert die Menschen zugleich. Die Dame mit dem langen dunklen Haaren und den glitzernden Roben trägt ein ganz besonderes Accessoire: Passend zum perfekten Make-up ziert ein gepflegter Vollbart ihr Gesicht. Eine Kombination, die überrascht und zum Nachdenken anregt.

Tanja Sweredjuk liebt diesen Überraschungseffekt. Als Drag King hat sie bereits an Bars ein Bier getrunken oder ist über die Maiwoche geschlendert. „Die Reaktion des Umfelds ist echt faszinierend“, erzählt sie. „Wenn ich mit meinem Bart auf die Damentoilette gehe, werde ich schon verwundert angeschaut.“ Die Blicke der anderen stören die 34 Jahre alte Studentin nicht. Oft versucht sie gar Aufmerksamkeit zu gewinnen, lächelt fremde Männer an, um ihre Maskerade auszutesten.

Als ich mir abends den Bart um meinen Mund anschaue, spuken mir männliche und weibliche Klischees im Kopf herum. Der Tag hat seine Spuren hinterlassen und aufgezeigt, wie sehr unser Geschlecht unser Verhalten bestimmen kann. Der Ausbruch war spannend, und doch kratzt der Bart zunehmend. Als ich ihn abnehme, muss ich unweigerlich an den Hit der Sängerin Lucilectric aus den 90ern denken: „Ich bin so froh, dass ich ein Mädchen bin.“ Eine Erklärung warum? Da gibt es sicherlich viele, am Ende entscheidet aber einfach mein Gefühl.


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